ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2018Smart Hospital: Richtungswechsel im Denken

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Smart Hospital: Richtungswechsel im Denken

Dtsch Arztebl 2018; 115(13): A-570 / B-498 / C-498

Krüger-Brand, Heike E.

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Bei der digitalen Transformation im Krankenhaus geht es nicht nur um Effizienz und Wirtschaftlichkeit, sondern der Patient sollte im Mittelpunkt des Handelns stehen.

Vor allem in der Radiologie und der Pathologie wird im Universitätsklinikum Essen Künstliche Intelligenz genutzt, etwa um Krankheitssymptome abzuklären. Fotos: Universitätsklinikum Essen
Vor allem in der Radiologie und der Pathologie wird im Universitätsklinikum Essen Künstliche Intelligenz genutzt, etwa um Krankheitssymptome abzuklären. Fotos: Universitätsklinikum Essen

Mit der Digitalisierung steht die Medizin vor einem großen Innovationssprung, der in vielfältiger Weise auch die Krankenhäuser betrifft. Nach einer Studie von Roland Berger haben knapp 90 Prozent der Häuser eine Digitalisierungsstrategie entwickelt, um ihre Effizienz und Wirtschaftlichkeit zu steigern. Das Universitätsklinikum Essen verfolgt jedoch einen darüber hinausgehenden komplexeren Ansatz, so der Ärztliche Direktor und Vorstandsvorsitzende Prof. Dr. med. Jochen A. Werner*.

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Mit Blick auf den Pflegenotstand und den Ärztemangel sieht er vor allem eine Entlastung der Ärzte und Pflegekräfte von administrativen Prozessen und sich wiederholenden Abläufen als wichtiges Ziel der Digitalisierung. „Unterstützungssysteme bringen uns dabei weiter. Digitalisierung im Gesundheitswesen ist kein Selbstzweck, sie muss darauf abzielen, dem Wohl des Patienten zu dienen, seine Heilung zu fördern und Nutzen zu stiften, und sie muss ausbalanciert sein und ergänzt werden durch menschliche Nähe.“ Die Digitalisierung werde dazu beitragen, Ärzte und Pflegekräfte wieder patientennah einzusetzen und die Patienten wieder verstärkt in den Fokus der Behandlung zu stellen, meinte Werner.

Institut für Patientenerleben

Um zu erfahren, was die Patienten tatsächlich wollen, und um sie gezielt in die digitale Transformation einzubeziehen, hat die Universitätsmedizin Essen ein Institut für Patientenerleben gegründet. Ein zentrales Thema ist dabei die Frage, wie das Patientenerleben durch das Krankenhaus selbst beeinflusst wird: „Wie bauen wir ein Krankenhaus so, dass es dem Patienten und den Mitarbeitern gut tut“, erläuterte der Klinik-Chef.

Die Universitätsmedizin Essen, ein Konzern mit zwölf Tochtergesellschaften und 8 200 Mitarbeitern, betreibt derzeit vier Bauvorhaben: Kinderklinik, HNO-Klinik, Nuklearmedizin und Pathologie/Rechtsmedizin. Das bietet viele Chancen der Einflussnahme: „Man muss versuchen zu erahnen, wie ein digitalisiertes Krankenhaus innen aussieht – schon vor der Planung“, betonte Werner. Gleichzeitig läuft in Essen unter dem Begriff Smart Hospital die komplette Neustrukturierung der Universitätsmedizin einschließlich Lehre, Forschung und Krankenversorgung. Pflegekräfte und Ärzte sollen dabei durch den Einsatz kognitiver (lernender) Computersysteme nachhaltig unterstützt und von fachfremden Tätigkeiten entlastet werden.

Die kognitiven Computersysteme ermöglichen es zudem, auf internationale Datenbanken zuzugreifen, Chancen und Risiken von Behandlungen zu vergleichen und Therapiekonzepte auf den jeweiligen Patienten bezogen umzusetzen. „Die standardisierte Medizin soll damit zur individualisierten Medizin werden. Ziel ist das vernetzte, digital gelenkte, intelligente Krankenhaus, in dem die Befunde und Maßnahmen des medizinischen Personals ebenso in eine elektronische Krankenakte fließen wie die über medizinische Geräte generierten Daten“, so Werner.

Verwendet werden hierfür in Essen diverse digitale Unterstützungssysteme, wie ein digitales Callcenter, ein sektorenübergreifendes Telemedizinnetzwerk, ein App-Store für die optimierte und intensivere Patientenbegleitung, die Integration eines Robotikcenters, eine Abteilung für 3-D-Druck, ein Data-Validation-Center und vor allem ein Bereich für künstliche Intelligenz (KI) in der Medizin.

Künstliche Intelligenz im Fokus

Experten gehen davon aus, dass etwa die Hälfte der Krankenhäuser in den nächsten fünf Jahren gezielt KI zur Patientenversorgung einsetzen wird. Nach der Studie „Sherlock in Health“ von PcW könnte der breite Einsatz von KI im Gesundheitswesen nicht nur helfen, schwere Erkrankungen früher zu erkennen und Millionen Menschen besser zu therapieren, sondern die prognostizierten Gesundheits- und Folgekosten in Europa binnen zehn Jahren um eine dreistellige Milliardensumme zu senken (www.pwc.de/de/gesundheitswesen-und-pharma/studie-sherlock-in-health.pdf).

„Ein großer Vorteil von KI in der Medizin ist die Möglichkeit, Abläufe zu beschleunigen, sowohl für die Ärzte als auch für die Patienten selbst“, erklärte Werner. Das Abklären von Krankheitssymptomen, um eine entsprechende Diagnose zu finden, sei insbesondere bei häufigen, unkritischen Krankheiten durch einen KI-Assistenten möglich. Wartezeiten im Krankenhaus könnten dadurch abnehmen. Auch eine diagnostische Ersteinschätzung durch den Patienten selbst erscheine möglich. Man folge in der Regel einem Fragenkatalog und erhalte eine „diagnostische Richtung“.

In Essen hält KI unter anderem Einzug in der Radiologie und der Pathologie. So gibt es etwa eine Arbeitsgruppe in der radiologischen Diagnostik, die Daten aus der zum Konzern gehörenden Ruhrlandklinik nutzt, um mit maschineller Unterstützung Diagnosen bei bestimmten Lungenerkrankungen mit einer höheren Trefferquote zu stellen als es Radiologen allein können. „In der Kombination von Maschine und Radiologen werden die besten Ergebnisse erzielt“, meinte Werner. Auch in der Onkologie und bei neurodegenerativen Erkrankungen gibt es laut Werner immer mehr Anwendungsbeispiele.

Ein weiteres Zukunftsthema ist die Operation am Simulator. „Wenn Piloten so ausgebildet wären wie Ärzte im normalen Klinikbetrieb ausgebildet werden, hätten wir mehr Meldungen über Probleme in der Luftfahrt“, kritisierte Werner. Das Lernen sei nicht strukturiert genug. Weil es schwierig ist, alle Techniken am Menschen zu zeigen, wird sich die Simulatortechnologie in der Aus-, Weiter- und Fortbildung durchsetzen, ist Werner überzeugt. Das gelte maßgeblich auch bei den Studierenden, die zunehmend Top-Informationsangebote und visualisierte Technologien nutzen wollten. „Hier geht derzeit die Schere auf im Hinblick darauf, ob ein Universitätsklinikum neue Wege geht.“

Wie setzt man Digitalisierung im Krankenhaus um? In der Universitätsmedizin Essen hat man als erste Maßnahme die zentrale Informationstechnologie neu strukturiert – sowohl personell mit einem neu installierten Führungsduo als auch technisch.

In der Biobank werden humane Biomaterialproben und die zugehörigen Daten für die medizinische Forschung gesammelt.
In der Biobank werden humane Biomaterialproben und die zugehörigen Daten für die medizinische Forschung gesammelt.

Basis ist die elektronische Patientenakte, in der ein Großteil der Patientendaten digital vorliegen soll und die in diesem Frühjahr ausgerollt wird. Mit der Einführung eines Patientendatenmanagementsystems in 2019 soll das für alle Patientendaten gelten. Das habe zunächst für Unruhe in der Belegschaft gesorgt, werde sich aber mit der Zeit durchsetzen, meinte Werner. Bis Mitte des Jahres soll zudem bei allen zwölf Tochtergesellschaften des Konzerns ein einheitliches Klinikinformationssystem eingeführt werden.

„Bei vielen Themen versuchen wir, den Personalrat und die Mitarbeiter in kleinen Arbeitsgruppen mitzunehmen und sie konkret einzubinden, beispielsweise in die Innenausstattung von den neuen Gebäuden“, berichtete Werner. „Was wollen wir beispielsweise für intelligente Wände haben? Welche Bettensysteme sollen beschafft werden? Wie sollen die Navigationssysteme durchs Klinikum aussehen? Das sind alles Fragen, denen man sich widmen muss.“

Auch für den Einsatz von RFID-Funktechnologie in verschiedenen Bereichen sei eine enge Abstimmung erforderlich. Eine sichtbare Kommandozentrale erleichtere solche Prozesse. So berichtete Werner von einem Projekt in einer großen deutschen Klinik, bei dem im OP jedes Instrument zu jedem Zeitpunkt durchgängig getrackt werden konnte. Am Ende konnte das System jedoch nicht eingeführt werden, weil man vergessen hatte, den Betriebsrat frühzeitig miteinzubinden. Dieser lehnte die Kontrolle mittels RFID-Chips ab.

Begeisterung und gute Beispiele

Der Richtungswechsel im Denken, die Digitalisierung, macht Werner zufolge viel Arbeit und muss intensiv begleitet werden. „Die Angst vor Veränderung treibt viele um. Wir müssen daher versuchen, Begeisterung und gute Beispiele für Verbesserungen zu schaffen, um positive Rückmeldungen zu bekommen.“ Letztlich gelte es, in diesem umfassenden Change-Prozess Mitarbeiter und Patienten mitzunehmen. Heike E. Krüger-Brand

* Beim Innovators Summit – Digital Health 2017

Kritische ethische Reflexion

Die Universitätsmedizin Essen hat eigens ein Ethikgremium für den Dialog über das „Smart Hospital“ berufen, um das Thema auch in seinen ethischen Dimensionen kritisch zu reflektieren. Mit unterschiedlichen Perspektiven aus Wissenschaft, Klinik und Industrie soll das interdisziplinäre Expertengremium „Ethik-Ellipse Smart Hospital“ Empfehlungen und Impulse erarbeiten, die die Realisierung des Projekts begleiten und unterstützen. Die Zusammenarbeit soll eine stabile Entwicklung von Medizin, Ökonomie und Ethik sicherstellen und dabei die Bedürfnisse der Patienten in den Mittelpunkt stellen.

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