THEMEN DER ZEIT: Kommentar

NS-Eponyme: Abschaffen oder beibehalten?

Dtsch Arztebl 2018; 115(13): A-578 / B-503 / C-503

Schäfer, Daniel

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Ende 2017 erhielten alle Mitgliedsgesellschaften der Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftlich Medizinischer Fachgesellschaften (AWMF) eine Anfrage, welche Namen von Krankheiten wegen der belasteten Geschichte ihrer Namensgeber auf Umbenennung geprüft werden sollten.

Ein weiteres Mal holt uns Geschichte ein. International, vor allem aus Sicht angloamerikanischer, israelischer und italienischer Kollegen und Kolleginnen, „brennt“ das Thema schon länger: Bereits 2007 wurde im British Medical Journal (Sep 1; 335 (7617): 424–25) eine Pro-Kontra-Debatte über die generelle Abschaffung von Eponymen ausgefochten.

Der Umgang mit historisch belasteten Namen ist schwierig. Je öffentlicher der Raum ist, in dem sie wirken, umso mehr werden sie zum Politikum, wo es sachliche Argumente schwer haben. Neben Straßen und Plätzen geraten Ehrenmitgliedschaften, Benennungen von Auszeichnungen und Stiftungen und eben auch Eponyme für physiologische und pathologische Prozesse in den Blick. Diese Diskussionen sind medizinhistorisch zu begrüßen. Sie rufen mit den Personen auch Fehlverhalten ins Bewusstsein, das zumindest in Deutschland (zu) lange verborgen blieb. Gut, dass wir inzwischen von Julius Hallervordens Rolle bei der Annahme und Entnahme von Gehirnen ermordeter Patienten der Tötungsanstalt Brandenburg-Görden wissen. Anhand seines Beispiels können wir über den Missbrauch medizinischer Macht und entgrenzte Forschung nachdenken. Aber wir sollten dann auch zur Kenntnis nehmen, dass die Studien, die zum Eponym „Hallervorden-Spatz-Krankheit“ führten, bereits in den 1920er-Jahren durchgeführt wurden.

Häufig bleibt unklar, worauf die einstige Praxis der Eigennamen-Benennungen eigentlich abzielte. Meistens sollte ein konkretes Forschungsergebnis kurz und prägnant benannt werden (zum Beispiel die Henle-Koch-Postulate), oft eine Forscherpersönlichkeit als solche geehrt (zum Beispiel Röntgen-Diagnostik) oder womöglich fachpolitische Machtinteressen durchgesetzt werden (zum Beispiel M. Alzheimer). In den letzten Jahrzehnten werden in der Medizin nur noch selten neue Eponyme eingeführt; Akronyme (Kunstwörter aus den Anfangsbuchstaben komplexer Bezeichnungen, zum Beispiel AIDS) und ad hoc gebildete Abkürzungen haben sie weitgehend abgelöst. Angesichts der konzeptuellen Unschärfe vieler älterer Bezeichnungen ist zu erwarten, dass deren Mehrzahl in den nächsten 50 Jahren in Vergessenheit gerät.

Aus Sicht der universitären Medizingeschichte ist es nicht damit getan, Begriffe aus der noch weitgehend unregulierten Fachsprache zu tilgen, selbst wenn dies in einem mühsamen Prozess mithilfe internationaler Absprachen zwischen Fachgesellschaften und Fachjournalen und konsequenter Meidung in der Fachdidaktik geschehen könnte. Die Bereinigung auf 15–30 „Nazi-Eponyme“ zu begrenzen wäre sachlich nicht zu rechtfertigen. Auch vor und nach der nationalsozialistischen Epoche haben Ärztinnen und Ärzte aus heutiger Sicht auf ethisch nicht akzeptable Weise Untersuchungsergebnisse gewonnen: Robert Kochs Arzneimittelversuche mit Tuberkulin oder Atoxyl, die mit schwersten Nebenwirkungen und Todesfällen einhergingen, würden vor keiner Ethikkommission bestehen können. Viele meiner Kollegen lehnen es daher ab, sich moralisch über einstige Ärzte zu erheben und die Historie durch eine damnatio dieser Namensgeberschaften korrigieren zu wollen. Vielmehr ist es wichtig, fortwährend Fehler der Vergangenheit zu benennen, aus ihnen zu lernen und auch die dunkle Geschichte des Fachs als die eigene anzuerkennen.

Dies gilt insbesondere für den Umgang mit NS-belasteten Eponymen. Es ist ausdrücklich zu begrüßen, dass medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaften sich ihrer Verantwortung stellen und ihre Geschichte erforschen (lassen), nicht zuletzt auch mit dem Anliegen, einen geeigneten Umgang mit den einst von ihnen Geehrten zu finden. Die auf einstige Fachvertreter verweisenden Bezeichnungen zu ändern, scheint mir hingegen weder durchsetzbar noch hilfreich zu sein. Dazu kommt, dass die Kriterien für die Rücknahme einer Benennung und ihren Ersatz nicht einheitlich, sondern nur im Einzelfall zu bestimmen sind und in vielen Fällen eine simple Zuordnung bestimmter Personen zu einer Gruppe von Tätern, Mitläufern, Profiteuren oder Opfern nicht möglich ist. Abhängig vom medizinhistorischen Forschungsstand wird es trotzdem angemessen sein, auf den problematischen Kontext einzelner Eponyme beziehungsweise ihrer Namensgeber hinzuweisen und auf alternative Benennungen aufmerksam zu machen. Solche differenzierten Empfehlungen sind historisch angemessener als apodiktische Erklärungen zum Gebrauch von Fachtermini, deren Reichweite und Verbindlichkeit fraglich wären.

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