ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2018Molekulare Tumordiagnostik: Baustein der modernen Onkologie

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Molekulare Tumordiagnostik: Baustein der modernen Onkologie

Dtsch Arztebl 2018; 115(13): A-589

Reisdorf, Simone

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Deutscher Krebskongress: Multigenanalysen mittels des Next Generation Sequencing spielen für die Ausdifferenzierung der Präzisionsmedizin in der Tumordiagnostik eine zentrale Rolle.

Der hohe Stellenwert der molekularen Tumortestung als ein Kriterium für die Therapieauswahl wird durch klinische Studien untermauert. So erreichte in der MOSCATO-Studie jeder 3. Patient ein deutlich verlängertes progressionsfreies Überleben (PFS), wenn er eine Behandlung erhielt, die auf sein individuelles Tumorprofil abgestimmt war. Inzwischen sind mehr als 50 000 Tumorgenome sequenziert, und immer wieder finden sich unerwartete, für die jeweilige Tumorentität ungewöhnliche Muster. Eine Patientengruppe, die von der Sequenzierung ganz besonders profitiert, sind Personen mit einem „Cancer of Unknown Primary“ (CUP).

Für die Sequenzierung des individuellen Tumorgenoms stehen moderne Tools zur Verfügung wie der validierte Service FoundationOne®. Er erfasst 315 krebsassoziierte Gene sowie die Tumormutationslast und Mikrosatelliteninstabilität und liefert neben der Analyse auch Informationen zu verfügbaren Therapien und zu laufenden Studien. Bei einem Symposium im Rahmen des Deutschen Krebskongresses präsentierte Priv.-Doz. Dr. med. Gunnar Folprecht, Universitätsklinikum Dresden, mehrere klinische Studien zum Stellenwert dieser und ähnlicher Tests, die jeweils ein Panel von bis zu mehreren Hundert tumorassoziierter Gene beinhalten.

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Aktuelle Studiendaten

In der MOSCATO-Studie waren 843 Erwachsene mit verschiedensten Krebsentitäten und auswertbarem Molekularprofil eingeschlossen. „Bei 411 Patienten fanden sich Zielstrukturen, für die es bereits spezifische Therapien gibt“, so Folprecht. 199 Patienten erhielten tatsächlich die empfohlene Therapie, und bei 193 von ihnen konnte man das PFS unter dieser Therapie (PFS2) mit dem PFS unter der vorherigen Therapie (PFS1) vergleichen. Das Ergebnis: Bei 33 % war das PFS2 mindestens 1,3-mal so lang wie das PFS1, berichtete Fol-precht. Die spezifisch auf ihren Tumor abgestimmte Therapie wirkte also besser als die vorherige (1).

In der ProfiLER-Studie lag das Tumorprofil von 1 944 Krebspatienten vor. Bei 1 004 wurde mindestens ein Angriffspunkt für eine gezielte Therapie gefunden, für 676 gab es eine konkrete Empfehlung. 143 von ihnen erhielten tatsächlich die empfohlene Therapie. Im Hinblick auf das 3-Jahres-Überleben (57,3 % vs. 46,1 %) wie auch das 5-Jahres-Überleben (34,8 % vs. 28,1 %) schnitt die Gruppe der 143 gezielt behandelten Patienten besser ab als die übrigen 533 Patienten, die die empfohlene Therapie aus verschiedensten Gründen nicht bekommen konnten (2).

Folprecht stellte zudem die IMPACT-Studie vor. Darin wurde das Tumorgenom von 10 336 Patienten analysiert. Die Muster waren sehr komplex und unerwartet. So wurden 42-mal ALK-Rearrangements gefunden: 39-mal bei Patienten mit nicht kleinzelligem Lungenkarzinom, aber auch 3-mal bei Personen mit anderen Tumorentitäten, bei denen sonst fast niemals ALK-Abweichungen vorkommen (3).

„Mehr als 50 000 Krebsgenome sind inzwischen sequenziert“, berichtete Prof. Dr. Wilko Weichert, TU München. Die Kosten seien massiv gesunken, von etwa 100 Millionen Dollar für das erste menschliche Genom auf etwa 1 000 Dollar mit dem aktuellen Next Generation Sequencing. „Breite genomische Stratifizierung ist heute machbar und sinnvoll“, erklärte der Pathologe. Dabei bieten ausgewählte Panels mit bis zu einigen hundert Genveränderungen einen finanzierbaren Kompromiss zum teureren „All you can do“-Prinzip. Wie ausgedehnt die Testung bei Patienten verschiedenster Krebsentitäten tatsächlich sein sollte, müssten künftige Entwicklungen noch zeigen.

CUP-Syndrom: Therapie suchen

Gar nicht so selten lässt sich der Krebs keiner bestimmten Entität zuordnen: Bei etwa 3 %–5 % aller onkologischen Erkrankungen ist kein Primärtumor (mehr) auffindbar. Der CUP hat oftmals eine schlechte Prognose, betonte Prof. Dr. Alwin Krämer, Heidelberg (4). Gerade diese Patienten können von einer molekularen Tumordiagnostik profitieren; bei etwa jedem dritten lässt sich damit doch noch eine passende Therapie finden (5).

Die internationale Studie MX39795 soll 790 Patienten einschließen, bei denen ein histologisch bestätigtes CUP-Syndrom mit mindestens einem messbaren soliden Tumor vorliegt, die in einem guten Allgemeinzustand sind und noch keine Chemotherapie erhalten haben. Die Tumorgenomsequenzierung wird mithilfe von Foundation One® erfolgen. Nach dieser Testung und einer Induktionsphase mit Chemotherapie sollen die Responder auf 1 von 9 spezifischen Therapien oder aber auf Fortsetzung der Chemotherapie randomisiert werden. Auch hier wird als Endpunkt das Verhältnis der PFS-Zeiten ermittelt. Simone Reisdorf

Quelle: Symposium „Klinischer Nutzen von molekularen Tumorprofilen für die Krebstherapie“, DKK, Berlin, am 22. Februar 2018. Veranstalter: Roche.

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit1318
oder über QR-Code.

1.
Massard C, Michiels S, Ferté C, et al.: Cancer Discov 2017; 7: 586–95 CrossRef MEDLINE
2.
Trédan O, et al.: ASCO 2017, Abstract # LBA100.
3.
Zehir A, Benayed R, Shah RH, et al.: Nat Med 2017; 23: 703–13 CrossRef CrossRef PubMed Central
4.
Massard C, Loriot Y, Fizazi K: Nat Rev Clin Oncol 2011; 8: 701–10 CrossRef MEDLINE
5.
Varghese AM, Arora A, Capanu M, et al.: Ann Oncol 2017; 28: 3015–21 CrossRef MEDLINE
1.Massard C, Michiels S, Ferté C, et al.: Cancer Discov 2017; 7: 586–95 CrossRef MEDLINE
2. Trédan O, et al.: ASCO 2017, Abstract # LBA100.
3.Zehir A, Benayed R, Shah RH, et al.: Nat Med 2017; 23: 703–13 CrossRef CrossRef PubMed Central
4.Massard C, Loriot Y, Fizazi K: Nat Rev Clin Oncol 2011; 8: 701–10 CrossRef MEDLINE
5.Varghese AM, Arora A, Capanu M, et al.: Ann Oncol 2017; 28: 3015–21 CrossRef MEDLINE

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