ArchivMedizin studieren1/2018Substanzmittelmissbrauch im Studium: Wenn der Druck zu gross wird

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Substanzmittelmissbrauch im Studium: Wenn der Druck zu gross wird

Medizin studieren, SS 2018: 7

Linhardt, Rita

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Leistungs- und Konkurrenzdruck im Medizinstudium beklagen viele Studierende. Einige fühlen sich dem teilweise nicht gewachsen und greifen zu Amphetaminen und Antidepressiva – ein kritischer Bericht einer Medizinstudentin.

Foto: Sergey Nivens/stock.adobe.com
Foto: Sergey Nivens/stock.adobe.com

Medizinstudierende sollen lernen, Krankheiten zu heilen, Schmerzen zu lindern und Leben zu retten. Dabei lässt das knallhart selektive Auswahlverfahren nur die Abiturbesten zum Medizinstudium zu. Haben sie einen Studienplatz erhalten, wird es schnell gefährlich: Übervolle Stundenpläne sowie Konkurrenz- und Leistungsdruck machen den jungen Studierenden zu schaffen – mit teils fatalen Folgen. Schaffen die Konzeptionen des Studiengangs Medizin die Rahmenbedingungen dafür, tatsächlich verantwortungsbewusste junge Ärzte hervorzubringen?

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Statistiken zum Thema Substanzmittelmissbrauch im Studium gaben Auskunft: In einem von der Techniker Krankenkasse (TK) veröffentlichten Gesundheitsreport aus dem Jahr 2015 steht die Gesundheit von Studierenden im Fokus. Der Report wertet die Krankschreibungen der 4,4 Millionen bei der TK versicherten Erwerbspersonen sowie ihre Arzneimittelverschreibungen aus. Dabei wird auch über die Verordnung des Wirkstoffes Methylphenidat (Handelsname Ritalin) berichtet. Bis 2011 war der Wirkstoff in Deutschland nur zur Behandlung von ADHS bei Kindern und Jugendlichen zugelassen, ab diesem Zeitpunkt auch für die Therapie von Erwachsenen. Zwischen 2006 und 2014 lässt sich eine erhebliche Steigerung der Verordnungsraten um den Faktor 4,31 bei Studierenden beobachten. Auffällig ist dabei insbesondere der Anstieg der Verordnungsraten ab 2011. Unter amerikanischen Studenten ist die Einnahme von Ritalin längst Alltag. Statistiken zufolge nimmt in den USA bereits jeder vierte Student das verschreibungspflichtige Medikament zu sich.

Dr. med. Diana Kloppenburg, Leitende Oberärztin der Klinik für Suchtmedizin der KRH Psychiatrie Wunstorf, erlebt akute Fälle von suchtkranken Medizinstudenten in ihrem Klinikalltag eher selten. „In den letzten Jahren hatten wir drei bis vier Patienten, die mit Amphetaminmissbrauch, Cannabis- und Partydrogenproblemen im Rahmen eines depressiven Erschöpfungszustandes stationär waren. Allerdings ist die Schwelle, sich in einer Psychiatrie vorzustellen, sehr hoch. Da muss die Lage schon wirklich verzweifelt sein.“ Weiter berichtet sie, dass das Thema Abhängigkeit in der Gesellschaft hoch stigmatisiert sei. Stelle sich jemand bei ihnen als Patient mit dieser Problematik vor, würde man zunächst versuchen, über Einzel- und Gruppengespräche einen Einstieg in das Thema zu vermitteln. Dann müsse man den Patienten motivieren, in den kommenden Jahren am Thema „dranzubleiben“. „Obwohl wir wenige Fälle in der Klinik haben, könnte ich mir trotzdem vorstellen, dass die Dunkelziffer von Amphetaminmissbrauch bei Studenten relativ hoch ist. Ritalin ist ein Amphetamin und kann abhängig machen!“, warnt die Ärztin. Als leistungssteigernde Substanz werde in manchen Regionen Deutschlands neben Ritalin auch zunehmend Methamphetamin, das sogenannte Crystal Meth, auf dem Schwarzmarkt vertrieben.

Auch in den psychologischen Beratungsstellen sind Fälle von suchtkranken Studierenden eher eine Seltenheit. Die Psychologische Beratungsstelle Hannover beispielsweise wird von etwa 900 Studenten im Jahr aufgesucht. Davon kommen zwei Prozent mit Suchtproblemen, sieben Prozent sind Medizinstudierende. Diese suchen die Beratungsstelle allerdings meist wegen anderer Probleme auf, vor allem aufgrund von Prüfungsängsten. Dass ein Medizinstudent seinen Ritalinabusus thematisiere, komme so gut wie nie vor, heißt es. Das bedeute allerdings nicht, dass keine leistungssteigernden Mittel konsumiert würden. Möglicherweise werde der Konsum unter den Studierenden einfach nicht als problematisch gesehen, mutmaßen die Berater.

Mit Ritalin ist die Pillenpalette für angehende Ärztinnen und Ärzte allerdings nicht abgearbeitet: Die Techniker Krankenkasse veröffentlichte Ergebnisse einer weiteren Studie mit 130 000 Versicherten. Demnach werden Antidepressiva bei Studierenden wesentlich häufiger verschrieben als in vergleichbaren Altersgruppen. Ob diese Verordnungen immer indiziert sind, ist unklar. Im Dunkeln liegt zudem, von wem sie verschrieben werden. Oft ist es ein Freund der Familie, ein Verwandter, der gute alte Hausarzt oder auch der eigene Vater. Verordnet werden auch Betablocker, um den Puls während der Prüfung zu beruhigen oder Benzodiazepine gegen die Angst vor dem Einschlafen – die Liste der Psychostimulanzien ist lang.

Wie sind die Zeichen zu deuten? Sprechen sie für eine massive Überforderung einer Generation heranwachsender junger Ärztinnen und Ärzte – Menschen, die noch nicht einmal die Approbation in den Händen halten? In der Klinik könnte es weitergehen. Der Medikamentenmissbrauch bei Medizinern ist zwei- bis dreimal höher als in der Allgemeinbevölkerung: Etwa zehn Prozent der jungen Ärztinnen und Ärzte konsumieren Studien zufolge regelmäßig Beruhigungsmittel, Schlafmittel und Ähnliches. Schon seit Jahren ist bekannt, dass die Suizidraten bei Medizinern erhöht sind.

Fordern kann man, dass angehende Ärzte schon im Studium lernen müssen, wie man mit Druck und Belastung umgeht. Die Medizinische Fakultät der Universität zu Lübeck plädiert für einen verantwortungsbewussten Umgang der Work-Life-Balance bei ihren Studierenden. Die psychologischen Beratungsstellen der Universitäten vermitteln in Kursen, wie man mit einfachen Tricks Prüfungsängste abbauen kann – ohne in den Medikamentenschrank zu greifen. Auch die Hochschulgemeinden sind gute Adressen, um sich Hilfe und Beratung zu holen. Zuletzt sind noch Freunde und Kommilitonen zu nennen, die oft mit den gleichen Problemen kämpfen und wertvolle Stützen sein können.

Eine weitere Strategie für junge Ärzte ist eine Teilzeitstelle. Diana Kloppenburg beobachtet diesen Trend bei ihren neuen Kolleginnen und Kollegen in der Psychiatrie: „Die meisten reduzieren nach kurzer Zeit auf 32 Stunden pro Woche, weil sie merken, dass sie dem Druck nicht gewachsen sind. Wir haben unter den Ärzten in Weiterbildung fast nur noch Teilzeitkräfte.“ Die neue Ärztegeneration ist dafür bekannt, dass sie lieber geregelte Arbeitszeiten, Kinder und eine Familie wollen als ein Leben voller Übermüdung und ständigen Konfliktsituationen.

Wege aus der Krise

Auch wenn es manchmal subjektiv nicht danach aussieht: Auswege aus der Krise gibt es!

Foto: euregiocontent/stock.adobe.com
Foto: euregiocontent/stock.adobe.com

Erste Ansprechpartner können die psychologischen Studienberatungsstellen sein, die an allen Universitäten zu finden sind und für die Studierenden aller Fachrichtungen offen sind. Die Psychologische Beratung der Studentenwerke ist konkret auf die studentische Lebenswelt zugeschnitten. Sie unterstützt Studierende bei allen persönlichen Belastungen und Krisen sowie bei allen Fragen und Problemen, die das Studium beeinträchtigen können.

Probleme, mit denen sich Studierende am häufigsten an die psychologischen Beratungsstellen an den Universitäten wenden, sind:

● Stress und Überforderungserleben

● Prüfungsängste

● akute Krisensituationen

● Schreibblockaden, Lernprobleme und Prokrastination

● Orientierungs-, Motivations- und Entscheidungsschwierigkeiten

● Kontakt- und Beziehungsschwierigkeiten

● Selbstwertprobleme, Angstzustände und Depressionen

● Psychosomatische Beschwerden

● Spezifische Probleme bei internationalen Studierenden (Kulturschock, Angst um Angehörige in Krisengebieten)

● Konflikte in der Gruppenarbeit

Das Angebot der psychologischen Beratung umfasst dabei Einzelberatung, Seminare und Workshops. Die Beratungen sind kostenlos. Für internationale Studierende werden an den meisten Universitäten Beratungen auch auf Englisch angeboten.

Unterstützung bieten aber auch Selbsthilfegruppen für Studierende, die das Gefühl „Du bist nicht allein“ geben und weitere Hilfsangebote vermitteln können.
Zusätzlich kann man auch den Kontakt zu ambulanten Psychotherapeuten suchen. ER

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