ArchivMedizin studieren1/2018Ghana: Turbo-Medizin

Studium: Ausland

Ghana: Turbo-Medizin

Medizin studieren, SS 2018: 12

Vogel, Tim

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Halsbrecherische Taxifahrten, Fufu zum Mittag und ein sehr spezielles Arzt-Patienten-Verhältnis – Tim Vogel hat bei seiner Famulatur in Ghana viel erlebt. Hier berichtet er von eigenwilliger Anästhesie, seinem ersten Kaiserschnitt und stehenden Leichen.

In Ghana gibt es eine allgemeine Kran­ken­ver­siche­rung, die eine Basisversorgung abdeckt. Dennoch zögern viele Patienten den Arztbesuch hinaus. Foto: You4Ghana
In Ghana gibt es eine allgemeine Kran­ken­ver­siche­rung, die eine Basisversorgung abdeckt. Dennoch zögern viele Patienten den Arztbesuch hinaus. Foto: You4Ghana

Es ist morgens um 7.20 Uhr. Ein Taxi durchbricht den dichten Nebel, der über die zahlreichen Schlaglöcher der Straße von Obo nach Mpraeso zieht. Ziel des Taxis ist das staatliche Atibie Hospital. In dem kleinen VW Golf sitzen neben dem Fahrer und mir auf dem Beifahrersitz noch vier weitere Medizinstudierende. Eine davon auf meinem Schoß. Trotz der morgendlichen Kälte des Kwahu-Hochlands sind die Fenster offen. Zum einen, weil Benzingestank und Abgase sonst die Sinne benebeln. Zum anderen funktioniert der Fensterheber nicht.

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Wie jeden Morgen ist der Verkehr zwischen den kleinen Dörfern turbulent, aber: „In ghanain traffic you always risk your life but you never die.“ So komme ich auch heute unbeschadet im Atibie Goverment Hospital an, wo ich die letzte Famulatur meines Medizinstudiums absolviere. Ein Großteil dieser Famulatur besteht aus Warten. Warten auf Patienten. Warten auf Pflegekräfte. Oder, wie an diesem Morgen, Warten auf Dr. Jonas für die Visite.

Letzteres ist allerdings eher ungewöhnlich. Denn Dr. Jonas legt von den fünf im Krankenhaus angestellten Ärzten den größten Elan in den Unterricht während der Visite. So erscheint er wenige Minuten später gut gelaunt und schon beginnt die Fragerunde: Welche Malariaerreger gibt es? Welche Symptome? Wie behandeln? Auf dem Weg zur internistischen Station, einem Flachbau mit etwa 30 Betten, diskutiere ich mit Jonas die verschiedenen Therapiemöglichkeiten. Den ersten Patienten begrüßt er fröhlich: „M’aakye, Papa, Ete sen?“ (Sprich: Madschi Papa, äte sän?) – Guten Morgen Papa, wie geht‘s? Die darauffolgende Anamnese im Mix aus Twi – einer ghanaischen Sprache – und Englisch fasst der junge Arzt nach wenigen Minuten für mich zusammen:

„Der Patient hat seit drei Wochen Husten mit blutig tingiertem Auswurf, leichtes Fieber und Nachtschweiß. Zudem fühlt er sich schwach und hat Gewicht verloren.“ Ich überlege kurz. Aufgrund des Alters und fehlendem Nikotinabusus des Patienten scheint ein Lungentumor unwahrscheinlich. Mit Blick auf den eben von mir auskultierten Mann und die zehn benachbarten Patienten beschleicht mich ein gewisses Unbehagen: „Es könnte vermutlich Tuberkulose sein. Sollten wir den Patienten nicht lieber isolieren?“

Aber Dr. Jonas beschwichtigt: Eine Isolation sei zunächst nicht nötig, ebenso wenig ein Mundschutz. Stattdessen lässt er mich ein Thorax-Röntgen – die einzige verfügbare apparative Diagnostik – und eine Sputumkontrolle anordnen, deren Ergebnis wir dann in der nächsten Visite besprechen. Natürlich hatte der Patient eine offene Lungentuberkulose. Daher wird er vom 20-Bett-Zimmer in ein Zweibettzimmer verlegt. Einen Mundschutz gibt es dennoch nicht.

Die OP-Ausstattung ist in Ghana häufig einfach: So erfolgt hier bei einer Fibromentfernung die Beatmung der Patientin nur mit einem Güdeltubu.
Die OP-Ausstattung ist in Ghana häufig einfach: So erfolgt hier bei einer Fibromentfernung die Beatmung der Patientin nur mit einem Güdeltubu.

Für den heutigen Morgen ist aber nach etwa zwei Stunden die Visite bei 80 Patienten auf der Kinder-, Frauen- und chirurgischen Station geschafft. Der Nebel hat sich mittlerweile gelichtet und die Sonnenstrahlen durchbrechen den wolkigen Himmel. Ich mache mich auf den Weg zur Ambulanz, die ebenfalls Teil des Krankenhauses ist. Dort sitzen bereits über 100 Patienten im lauten und zugigen Warteraum auf Metallbänken. Im Sprechzimmer sortiert Gifty, die mir zugeordnete Krankenschwester, bereits die ersten Krankenakten auf dem großen Holztisch.

Paul und Steven, zwei der fünf Ärzte des Atibie Hospitals, bei einer Hysterektomie: Die Patientin greift öfter an Pauls Kittel, weil sie auch noch unter der PDA Schmerzen hat. Fotos: TimVogel
Paul und Steven, zwei der fünf Ärzte des Atibie Hospitals, bei einer Hysterektomie: Die Patientin greift öfter an Pauls Kittel, weil sie auch noch unter der PDA Schmerzen hat. Fotos: TimVogel

Als 20 Minuten später Paul, ein weiterer Arzt des Krankenhauses, eintrifft, kann es endlich losgehen: Im Minutentakt ruft Gifty die Patienten auf und Paul und ich behandeln sie parallel. Häufig kommen die Patienten nur für ein neues Rezept. Die größte Herausforderung ist dann, die handschriftlich geführte Anordnung vom vorherigen Besuch zu entziffern. In Ghana gibt es eine allgemeine, erschwingliche Kran­ken­ver­siche­rung, die eine Basisversorgung abdeckt. Dennoch zögern viele Patienten den Arztbesuch hinaus, weil sie ihre Gesundheitsprobleme nicht so wichtig nehmen. Das erschwert die Behandlung der zahlreichen Diabetiker und Hypertoniker und verschlimmert akute Erkrankungen.

Paul ist sogar noch jünger als Jonas – in der Ambulanz aber recht routiniert. Schon nach wenigen Fragen stellt er eine Diagnose. Körperliche Untersuchungen scheinen ihm nur selten notwendig. Häufiges sei schließlich auch hier häufig. Ebenso unterscheidet sich das Arzt-Patienten-Verhältnis von meinen bisherigen Erfahrungen. Als eine Patientin über Schlafstörungen klagt, die sie nachts nur für eine Stunde zur Ruhe kommen lassen, fährt Paul sie an: „Niemand kann nachts nur eine Stunde schlafen! Du lügst! Geh nach Hause!“ Als die Patientin daraufhin zu weinen beginnt, meint der Mediziner zu mir gewandt: „Die Patientin hat kein Problem.“ Schließlich geht sie ohne Behandlung.

Gegen 13 Uhr hat sich der dunkle Warteraum der Ambulanz deutlich geleert. Zeit für meine Mittagspause: Im nahegelegenen Restaurant gibt es heute Fufu – ein typisch ghanaisches Gericht. Fufu ist ein teigiger, recht nüchterner, weicher Kloß, der meist in einer scharfen Erdnusssuppe schwimmend serviert wird. Während ich mit den Fingern das klebrige Fufu in die Suppe eintauche, bin ich froh über einige Minuten Ruhe vom lärmenden Krankenhausalltag. Da heute Pauls OP-Tag ist und ich ihm assistieren darf, laufe ich aber nach dem Essen zügig zurück ins Krankenhaus. Der Fufu-Kloß scheint sich inzwischen in meinem Magen wieder zusammenzusetzen.

Im OP-Bereich wartet Paul bereits mit einer großen, gelben Gummischürze auf mich. Er selbst trägt eine grüne Schürze und ein Paar Gummistiefel. Ein Kaiserschnitt steht auf dem Plan. Da ich zum ersten Mal bei einem Kaiserschnitt assistiere, bin ich etwas aufgeregt und beginne zu schwitzen. Schnell bildet sich unter der dicken Schürze ein dunkler Fleck auf meinem T-Shirt, während ich mir das Vorgehen des Assistenten bei der letzten Sectio ins Gedächtnis rufe.

Die Patientin ist schon längst per PDA anästhesiert, als Paul und ich den Saal betreten. Fast alle OP-Patienten werden so betäubt – eine balancierte Anästhesie ist laut der Anästhesistin nicht zu kontrollieren, da es noch nicht mal ein funktionierendes EKG gibt. So kommt es öfter vor, dass Patienten bei Schmerzen nach den Operateuren greifen.

Über das Sirren der Klimaanlage hinweg gibt mir Paul zu verstehen, dass ich nun an den Tisch treten kann. Dann geht alles ganz schnell: Hautschnitt, Faszien teilen, Muskeln einreißen – schon ist die riesige Gebärmutter freipräpariert. Einige Schnitte später ist die Fruchtblase zu sehen. Als Paul sie einritzt, bin ich sehr froh über meine Gummistiefel. Über die Fliesen des OP-Bodens ergießt sich das Fruchtwasser. Mit zwei Griffen holt Paul geschickt das Neugeborene und drückt es mir in die Hände. Während er die Nabelschnur durchschneidet, beginnt der kleine Junge zu schreien. Ich bin ein bisschen ergriffen von meinem ersten Kaiserschnitt.

Eine Schwester versorgt den Jungen weiter, während wir uns wieder der Mutter zuwenden. Zügig vernäht Paul den Uterus und die Faszien. Für die Hautnaht tauschen wir schließlich die Plätze – die darf ich machen. Da ich an die derbe Haut der Ghanaer nicht gewohnt bin, brauche ich für die Naht ziemlich lang. Aber immerhin lobt Paul mich für das kosmetische Ergebnis.

Im Boafeng Monkey Sanctuary lässt sich Autor Tim Vogel am Wochenende von Mona-Affen erobern. Für Bananen tun die kleine Äffchen fast alles ...
Im Boafeng Monkey Sanctuary lässt sich Autor Tim Vogel am Wochenende von Mona-Affen erobern. Für Bananen tun die kleine Äffchen fast alles ...

Weil die Zeit nun schon vorgerückt ist, verschieben wir leider ein besonders Erlebnis: Paul hatte mir versprochen, den Raum mit den „weißen Wanderern“ zu zeigen – Ja, „Game of Thrones“ erfreut sich auch in Ghana großer Beliebtheit. Gemeint ist der Leichenraum des Krankenhauses. Da ghanaische Beerdigungen häufig große, über Monate geplante Feste sind, werden verstorbene Patienten tiefgefroren. Aufgrund von Platzmangel liegen die Leichen nicht nur, einige stehen auch – ein sehr gruseliger Anblick, den ich einige Tage später und noch oft in meinen Albträumen zu sehen bekomme.

Für heute ist der Arbeitstag allerdings vorbei. So suche ich mir ein Taxi, um endlich zurück nach Obo zu kommen. Das ist schnell gefunden und füllt sich bald mit einer alten Frau und ihrer Enkelin und einem Mann mit einem Huhn auf dem Arm. Diesmal funktioniert sogar der Fensterheber.

Reisen nach Ghana

Foto: Garvepino/iStockphoto
Foto: Garvepino/iStockphoto

Deutsche benötigen für Ghana ein dreimonatiges Visum, das Du für 110 Euro online bei der ghanaischen Botschaft beantragst. Hilfestellung bietet hierfür auch die Vermittlungsorganisation. Zwingend für den Visumsantrag ist eine Gelbfieberimpfung. Für weitere Impfungen sowie die Malariaprophylaxe solltest du dich unbedingt reisemedizinisch beraten lassen. Es gibt von Deutschland aus keine Direktflüge in die ghanaische Hauptstadt Accra. So muss man über London, Paris, Amsterdam oder Istanbul fliegen. Hin- und Rückflug kosten je nach Angebot und Buchungszeit zwischen 500 bis 1000 Euro.

You4Ghana

You4Ghana ist eine von vielen Organisationen, an die man sich wenden kann, um in Ghana zu famulieren. Torben Pleß gründete den Verein 2015. Neben der Entwicklungszusammenarbeit vermittelt die Organisation Praktikumsplätze in der Kwahu-Hochebene, hauptsächlich für deutsche Medizinstudierende. Die Bewerbung erfolgt formlos per Mail. Für eine einmonatige Famulatur verlangt You4Ghana insgesamt 720 Euro. Darin sind enthalten: Die Vermittlungsgebühr, Kost und Unterkunft, die Abholung vom Flughafen sowie eine obligatorische Spende an einen Krankenhausfond, um mittellose Patienten zu behandeln. Positiv an einer Famulatur mit You4Ghana sind die unkomplizierte Bewerbung, die relativ günstigen Vermittlungskosten sowie die verlässliche Betreuung. Verbesserungswürdig sind Kommunikation und Organisation der ghanaischen Mitarbeiter. Infos unter www.you4ghana.org.

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