ArchivDeutsches Ärzteblatt44/1999Ecuador: Mehr als nur ein Abenteuer

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Ecuador: Mehr als nur ein Abenteuer

Dtsch Arztebl 1999; 96(44): A-2835 / B-2411 / C-2257

Korzilius, Heike

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LNSLNS Schon der Anflug auf Quito ist ein Erlebnis der besonderen Art. Der Jumbo schießt zwischen den imposanten Bergketten der Anden hindurch, um knapp über den Dächern der ecuadorianischen Hauptstadt auf gut 2 800 Metern Höhe mit kaum verminderter Geschwindigkeit zur Landung anzusetzen - thermische Gründe, sagt der Pilot.
In Quito scheint die Sonne. Die Hauptstadt mit ihren 1,3 Millionen Einwohnern wirkt zwar ärmlich, aber weltstädtisch. Hier, nur 22 Kilometer vom Äquator entfernt, verbinden sich das Entwicklungsland und westlicher Ein- und Überfluß. Ein reges Treiben herrscht in der Altstadt: Schuhputzer, Kirchgänger, Händler, Bettler, Touristen, Taschendiebe gehen ihren Beschäftigungen nach. Weißgetünchte Bauten aus der Kolonialzeit, vor allem aber Kirchen und Klöster prägen das Straßenbild. Die Unesco war von Quitos Altstadt so angetan, daß sie sie im Jahr 1978 zum Weltkulturgut erklärte. Rund 100 Kilometer nördlich von Quito liegt die Provinz Imbabura mit ihren zahlreichen, zum Teil schneebedeckten Vulkanen, ihren grünen Tälern und kristallklaren Seen. Zwischen den Bergriesen Imbabura und Cotacachi, der sich meist in Wolken hüllt, liegt Otavalo. Die Attraktion des 22 000-Einwohner-Städtchens ist sein Indio-Markt. Bereits am frühen Morgen erwacht der Marktplatz, der Poncho Plaza, zum Leben. Bunt geht es zu und laut. Aus jedem Lautsprecher tönt die "klassische" Anden-Musik. Neben Webereien, Stickereien, Strickereien und Fellarbeiten finden sich frisches Obst und Gemüse, Schnellküchen mit wenig vertrauenerweckenden Fleischgerichten, Q-Tips-Händler, Schnitzer und Instrumentenbauer. Im strahlenden Sonnenschein läßt es sich dort herrlich flanieren und handeln. Die Otavaleños sind vor allem berühmt für ihre Webarbeiten, die sie mittlerweile in alle Welt verkaufen. In Ecuador ist das Weben Männersache. Jedes Muster wird auf links gewebt und existiert vorher nur im Kopf des Webers.
Nicht weit von Otavalo entfernt liegt die Provinzhauptstadt Ibarra, auch "die weiße Stadt" genannt. Weiß deshalb, weil ihr Altstadtkern noch kolonial geprägt ist und man darum die Häuser weiß angestrichen hat. Rumpelt man auf unwegsamen Serpentinenstraßen aus der Stadt hinaus vorbei an einigen der ältesten Haciendas der Region, gelangt man ins Dorf der Stickerinnen, nach Zuleta. Von dort aus führt eine ausgedehnte Wanderung durch die Anbaugebiete der Caranqui- und Otavalo-Indianer. Die Bergwelt ist beeindruckend, grün und friedlich und still. Über allem thront der Imbabura, mal wolkenverhangen, mal vor strahlend blauem Himmel. Der schnelle Wechsel zwischen sengender Äquatorsonne und schwarzen Wolkentürmen hält fit: Jacke aus, Jacke an, Mütze auf, Mütze ab, Sonnenbrille auf, Sonnenbrille ab, eincremen!
Zum Wandern lädt auch der Nationalpark Cotopaxi ein, gut 100 Kilometer südlich von Quito. Der Cotopaxi ist mit seinen 5 897 Metern der zweithöchste Berg Ecuadors und einer der höchsten aktiven Vulkane der Welt. In einer einsamen Vulkanlandschaft, umgeben von schneebedeckten Gipfeln, stapfen wir prustend und schnaufend durch hüfthohes Pampasgras oder über schier endlose, lava- und flechtenbedeckte Ebenen. 20 Prozent weniger Sauerstoff in 4 000 Metern Höhe machen dem Durchschnitts-Europäer ordentlich zu schaffen.
Am Fuß des Cotopaxi liegt das Städtchen Lasso. Eine Allee aus Eukalyptusbäumen führt zur Hacienda La Cienega. Sie wurde Mitte des 17. Jahrhunderts erbaut und dient mittlerweile als Hotel. La Cienegas wohl berühmtester Gast war im Jahr 1802 der deutsche Forscher Alexander von Humboldt. Er gab der Nord-SüdStrecke, die zwischen der östlichen und der westlichen Kordilliere der Anden verläuft, den treffenden Namen "Straße der Vulkane".
Fließend verläuft der Übergang von den schneebedeckten Vulkanen in den undurchdringlichen Regenwald. Ecuador teilt sich in drei Teile: Im Westen verläuft die Küste mit ihrem feucht-heißen Klima, in der Mitte das Andenhochland, die Sierra, und im Osten schließt sich der Regenwald des Amazonasbeckens an. Von Cayambe aus geht es in etwa neunstündiger Fahrt nach Misahualli, das einer der wichtigsten Ausgangspunkte für Dschungel-Touren ist. Die Fahrt ist atemberaubend. Zunächst überqueren wir die karge, grüne Bergwelt der Ostkordilliere und überwinden den 4 100 Meter hohen Papallacta-Paß. Je weiter sich der Bus teilweise über Schotterpisten den Berg hinunterschraubt, desto üppiger wird die Vegetation. Vereinzelte Dörfer am Straßenrand wirken wie provisorische Außenposten der Zivilisation. Als nur noch die Scheinwerfer das undurchdringliche Grün am Rand der Piste erhellen, wissen wir, wir sind im Urwald. !
In Misahualli, am Rio Napo, einem Zufluß des Amazonas, endet die Straße. Im Oriente sind Flüsse die Hauptverkehrswege. Von Misahualli aus geht es deshalb per Kanu und zu Fuß unter sachkundiger Führung von Dschungel-Guide Marco de Cisneros Coro ins Camp. Marco kennt den Regenwald wie seine Westentasche. Er stammt aus der Gegend, spricht quichua, spanisch und fließend englisch und ist eigens bei einem Schamanen in die Lehre gegangen, um die Geheimnisse der Pflanzenwelt zu ergründen.
Dem Zauber des Regenwaldes kann man sich trotz Temperaturen von mehr als 30 Grad und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit nicht entziehen, zumal schweißtreibende Wanderungen auf unwegsamen Dschungelpfaden stets mit einem erfrischenden Bad im Fluß belohnt werden. Ein Erlebnis der besonderen Art ist eine nächtliche Flußfahrt. Von der Strömung getrieben, gleitet das Kanu über den Fluß, nur die eigentümlichen Geräusche und die Konturen des Urwalds unter dem Sternenhimmel nehmen wir wahr.
Unsere Camp-Nachbarn sind Indios, die der Bevölkerungsgruppe der Quichua angehören. Die einzelnen Familien leben verstreut im Regenwald. In der Nähe des Camps liegt der Gemeindeplatz, auf dem sich eine Zwergschule und eine kleine Krankenstation befinden. Viele Dorfbewohner wenden sich jedoch im Krankheitsfall nach wie vor an den Schamanen, das geistige Oberhaupt der Dorfgemeinschaft, Beherrscher der Naturmedizin und Beschwörer der Geister. Das Nebeneinander von Naturmedizin und westlich geprägter Schulmedizin verläuft nicht immer konfliktfrei. In jüngster Zeit nimmt auch hier die Zahl der HIV-Infektionen zu. Immer mehr "Fremde" dringen vor allem seit dem Erdöl-Boom in den 70er Jahren tief in den Regenwald vor und tragen mit dazu bei, daß die dörflichen Strukturen zerstört und die einzigartige Vegetation durch Rodungen bedroht werden.
Vom Urwald aus führt der Weg wieder ins Hochland der Anden. Zwischenstation ist Papallacta. Der Ort ist beeindruckend, das Wetter nicht. Es ist kalt, und es nieselt. Das macht aber nichts, weil es dort Thermalbäder gibt. Auf 3 200 Metern im bis zu 60 Grad warmen Wasser läßt es sich wunderbar entspannen. Heiße Quellen auch in Baños: sie entspringen an einer Seite des Vulkans Tungurahua. Das 15 000-Einwohner-Städtchen liegt eingebettet zwischen mächtigen Bergen und herausfordernden Hügeln. Gepflegte Häuser, hübsche Läden und eine "Fast-Fußgängerzone" zeugen von relativem Wohlstand. Der Ort gilt als Paradies für Wanderer - man muß es allerdings steil mögen.
Auf dem Weg von Baños nach Cuenca, dem Zentrum des Südens, lohnt sich ein Halt bei den Ruinen von Ingapirca, den größten in Ecuador. Ingapirca wurde im 15. Jahrhundert von den Inkas auf der Straße von Quito nach Cusco in Peru erbaut. Es soll als Festung und Sonnentempel gedient haben.
Quenca ist mit 150 000 Einwohnern die drittgrößte Stadt Ecuadors und ein bedeutendes Zentrum des Kunstgewerbes. Am berühmtesten dürften wohl die Panama-Hüte sein, die nicht, wie der Name vermuten läßt, aus Panama, sondern aus Ecuador stammen. Wie in Quito beherrschen auch in Cuenca Klöster und Kirchen das kolonial geprägte Straßenbild. Die blauen Kuppeln der neuen Kathedrale, die einmal die größte Südamerikas werden sollte, prägen die Silhouette der Stadt. Unwägbarkeiten sollte man bei einer Reise nach Ecuador einkalkulieren. Das Land gilt zwar als eines der politisch stabilsten Südamerikas. Dennoch wird man zuweilen mit der sozialen Wirklichkeit des Entwicklungslandes konfrontiert. Während eines großen Teils unserer Reise herrschte Generalstreik, was bedeutete, daß sämtliche Straßen systematisch abgeriegelt wurden. Der Protest war nachvollziehbar. Die Regierung hatte ein Maßnahmenbündel geschnürt, um die maroden Staatsfinanzen zu sanieren, und dabei unter anderem die Subventionen für Benzin gestrichen. Der Benzinpreis hatte sich über Nacht verdreifacht, was die ärmste Schicht der Bevölkerung, die Indios, an ihrem Lebensnerv traf. Es brauchte das Improvisationstalent unseres Reiseleiters Ekke Hengst und den Wagemut unseres Busfahrers José Luís, der keine noch so schlechten Wege scheute, um aus der Situation das Beste zu machen.
Gegensätze prägen demnach das Ecuador-Bild des Heimkehrers: Die Eindrücke von der Vielfalt der Natur und freundlichen Menschen münden nicht in eine rührselige Folklore-Simmung. Die Reise hat den Blick auch für die wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Landes geöffnet. Ecuador ist mehr als nur ein flüchtiges Abenteuer, es beeindruckt. Heike Korzilius


Auf dem Weg von Quito nach Otavalo, der Stadt der Weber: Zahlreiche Vulkane, grüne Täler und kristallklare Seen prägen die landschaftlich reizvolle Provinz Imbabura.


Camp-Nachbarn im Regenwald: Doña Gladis mit drei ihrer sieben Kinder

Die Krankenstation im Urwald wird finanziert von der Gesellschaft zur Förderung konkreter Entwicklungsprojekte (GFE), einer Stiftung des Reiseveranstalters Wikinger Reisen. Zur Zeit betreuen Krankenschwester Jeannette und Krankenpfleger Wilson die Station allein. Es wird dringend ein Arzt gesucht, der mindestens sechs Monate bleibt. Benötigt wird auch ein Ultraschallgerät. Kontakt: Ovid Jacota Miron, Wikinger Reisen GmbH, Kölner Straße 20, 58135 Hagen. Die GFE bittet daneben um Geldspenden: Sparkasse Hagen, Konto: 100 001 599, BLZ: 450 500 01, Stichwörter: "Stadt Hagen" "Spende für die GFE".


Reise-Tips: Arge Lateinamerika e.V., Domenecker Straße 19, 74219 Möckmühl, Tel 0 62 98/92 92 77, Fax 92 92 73. In der Arbeitsgemeinschaft haben sich verschiedene Tourismusorganisationen zusammengeschlossen, die über Reisen nach Lateinamerika informieren. Folgende Mitglieder bieten Reisen nach Ecuador an: Frobeen Erlebnisreisen, Köln; Ikarus Tours, Königstein; Marco Polo Reisen, Kronberg; Miller Reisen, Schlier; Ruppert Brasil, München; Studiosus Reisen, München; Südamerika Line, Hochspeyer und Windrose Fernreisen, Berlin. Wanderreisen nach Ecuador bietet unter anderem das Arge-Mitglied Wikinger Reisen, Kölner Straße 20, 58135 Hagen, Tel 0 23 31/90 46, an.
Buchtip: Tony Perrottet (Hrsg.): APA Guide Ecuador. Mit Galapagos, 1998, 356 Seiten, 39,90 DM.

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