ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2018Chirurgische Therapie des Lungenkarzinoms: Präoperatives körperliches Training vermindert die Komplikationsrate

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Chirurgische Therapie des Lungenkarzinoms: Präoperatives körperliches Training vermindert die Komplikationsrate

Dtsch Arztebl 2018; 115(14): A-652 / B-565 / C-566

Siegmund-Schultze, Nicola

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Foto: full image/stock.adobe.com
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Für 2015 wird die Zahl der Lungenkrebsneuerkrankungen in Deutschland auf 53 800 geschätzt. Das Lungenkarzinom ist bei Männern die mit Abstand häufigste Krebstodesursache, bei Frauen die zweithäufigste nach dem Mammakarzinom. Jährlich sterben circa 44 000 Patienten an Lungentumoren (1).

Die Säulen der häufig multimodalen Behandlung sind Operation, Bestrahlung und systemische Therapien mit Zytostatika und/oder zielgerichteten Substanzen. Zu den potenziellen pulmonalen Komplikationen der Operation gehören Pneumonie, Atelektase oder akutes respiratorisches Distress-Syndrom (ARDS).

In einer Metaanalyse prospektiv randomisierter oder qualitativ vergleichbarer Studien ist die Frage untersucht worden, ob präoperatives Bewegungstraining einen Einfluss auf die Rate postoperativer Komplikationen auf die Dauer des stationären Aufenthaltes und auf die Lebensqualität bei Patienten mit soliden Tumoren hat (2).

Für 5 Entitäten solider Tumoren fanden die Forscher keine klare Evidenz für einen Einfluss eines präoperateiven Trainings. Bei Lungenkarzinomen aber reduzierte sich die Rate der postoperativen Komplikationen dadurch erheblich. Dies ergab die Auswertung von 6 Studien mit 432 Lungenkarzinompatienten. Als Komplikationen galten ARDS > 6 Stunden, Hypoxie, schwere Atelektase (Bronchoskopie erforderlich), Pneumonie oder künstliche Beatmung > 24 Stunden. Geprüft wurden unterschiedliche Bewegungstherapien, meist eine Kombination von aerober Bewegung und Krafttraining, also zum Beispiel schnelles Gehen, Training auf dem Fahrrad-
ergometer und Übungen für die Extremitäten. In vielen Studien machten die Patienten zusätzlich Atemübungen. Das Bewegungstraining begann 1–2 Wochen präoperativ, die Frequenz variierte zwischen 3 Mal pro Woche und mehrfach am Tag.

Die Rate der Komplikationen nach Resektion in der Lunge verminderte sich bei Intervention im Vergleich zu den Kontrollen um durchschnittlich 48 % (Hazard Ratio [HR]: 0,52; 95-%-Konfidenzintervall [95-%-KI] [0,36; 0,74]). Die Dauer des stationären Aufenthaltes war bei präoperativem Bewegungstraining um durchschnittlich 2,86 Tage reduziert (–2,86; [–5,40; –0,33]). In den Kontrollgruppen betrug die Dauer 10–14 Tage.

Fazit: Regelmäßige körperliche Aktivität vor einer chirurgischen Behandlung des Lungenkarzinoms beugt einer Metaanalyse randomisierter Studien zufolge Komplikationen vor und verkürzt die durchschnittliche Dauer des Kranken­haus­auf­enthaltes. „Für präoperative bewegungstherapeutische Interventionen gibt es außer beim Prostatakarzinom nun auch für das Bronchialkarzinom gute Evidenz zur Reduktion klinisch relevanter Komplikationen“, kommentiert Priv.-Doz. Dr. med. Freerk Baumann, Leiter der AG Onkologische Bewegungsmedizin am Centrum für Integrierte Onkologie Köln/Bonn, Uniklinik Köln. „Eine Halbierung der Komplikationsrate sowie eine signifikante Verkürzung des Kranken­haus­auf­enthaltes sind wichtige Argumente zur Implementierung flächendeckender sport- und bewegungstherapeutischer Angebote in Krebszentren, und diese sollten bereits unmittelbar nach Diagnosestellung angewendet werden.“

  1. Krebs in Deutschland. Robert Koch-Institut; Berlin 2017.
  2. Steffens D, Beckenkamp PR, Hancock M, et al.: Preoperative exercise halves the postoperative complication rate in patients with lung cancer: a systematic review of the effect of exercise on complications, length of stay and quality of life in patients with cancer. Br J Sports Med 2018; 52: 344–53.

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