ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2018Fahrtauglichkeit bei Diabetes: Mehr Rechtssicherheit für Ärzte

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Fahrtauglichkeit bei Diabetes: Mehr Rechtssicherheit für Ärzte

Dtsch Arztebl 2018; 115(14): A-645 / B-559 / C-560

Gießelmann, Kathrin

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Foto: Waler/stock.adobe.com
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Erstmals haben Fachgesellschaften eine S2e-Leitlinie zu „Diabetes und Straßenverkehr“ verfasst. Mit Empfehlungen zur Einschätzung der Fahrsicherheit definiert die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) den Rahmen, in dem Ärztinnen und Ärzte „lege artis“ handeln.

Bislang gab es im Autofahrerland Deutschland keine anerkannten medizinisch-wissenschaftlichen Grundsätze zur Bewertung der Fahreignung bei Diabetes. Für Ärzte und Behandlungspersonal bestand lange Zeit eine haftungsrechtliche Grauzone, insbesondere bei der Aufklärung und Handlungsvorgaben. Daher hat die DDG zusammen mit anderen Fachgesellschaften zum ersten Mal in Europa eine evidenzbasierte Leitlinie formuliert. Sie soll nicht nur die Sicherheit auf der Straße verbessern, sondern auch Menschen mit Diabetes vor einem unnötigen Verlust der Fahrerlaubnis und damit verbundener sozialer Ausgrenzung schützen, erklärte der Rechtsanwalt Oliver Ebert bei einer Pressekonferenz in Berlin. „Zudem verschafft die Leitlinie Ärzten und Patienten mehr Rechtssicherheit“, ist Ebert überzeugt. Bisher hätten Gutachter viel Spielraum gehabt. „Jetzt müssen sie sich im Zweifel rechtfertigen, wenn sie von der Leitlinie abweichen“, sagte der Koordinator und Mitautor der Leitlinie und Vorsitzender des Ausschusses Soziales der DDG.

So wurde häufig die Meinung vertreten, insulinpflichtige Patienten könnten nicht mehr als Busfahrer oder Lkw-Fahrer arbeiten oder ein hoher Langzeitblutzuckerwert stelle einen Grund zur Verweigerung des Führerscheins dar. Dies treffe nicht zu, sagte Prof. Dr. med. Reinhard Holl, Epidemiologe der Universität Ulm und ebenfalls Koordinator und Mitautor der Leitlinie: Die meisten Diabetiker können Fahrzeuge der Klassen 1 und 2 sicher führen, sowohl den Privat-Pkw als auch beruflich einen Bus, Lastwagen oder ein Taxi. „Die Unfallhäufigkeit bei Menschen mit Diabetes ist mit 10 % nur unwesentlich erhöht“, berichtete Holl. Schlafapnoe würde das Unfallrisiko hingegen um 200 % steigern; eine Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung gehe sogar mit einer Risikosteigerung um 400 % einher.

Berechtigte Gründe, die Fahreignung infrage zu stellen, werden in der Leitlinie benannt. „Ein Fahrverbot sollten Ärzte dann aussprechen, wenn 2 oder mehr schwere Unterzuckerungen im Wachzustand pro Jahr auftreten oder eine unbehandelte Schlafapnoe vorliegt“, sagte Holl. Im Gegensatz zur Hypoglykämie haben hyperglykämische Blutglukosewerte (Nüchternglukosegehalt > 100 mg/dl oder 140 mg/dl 2 Stunden postprandial) nach der aktuellen Studienlage keinen nachweisbaren bedeutsamen Einfluss auf die Fahrsicherheit. Eine vorübergehende Fahruntauglichkeit liegt in der Einstellungsphase auf Insulin vor – besonders, wenn es zu Beeinträchtigungen des Sehens kommt oder die Blutglukose stark schwankt. Auch bei anderen Therapieumstellungen oder Dosisänderungen dürfen Diabetiker solange nicht Auto fahren, bis der Blutzuckerstoffwechsel wieder stabil ist.

Berücksichtigt werden müssen zudem Begleiterkrankungen. Bei peripheren Polyneuropathien können schwere Funktionsstörungen auftreten, die die Sicherheit der Benutzung der Pedale beeinträchtigen, heißt es in der Leitlinie. Auch bei Sehstörungen, dem diabetischen Fuß, Amputationen, Prothesen oder symptomatischen Herzrhythmusstörungen im Rahmen einer autonomen Neuropathie sollte eine fachärztliche Untersuchung zur Klärung der Fahrsicherheit erfolgen. Die Leitlinie beschreibt auch den Einfluss von Depressionen, Demenz und Schlafapnoe auf die Fahrtauglichkeit, die bei Menschen mit Diabetes Typ 2 häufiger vorkommen als in der gesunden Allgemeinbevölkerung. Im Fall einer Demenz hält die Leitlinie fest, dass diese im frühen Stadium nicht zwingend die Fahreignung beeinträchtigt. Die Fahreignung sollte der Arzt aufgrund des progredienten Verlaufs regelmäßig prüfen.

Fahrverbot aussprechen

„Ein Arzt, der sich an diese wissenschaftlich abgesicherten Empfehlungen hält, muss grundsätzlich keine Haftung befürchten“, betonte Ebert. Wenn Ärzte ein „ärztliches Fahrverbot“ aussprechen und Verhaltensvorgaben machen, sollten sie diese auch in der Patientenakte dokumentieren, fügte der Rechtsanwalt hinzu. Es reicht dabei nicht aus, dem Patienten einen schriftlichen Aufklärungsbogen vorzulegen oder ihn unterzeichnen zu lassen. Ein mündliches Aufklärungsgespräch ist unverzichtbar.

Auch Verkehrsmediziner, Behörden und Versicherungsfachleute können sich künftig an der Leitlinie orientieren. Zwar gibt die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) eine „Beurteilung der Eignung zum Führen von Kraftfahrzeugen“ heraus, die unmissverständlich klarstellt, dass „gut eingestellte und geschulte“ Menschen mit Diabetes sowohl Pkw als auch Lkw sicher führen können. Diese Leitlinien – an denen auch der Ausschuss Soziales der DDG beteiligt war – dienen der Umsetzung der EU-Führerscheinrichtlinie und seien daher ergebnisorientiert angelegt, sagte Ebert. „Sie haben jedoch nicht den Anspruch, den Stand der medizinischen Forschung und Wissenschaft aktuell zu repräsentieren.“ Dr. med. Martina Albrecht von der BASt gibt zudem zu Bedenken, dass die Begutachtungsleitlinien für Kraftfahreignung in vielen Punkten nicht sehr detailliert seien. Die Leitlinie der DDG gebe hier viel konkretere Handlungshinweise, beispielsweise was genau eine stabile Stoffwechsellage bedeute, sagte die Referatsleiterin Fahreignung, Fahrausbildung, Kraftfahrrehabilitation.

Schadensersatzforderungen

Kommt es im Straßenverkehr zu einem Unfall aufgrund einer Unterzuckerung, müsse der Arzt damit rechnen, dass Regulierer oder Unfallgegner die Behandlungsleistung beziehungsweise die Aufklärung kritisch hinterfragen. „Es drohen nicht unerhebliche Risiken“, warnte der Rechtsanwalt Ebert. Nach seiner Erfahrung ging es in den meisten Fällen in der Vergangenheit aber „glimpflich“ für den Arzt aus. Zu Schadensersatzforderungen kann es auch im umgekehrten Fall durch den Patienten kommen: Wenn der Arzt eine vorschnelle oder medizinisch nicht zwingend indizierte Verneinung der Fahreignung ausspricht, die etwa der Ausübung des Berufs im Weg steht.

Wie vielen Diabetikern aufgrund ihrer Erkrankung die Fahrerlaubnis entzogen wird, wird von der BASt nicht statistisch erfasst. Albrecht konnte aber über Gesamtzahlen berichten: „Zum Fahrerlaubnisentzug kommt es aufgrund einer Krankheit tatsächlich eher selten.“ Bei 40 000 behördlichen Fahrerlaubnisentzügen im Jahr 2015 wurden etwa 1 000 aufgrund körperlicher Mängel verordnet. Die meisten Autofahrer würden eigenverantwortlich handeln und sich bei körperlicher Beeinträchtigung nicht mehr hinters Steuer setzen, ist Albrecht überzeugt.

Die Leitlinie im Internet: http://daebl.de/NL13

Aufklärung und Fahrsicherheit

Patientenaufklärung gemäß gesetzlicher Vorgaben

  • Mündliche und schriftliche Aufklärung über das Hypoglykämierisiko, die damit verbundenen Gefahren im Straßenverkehr sowie geeignete Verhaltensmaßnahmen zur Risikominimierung: Dies betrifft insbesondere Patienten mit einer blutglukosesenkenden Therapie mit Hypoglykämierisiko. Der Leitlinie liegt ein Merkblatt für Patienten bei. § 630 e Abs. 1 BGB
  • Regelmäßige Wiederholungsaufklärung bei Patienten mit Hypoglykämierisiko.
  • Aufklärung auch bei diabetesbedingten Komplikationen, welche die Fahrsicherheit beeinträchtigen.
  • Erforderlichenfalls sprachkundige Person oder Dolmetscher hinzuziehen. § 630 e Abs. 2 Nr. 3 BGB
  • Aufklärung in der Patientenakte dokumentieren.

§ 630 e Abs. 1 und 2 BGB

  • Hat der Arzt aufgrund einer temporären Fahrunfähigkeit ein Fahrverbot ausgesprochen, ist es zu Beweiszwecken vorteilhaft, wenn der Patient die Aufklärung per Unterschrift bestätigt. Es besteht für den Patienten aber keine Verpflichtung, ein solches Dokument zu unterzeichnen.

Wiederherstellung der Fahrsicherheit

  • Optimierung der Diabetestherapie zur Minimierung des Hypoglykämierisikos
  • Einsatz von Insulinpumpe und kontinuierlichem Glukosemonitoring (hauptsächlich bei Typ 1 Diabetes)
  • Diabetesschulung
  • Hypoglykämiewahrnehmungstraining

Quelle: S2e Leitlinie „Fahrtauglichkeit und Diabetes“, S. 59 und S. 38/39

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