ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2018Kommunikation: Absprachen klar strukturieren

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Kommunikation: Absprachen klar strukturieren

Dtsch Arztebl 2018; 115(14): A-662 / B-572 / C-572

Holtel, Markus

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Foto: SBAR/Nomad/iStockphoto
Foto: SBAR/Nomad/iStockphoto

Zu jeder Behandlung in der Medizin gehören die Weitergabe und der Austausch von Informationen. Einfache Hilfsmittel wie das SBAR-Schema können die Kommunikation verbessern und Fehler reduzieren. Überdies sparen sie Zeit.

Hochrisikoumgebungen wie U-Boote erfordern eine klare Kommunikation, um Fehler und schwere Zwischenfälle zu vermeiden. Daher beschäftigte sich die US-Navy in den 1960er-Jahren mit Übertragungsfehlern bei kurzen Absprachen in der Crew. Eine einheitliche „Sprache“ in Form eines kurzen Protokolls zur Übermittlung von Informationen schuf Abhilfe – Mitteilungen wurden fortan nach dem sogenannten SBAR-Schema in vier Schritte gegliedert. Das Akronym dient zugleich als Merkhilfe für diese einzelnen Schritte.

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SBAR ordnet die Informationen, erinnert an wichtige Inhalte und an Details, die sonst vielleicht untergehen. Es reduziert Gedankensprünge und Auslassungen. Der Sprecher muss sich vor dem Gespräch kurz besinnen und hat dadurch die wesentlichen Einzelheiten besser präsent. Die Struktur macht es leichter, dem Gesagten zu folgen und die Informationen lückenlos zu erfassen. Das gilt sogar, wenn der Empfänger selbst nicht mit SBAR vertraut ist. Dennoch ist es vorteilhaft, wenn sowohl der Sprecher als auch der Empfänger einer Mitteilung die Struktur der Kommunikation kennen.

Vier Schritte einer Mitteilung

SBAR leitet dazu an, deutliche, knappe Botschaften zu geben, statt in erzählerischer Form über Patienten zu berichten. Deshalb erfordert eine Kommunikation nach SBAR weniger Zeit als die unstrukturierte, spontane Kommunikation und ist dennoch vollständiger.

Das Werkzeug ist so universell angelegt, dass es sich prinzipiell für jede kurze Informationsweitergabe eignet. Aus diesem Grund ließ es sich problemlos vom U-Boot in die Klinik übertragen. Die Buchstaben des Akronyms stehen für die vier Schritte einer Mitteilung:

S = Situation: In der Gesundheitsversorgung identifiziert der Sprecher den betroffenen Patienten und beschreibt den momentanen Zustand oder den Anlass des Gespräches mit knappen Daten, beispielsweise zu Bewusstseinszustand, Operationsfähigkeit, Vitalzeichen.

B = Background/Hintergrund: Er gibt Informationen zum Grund des aktuellen Aufenthaltes, zu wesentlichen Vorerkrankungen und wichtigen Stationen im Verlauf.

A = Assessment/Einschätzung: Der Sprecher würdigt die Gesamtsituation, benennt sich verändernde oder bedeutsame Parameter und äußert eine Einschätzung oder gegebenenfalls eine Verdachtsdiagnose.

R = Recommendation/Empfehlung: Er trägt vor, was er vom Empfänger der Nachricht erwartet oder beschreibt dessen Aufgabe im weiteren Verlauf.

Die vier Bausteine lassen sich üblicherweise in 1,5 bis zwei Minuten abhandeln. Jede Einrichtung kann für den Einsatz im eigenen Haus weitere Details festlegen; in einer psychiatrischen Klinik sind meist andere Hintergrundinformationen relevant als in der Kinderheilkunde. Schulungsunterlagen können Beispiele für den konkreten Kontext geben.

Mehr Patientensicherheit

Einmal eingeübt, lässt sich das SBAR-Schema in der Klinik vielfach einsetzen. Es hilft bei Berichten der Pflegekräfte an die Ärzte, bei Notfallmeldungen oder bei der Verlegung von Patienten auf andere Stationen. Es lässt sich einsetzen beim Schichtwechsel, an der OP-Schleuse oder bei der Medikationsbesprechung. Es bietet auch eine Struktur, um einen Patienten in der Morbiditäts- und Mortalitätskonferenz vorzustellen oder einen Vorfall in der Patientenakte zu dokumentieren. Studien zur Wirksamkeit dieses Instruments zeigen, dass SBAR inzwischen weltweit in allen Fachbereichen eingesetzt und meist als hilfreich angesehen wird. Die WHO und viele Fachgesellschaften empfehlen es. In Studien zu klinischer Kommunikation dient SBAR mittlerweile oft als Referenzinstrument.

Gute Kommunikation verbessert die Patientensicherheit. Denn die meisten Fehler im Behandlungsablauf beruhen zumindest teilweise auf fehlerhafter Kommunikation. Die Statistiken decken teilweise in jedem Fall von Patientengefährdung ein mitverursachendes Kommunikationsproblem auf. Eine strukturierte, fokussierte Kommunikation unterstützt erheblich, dass alle Informationen korrekt weitergegeben werden. Aktuelle Studien zeigen, dass sich durch die Nutzung von SBAR Kommunikation, Teamarbeit und Arbeitsklima verbessern. Auf Intensivstationen zeigte sich ein Rückgang von Wiederaufnahmen und sogar von Sterbefällen.

Dabei ist letztlich nicht entscheidend, ob SBAR oder ein anderes Kommunikationstool genutzt wird. Im Rettungsdienst hat sich beispielsweise das ABCDE-Schema aus dem Traumamanagement als probates Instrument etabliert. Wichtig ist eine nachvollziehbare Gliederung der Informationen. Um wirken zu können, sollte SBAR jedoch als das typische Kommunikationsinstrument einer Einrichtung vorgegeben werden. Das Schema kann auf lokale Gegebenheiten angepasst werden. Die Mitarbeiter müssen eine Schulung erhalten, zumindest jene, die SBAR aktiv anwenden sollen. Es sollte Ziel sein, alle relevanten Berufsgruppen einzubinden. Insbesondere Ärzte gewöhnen sich in ihrer Ausbildung bereits stärker an strukturierte und stichpunktartige Kommunikation und halten sich gerne zurück. Sie sollten aber eingebunden werden – wenn jede professionelle Kommunikation aller Berufsgruppen in einer Einrichtung demselben Schema folgt, entwickelt sich eine gute Routine.

Ein Schema, viele Anwender

SBAR eignet sich für die breite Anwendung in Gesundheitseinrichtungen. Die Weitergabe von Informationen zwischen verschiedenen Berufsgruppen oder von Schicht zu Schicht, zwischen versorgenden Teilbereichen wie OP und Aufwachraum, Intensiv- und Normalstation, ist ein zentraler Prozess in der Patientenbehandlung. Fehler im Behandlungsablauf sind oft durch schlechte Kommunikation bedingt. SBAR strukturiert und fokussiert die Kommunikation und verbessert damit die Versorgung. Es etabliert eine gemeinsame Sprache der Beteiligten und schafft eine abgestimmte Erwartung für den Ablauf der Kommunikation. Dr. med. Markus Holtel

Weltweite Verbreitung

  • Das SBAR-Schema wurde 2002 vom US-Gesundheitskonzern Kaiser Permanente in die Medizin eingeführt – zunächst in Notfallteams. Andere Bereiche des Unternehmens und weitere Einrichtungen der Gesundheitsversorgung übernahmen es später ebenfalls.
  • In Kanada wurde das Instrument für den Einsatz in der Rehabilitation adaptiert und seine Effektivität empirisch belegt. Seit 2006 gibt es eine Vielzahl von Studien, die den Wert von Memotechnik und anderen Instrumenten bei der Patientenübergabe zeigen.
  • Die World Health Organization empfiehlt den Einsatz von SBAR seit 2007. Verschiedene medizinische Fachgesellschaften wie das britische Royal College of Physicians schlossen sich an.
  • In den Niederlanden wird SBAR derzeit systematisch im Rettungsdienst getestet und soll in Kürze landesweit verbindlich eingesetzt werden.
  • Die Studien aus den vergangenen Jahren zeigen, dass SBAR weltweit und in verschiedenen Fachrichtungen eingesetzt wird – von der Psychiatrie, Geburtshilfe oder Anästhesie bis hin zur Anatomie.
  • Die Gesellschaft für Qualitätsmanagement in der Gesundheitsversorgung (GQMG) empfiehlt SBAR seit 2015 in ihrer „Arbeitshilfe Bessere Kommunikation“. Die AG Kommunikation im Qualitäts- und Risikomanagement der GQMG gibt darin eine ausführliche Anleitung und stellt zusätzlich einen Kurzüberblick für die Kitteltasche zur Verfügung (zweite, aktualisierte Auflage: www.gqmg.de/downloads/).
  • Die Deutsche Gesellschaft für Anästhesie und Intensivmedizin (DGAI) schloss sich im selben Jahr mit einer Empfehlung zur Verwendung von SBAR an (http://daebl.de/KY18).

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