ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2018Pneumonie: Erhöhtes Risiko bei Einnahme von Benzodiazepinen, vor allem von Midazolam

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Pneumonie: Erhöhtes Risiko bei Einnahme von Benzodiazepinen, vor allem von Midazolam

Dtsch Arztebl 2018; 115(14): A-651 / B-564 / C-565

Siegmund-Schultze, Nicola

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: mauritius images
Foto: mauritius images

Seit Längerem gibt es Hinweise darauf, dass Benzodiazepinrezeptor-Agonisten (BZRA) das Risiko für Pneumonien erhöhen könnten, die Daten sind allerdings uneinheitlich. BZRA werden in 4 Indikationsbereichen angewendet: für die Anxiolyse, Sedierung und Schlafförderung, die zentrale Muskelrelaxation und die Antikonvulsion. Als Mechanismen für den möglichen Zusammenhang zu Pneumonien werden sedative Effekte vermutet, Aspiration, immunsuppressive Wirkungen oder eine Kombination. Fragestellung einer Fall­kontroll­studie in Taiwan war, ob es eine Assoziation gibt zwischen der Einnahme von BZRA und einer Hospitalisierung wegen Pneumonie.

Die Forscher werteten Daten der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung von Patienten aus, denen in den Jahren 2002 bis 2012 mindestens 1 Mal BZRA neu verschrieben wurden. 12 002 Versicherte wurden wegen einer Pneumonie stationär therapiert und mit derselben Anzahl von Versicherten ohne Pneumonie, aber mit im Übrigen vergleichbaren Gesundheitsrisiken verglichen (Kontrollkohorte). Von den Pneumoniepatienten hatten 42,3 % in den 3 Monaten vor Klinikeinweisung eine BZRA-Verordnung erhalten, in der Kontrollgruppe waren es 28,3 %. Bei Einnahme von BZRA in den letzten 90 Tagen war die Wahrscheinlichkeit für die stationäre Therapie wegen Lungenentzündung um den Faktor 1,86 erhöht (adjustierte Odds Ratio [aOR]: 1,86; [95-%-Konfidenzintervall] [95-%-KI] [1,75; 1,97]). Eine BZRA-Verordnung vor mehr als 90 Tagen war nicht mit einer erhöhten Pneumonieinzidenz assoziiert (aOR: 1,04 [0,97; 1,11]). Bei der Einnahme schlaffördernder Benzodiazepine betrug das Pneumonierisiko mehr als das Doppelte (aOR: 2,42 [2,16; 2,71]), bei schlaffördernden Nicht-Benzodiazepinen (Z-Substanzen) war der Faktor 1,51 (Zolpidem; [1,36; 1,67]) und 1,79 (Zopiclon; [1,41; 2,29]). Unter den schlaffördernden Benzodiazepinen war das ultrakurz wirkende Midazolam (Halbwertszeit: 1,2–2,5 h) mit dem höchsten Pneumonierisiko assoziiert: aOR 5,77 [4,31; 7,73]. Für anxiolytisch wirkende Benzodiazepine mit längeren Halbwertszeiten gab es teilweise keine Risikoerhöhungen wie für Bromazepam, Medazepam und Oxazolam, bei anderen lagen die aOR bei 1,38 (Alprazolam; [1,23; 1,55]), bei 1,62 (Flurazepam; [0,89; 2,94]) oder bei 2,15 (Lorazepam; [1,95; 2,38]).

Das Risiko stieg in Abhängigkeit von der Wirkdauer einer Substanz – je kürzer, desto höher das Pneumonierisiko –, in Abhängigkeit von der täglichen Dosis und mit der Zahl der verwendeten BZRA. Bei jüngeren Menschen ab 20 Jahren waren die Risiken größer als bei älteren ab 65 Jahren (aOR: 2,17 und 1,7).

Fazit: Aus einer großen, populationsbasierten „nested“ Fall­kontroll­studie ergibt sich für einen Teil der Benzodiazepinrezeptor-Agonisten ein erhöhtes Risiko für die Patienten, an Lungenentzündungen zu erkranken. Positive Korrelationen sind abhängig von den Dosierungen, der Anzahl und der Art der Substanzen. Für Midazolam war das Risiko am größten. Die im höheren Alter abnehmende Korrelation zu Pneumonien führen die Studienautoren darauf zurück, dass andere Erkrankungen als eine Indikation für BZRA das Risiko stärker beeinflussen. Die Daten könnten die Abwägung von Nutzen und Risiken der BZRA verbessern.

Chen TY, Winkelman JW, Mao WC, et al: The use of benzodiazepine receptor agonists and the risk of hospitalization for pneumonia. A nationwide population-based nested case-control study. Chest 2018; 153: 161–71.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema