POLITIK

Behandlungsfehler: Risiko auf Schäden bleibt gering

Dtsch Arztebl 2018; 115(14): A-628 / B-548 / C-548

Beerheide, Rebecca

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Die Zahl der Fehler in der Versorgung bleibt im Promillebereich: 2017 wurde in 1 783 Fällen ein Behandlungsfehler anerkannt. Im Vergleich zu einer Milliarde ambulanten Arzt-Patienten-Kontakten und fast 20 Millionen Krankenhausbehandlungen sei die Zahl gering, so die Bundes­ärzte­kammer.

Qualitätszirkel, Peer-Reviews, Tumorkonferenzen oder Morbiditäts- und Mortalitätskonferenzen sowie anonyme Fehlermeldesysteme: Diese Einrichtungen der Fehlerprävention gehören längst zum Alltag in der ambulanten und stationären Medizin. „Am wichtigsten für die Patientensicherheit ist aber, dass wir Ärztinnen und Ärzte uns tagtäglich unserer enormen Verantwortung bewusst sind und uns ständig vergegenwärtigen, dass zwischen heilen und schaden oft nur ein schmaler Grat liegt“, erklärte Dr. med. Andreas Crusius, Vorsitzender der Ständigen Konferenz der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Bundes­ärzte­kammer, bei der Vorstellung der diesjährigen Behandlungsfehlerstatistik Anfang April in Berlin.

Laut der Statistik der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen bei den Lan­des­ärz­te­kam­mern wurden 2017 11 100 Fälle an die Einrichtungen herangetragen, knapp 500 weniger als im Vorjahr. Von den 7 307 Entscheidungen aus dem Jahr 2017 wurden bei 69,7 Prozent der Fälle keine Behandlungsfehler festgestellt (5 094 Fälle), berichtete Kerstin Kols, Geschäftsführerin der Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen der norddeutschen Ärztekammern. In 5,88 Prozent der Fälle – das sind in Zahlen 430 – wurde zwar ein Behandlungsfehler bejaht, aber ein Zusammenhang zwischen dem Fehler und einer möglichen Schädigung des Patienten konnte nicht festgestellt werden. Für diese Fälle konnten Patienten keine Ansprüche gegenüber der Haftpflichtversicherung des Arztes oder des Krankenhauses geltend machen. In 1 783 Fällen (24,4 Prozent) wurde der Behandlungsfehler anerkannt und die Ansprüche der Patientinnen und Patienten als begründet angesehen.

Die meisten Fehlermeldungen betreffen die Krankenhäuser

Nach der Analyse der Geschäftsstelle der Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen der norddeutschen Ärztekammern in Hannover, die von der Bundes­ärzte­kammer dafür beauftragt wurde, betreffen die meisten Fehlermeldungen auch in diesem Jahr das Krankenhaus. In 75,5 Prozent der Fälle wird hier eine Behandlung angefragt, der Rest (24,5 Prozent) entfällt auf Medizinische Versorgungszentren und Arztpraxen. In den Kliniken waren vor allem die Fachbereiche Unfallchirurgie und Orthopädie mit 2 108 Fällen bei 6 331 Krankenhausbeteiligungen an Haftpflichtfragen beteiligt und damit Spitzenreiter aller Fachabteilungen. Das sind 35 Fälle mehr als im vergangenen Jahr. Darauf folgen die Fachabteilungen Allgemeinchirurgie (830), Innere Medizin (562), Frauenheilkunde (366), Neurochirurgie (266), Anästhesiologie und Intensivmedizin (226) sowie Geburtshilfe (195), Urologie (186), Kardiologie (173) und Neurologie (161).

Im niedergelassenen Bereich bei Praxen und Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) ist bei 2 054 Haftpflicht- und Schlichtungsverfahren die Zahl der beteiligten Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie am höchsten (486). Danach folgen Hausärzte (276), Internisten (191), Allgemeinchirurgen (183), Augenheilkunde (176), die Frauenheilkunde (131), die Radiologie (90) und Haut- und Geschlechtskrankheiten (74).

Die häufigsten Fehler in Praxen und MVZ geschehen bei der Diagnose von Frakturen von Hand- und Handgelenken sowie Rückenschmerzen oder die Deformation von Zehen und Fingern. In Krankenhäusern ist dies bei Frakturen des Unterarms, Hand sowie Schulter, Sprunggelenk und Unterschenkel zu beobachten. Außerdem kommen hier Bandscheibenschäden und Kniebinnenschäden dazu.

Die Mitglieder der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen werben dafür, dass gemeldete Fehlerzahlen im Gesamtkontext des Versorgungsgeschehens betrachtet werden müssen: So zählt das Statistische Bundesamt jährlich rund 19,5 Millionen Behandlungsfälle in Krankenhäusern sowie etwa eine Milliarde Arztkontakte in den Praxen und MVZ. „Gemessen an dieser enormen Gesamtzahl der Behandlungsfälle liegt die Zahl der festgestellten Fehler im Promillebereich“, sagte Crusius, der auch Präsident der Lan­des­ärz­te­kam­mer Mecklenburg-Vorpommern ist. Auch müssten die Zahlen unter dem Aspekt eines immer stärker von Behandlungsdruck und ökonomischen Vorgaben geprägten Gesundheitssystem betrachtet werden, so Crusius. Dabei sei jeder Fehler einer zu viel, hinter jeder Komplikation stehen schwere menschliche Schicksale. „Wir Ärzte können Patienten keine Heilung versprechen, wohl aber, dass wir uns mit ganzer Kraft für ihre Heilung, für die Qualität ihrer Behandlung und damit für ihre Sicherheit einsetzen“, so Crusius weiter.

Fehler als lernendes System für Fortbildungsveranstaltungen

Um aus den Verfahren der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Lan­des­ärz­te­kam­mern lernen zu können, werden alle Daten mithilfe des Medical Error Reporting Systems (MERS) bundesweit erfasst und entsprechend ausgewertet. Die Daten fließen dann auch in Veranstaltungen zur Qualitätssicherung, in Fortbildungen sowie in Publikationen für die einzelnen Fachgebiete ein.

„Erfreulicherweise haben die Ärzte in den letzten Jahren eine Kultur des kritischen, auch selbstkritischen Umgangs mit den ihnen unterlaufenen Behandlungsfehlern entwickelt“, erklärte Prof. Dr. med. Walter Schaffartzik, Vorsitzender der Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen der norddeutschen Ärztekammern, bei der Vorstellung der Ergebnisse. Aus seiner Sicht sind die Schlichtungsstellen und die Gutachterkommissionen ein Vorteil für Patientinnen und Patienten sowie für Ärztinnen und Ärzte. Die Verfahren seien niedrigschwellig und für alle Beteiligten unbürokratisch. Patientinnen und Patienten müssten lediglich einen formlosen Antrag stellen. Das Verfahren sei für sie kostenfrei. „Das Gerichtsverfahren selbst und seine Dauer können für die Patienten, wie auch für die Ärzte bedrückend und kräftezehrend sein“, sagte er. Bei den Gesprächen und Schlichtungsversuchen vor den Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen werden Ärzte des jeweiligen Fachgebietes zur Lösung der Streitfrage hinzugezogen, die „nicht nur über die notwendige medizinische Expertise, sondern auch über eine jahrelange Erfahrung als medizinische Gutachter verfügen“, erklärt Schaffartzik. „Bei einem Gerichtsverfahren müssen sich die Richter auf die Ausführungen des Sachverständigen verlassen, die sie letztlich medizinisch nicht bewerten können.“

Gute Erfahrungen mit den Schlichtungsstellen hat auch Uwe Brocks, Fachanwalt für Medizinrecht, gemacht. Seinen Klienten empfehle er das Schlichtungsverfahren. Ein maßgeblicher Aspekt sei die Objektivität, mit der es betrieben werde sowie die dahinterstehende medizinische und juristische Expertise, erklärte Brocks. „Wenn es nach einem Schlichtungsverfahren doch vor Gericht gehe, erweise sich die medizinisch-fachliche Bewertung des Behandlungsgeschehens fast ausnahmslos als gerichtsfest“, stellte Brocks heraus.

eTabellen im Internet:
www.aerzteblatt.de/18628

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