ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2018Systemische Therapie: Ergänzung des Therapieangebots

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Systemische Therapie: Ergänzung des Therapieangebots

PP 17, Ausgabe April 2018, Seite 153

Bühring, Petra

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Die Systemische Therapie wurde bereits vor zehn Jahren vom Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie als wirksames Verfahren anerkannt. Der G-BA gab danach eine weitere Expertise in Auftrag. Eine Entscheidung über die Aufnahme als Regelleistung ist immer noch nicht gefallen.

Eindeutige Forderungen vor der Presse stellten Ulrike Borst (links) und Sebastian Baumann (rechts) von der Systemischen Gesellschaft. Foto: Georg J. Lopata
Eindeutige Forderungen vor der Presse stellten Ulrike Borst (links) und Sebastian Baumann (rechts) von der Systemischen Gesellschaft. Foto: Georg J. Lopata

Die systemische Therapie muss in den Leistungskatalog der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) aufgenommen werden. Das forderte die Systemische Gesellschaft (SG) anlässlich ihres 25-jährigen Bestehens am 21. März in Berlin. „Trotz hervorragender wissenschaftlicher Studienbewertungen in den letzten zehn Jahren müssen wir weiter um die Zulassung als GKV-finanziertes Verfahren kämpfen“, sagte die Vorsitzende der SG, Dr. rer. nat. Dipl.-Psych. Ulrike Borst. Sie rief den Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) dazu auf, endlich eine Entscheidung zu treffen. Denn psychisch Kranken werde ein Verfahren vorenthalten, das einen weiteren Blickwinkel auf die Symptomatik bereithält als andere Psychotherapieverfahren: Systemische Therapie (ST) beziehe die Familie und das nähere Umfeld des Patienten und seine soziale Situation mit ein.

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Bereits 2008 hat der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie (WBP) die Wirksamkeit der ST für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen sowie Erwachsenen bestätigt und sie zur vertieften Ausbildung empfohlen. 2013 hat dann der G-BA schließlich das Bewertungsverfahren eröffnet. 2014 wurde das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) beauftragt, eine Nutzenbewertung als Grundlage für die endgültige Entscheidung des G-BA zu erstellen. Der Abschlussbericht des IQWIG, das damit erstmalig ein Psychotherapieverfahren bewertet hat, wurde im Juli 2017 vorgelegt.

„Das Institut hat belegt, dass die systemische Therapie sehr wirksam ist: in sieben Diagnosebereichen wurde der Nutzen festgestellt“, betonte Borst. Sie wirke nachhaltig im Kindes- und Jugendalter bei schweren Störungen des Sozialverhaltens, Drogenkonsumstörungen und Essstörungen. Bei Erwachsenen sei die Therapie bei Depression und Angststörungen, aber auch bei Schizophrenie, Substanzkonsumstörungen sowie psychischen Störungen aufgrund von Krebs, Diabetes oder Schmerz wirksam.

Methodisch schlechte Studien

Das IQWiG hat in seinem Abschlussbericht jedoch auch die Aussagekraft der 33 untersuchten Studien bemängelt: Diese hätten zu kleine Patientenzahlen eingeschlossen und seien methodisch schlecht, was aber als generelles Problem der Psychotherapieforschung angesehen wurde. Insgesamt sei es deshalb nicht möglich gewesen, Nutzen und möglichen Schaden der systemischen Therapie abzuwägen, hieß es aus dem Institut.

„Der Abschlussbericht des IQWIG, der aus unserer Sicht positiv ausgefallen ist, liegt dem G-BA nun seit einem knappen Jahr vor und eine Entscheidung ist nicht in Sicht“, kritisierte der Vorstandsbeauftragte Psychotherapie der SG, Dipl.-Psych. Sebastian Baumann. Statt der vorgeschriebenen drei Jahre zögen sich die Beratungen nun schon ins sechste Jahr. „Wir begrüßen deshalb die Ankündigung im Koalitionsvertrag, die Abläufe im G-BA straffen zu wollen.“

Warum sich der G-BA mit der Entscheidung so schwer tut, darüber kann der Psychologische Psychotherapeut nur mutmaßen: Die Krankenkassen auf den Bänken des G-BA scheinen zu bremsen. „Wir wollen keine Ausweitung kassenfinanzierter Psychotherapien, sondern eine sinnvolle Wahlmöglichkeit für die Betroffenen“, stellte Baumann klar. Neben den Richtlinienverfahren sei die ST eine wichtige Ergänzung. Auch weil sie durch die Arbeit im Mehrpersonen-Setting Systemgrenzen zwischen Gesundheitswesen, Jugendhilfe, Schule und Justiz überwinden könne. „Zudem ist die Anzahl der notwendigen Sitzungen vergleichsweise gering“, erklärte er.

Nach Angaben der SG absolvieren rund 200 Teilnehmer an drei Instituten die Ausbildung im Vertiefungsverfahren Systemische Therapie. Die geringe Anzahl ergibt sich daraus, dass diese Ausbildung erst seit 2008 nach der wissenschaftlichen Anerkennung durch den WBP möglich ist. Hinzu kommen schwierige Rahmenbedingungen für die Ausbildungskandidaten wegen der fehlenden Refinanzierung der ambulanten Behandlungsstunden durch die GKV. Petra Bühring

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