ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2018Akademische Berufsausbildung: Neue Aufgaben für Fachberufe

POLITIK

Akademische Berufsausbildung: Neue Aufgaben für Fachberufe

PP 17, Ausgabe April 2018, Seite 162

Korzilius, Heike; Osterloh, Falk

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Berufe wie Logopäden, Physio- und Ergotherapeuten wollen, dass der Nachwuchs künftig an Hochschulen ausgebildet wird. Auch die Pflege will sich stärker akademisieren. Das hat Folgen für die Arbeitsteilung mit den Ärzten in der Patientenversorgung.

Foto: xy stock.adobe.com
Foto: xy stock.adobe.com

Für die zukünftigen Herausforderungen im Gesundheitswesen – demografischer Wandel, medizintechnischer Fortschritt, Ärztemangel – braucht man neue Lösungen. Darauf verständigten sich Union und SPD in ihrem Koalitionsvertrag. Nach ihrer Ansicht gehört dazu auch eine neue Aufgabenverteilung innerhalb des Gesundheitssystems und mehr Verantwortung für die nichtärztlichen Gesundheitsfachberufe.

Anzeige

Karrieremöglichkeiten schaffen

Wie ein solches Szenario aussehen könnte, hat am 1. März in Berlin eine Expertengruppe auf Initiative der Robert Bosch Stiftung vorgestellt. Demnach sollen künftig speziell ausgebildete Pflegekräfte ärztliche Aufgaben der Primärversorgung im ländlichen Raum übernehmen. Um beispielsweise die Gesundheitsversorgung in strukturschwachen Räumen sicherzustellen, soll die professionelle Pflege substituierende Aufgaben wie Assessments, Verschreibungen, die Triage und die Versorgung von Bagatellerkrankungen ausführen, die heute noch mehrheitlich beim Hausarzt liegen, heißt es in dem Manifest „Mit Eliten pflegen“. Es wurde von 40 Experten insbesondere aus der Pflegepraxis, von Pflegewissenschaftlern und Ärzten erstellt. Ziel war es, Strategien zu entwerfen, „wie die Zusammenarbeit von Pflegefachpersonen mit unterschiedlichen Ausbildungen im Team besser gelingen und die Pflege durch neue Karrieremöglichkeiten attraktiver werden kann“. Dazu müsse sich auch das gesellschaftliche Bild der professionellen Pflege ändern, das im Moment häufig darin bestehe, gebrechliche Menschen umzulagern und Essen zu reichen, meinte Franz Wagner, Präsident des Deutschen Pflegerates (DPR), der dem Expertenteam angehörte. Deutschland benötige deutlich mehr akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen in der Patientenversorgung. Schon im Jahr 2012 habe der Wissenschaftsrat eine Akademisierungsquote für die Pflege von zehn bis 20 Prozent empfohlen.

Akademisierung ist umstritten

Karin Ellinger, Stationsleitung am Diakonissenkrankenhaus in Dresden, wies darauf hin, dass die zunehmende Akademisierung innerhalb des Pflegeberufes nicht unumstritten sei. Manche nicht akademisch ausgebildete Stationsleitung habe Angst davor, dass akademisch ausgebildete Pflegekräfte ihr in Zukunft die Arbeit wegnehmen, erklärte Ellinger. „Ich bin sehr für mehr akademisierte Pflegekräfte in der Praxis“, betonte sie. Um dies zu erreichen, müsse man aber zunächst die mittlere Führungsebene in den Krankenhäusern überzeugen. Es gehe darum, die anfallenden Aufgaben in den Teams je nach Qualifikationsgrad zu verteilen.

Auch andere nichtärztliche Fachberufe fordern eine akademische Berufsausbildung, um den gestiegenen Anforderungen an die Versorgung entsprechen zu können. Mit Blick auf den Fachkräftemangel im Gesundheitswesen machten die damit einhergehenden Karrierechancen Berufe wie den des Physiotherapeuten, des Ergotherapeuten oder des Logopäden für den Nachwuchs attraktiver. Diese Auffassung vertraten die entsprechenden Berufsverbände bei der Fachberufekonferenz der Bundes­ärzte­kammer am 27. Februar in Berlin.

Die Logopäden hätten sich gemeinsam mit den Physiotherapeuten und den Ergotherapeuten das Ziel gesetzt, eine grundständige akademische Berufsausbildung zu schaffen, sagte die Präsidentin des Deutschen Bundesverbandes für Logopädie (dbl), Dagmar Karrasch. Die bislang durchgeführten Modellstudiengänge seien alle positiv evaluiert worden. Es sei daher nur konsequent, die Berufsgesetze entsprechend zu ändern. Die logopädische Ausbildung ausschließlich an der Hochschule zu verorten, spiegele die gewachsenen beruflichen Anforderungen an die Patientenversorgung wider, heißt es dazu in einem Positionspapier des dbl. Zumal aktuell 90 Prozent der Berufsfachschüler der Logopädie ohnehin über die allgemeine Hochschulreife verfügten. Deutschland sei zudem das einzige Land in der Europäischen Union, in dem Logopäden ohne Bachelor- oder Masterabschluss zur Berufsausübung zugelassen würden. Der dbl habe Ende Februar eine Rahmenstudienordnung für Logopädie fertiggestellt, die man jetzt mit der Politik diskutieren müsse. „Wir hoffen, dass die Novelle des Berufsgesetzes in dieser Legislaturperiode verabschiedet wird“, sagte Karrasch.

Für eine Ausbildungsreform sprach sich auch Christiane Maschek aus, Präsidentin des Dachverbands für Technologen und Analytiker in der Medizin Deutschland (DVTA). Denn die Fachberufe arbeiteten inzwischen häufig mit hochkomplexen Technologien, die ein ebenso hohes Maß an Kompetenz erforderten.

Ohne Diagnostik keine Therapie

Maschek zufolge besteht in den technologischen und analytischen Fachberufen ein massiver Mangel an Fachkräften. Dabei leisteten diese einen wesentlichen Beitrag zur medizinischen Diagnostik. „Und ohne Diagnostik gibt es keine Therapie“, betonte sie. Um die sich abzeichnenden Probleme speziell auf dem Arbeitsmarkt für biotechnologische, medizinische und pharmazeutische Assistentinnen und Assistenten zu lösen, müsse die Ausbildung flexibler werden. Dazu gehörten neben besseren Möglichkeiten für Quereinsteiger, Fernunterricht und einer Ausbildung in Teilzeit auch die Möglichkeit einer Hochschulausbildung. Wie beim Pflegepersonal forderte Maschek zudem gesetzlich festgelegte Personaluntergrenzen für medizinisch-technische Assistenten.

Als wichtig bezeichnete es Dr. med. Max Kaplan, Vizepräsident der Bundes­ärzte­kammer und Vorsitzender der Fachberufekonferenz, dass sich Union und SPD für eine Stärkung und Weiterentwicklung der Gesundheitsfachberufe einsetzten und dort insbesondere attraktive Ausbildungsmöglichkeiten schaffen wollten. Mit Blick auf den Fachkräftemangel sei das ein richtiges Signal (siehe 3 Fragen an ...).

Nach Ansicht des Vorsitzenden des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA), Josef Hecken, macht die demografische Entwicklung eine neue Aufgabenverteilung der Gesundheitsberufe unumgänglich. An die Ärzte gewandt sagte er bei der Fachberufetagung in Berlin, diese dürften nicht darauf beharren, dass es sich bei bestimmten Tätigkeiten um „originär ärztliche Aufgaben“ handele. „Wir müssen uns vielmehr die Frage stellen, welche Aufgaben mit welcher Ausbildung haftungsrechtlich sauber substituiert werden können. Sonst werden wir die Versorgung in Zukunft nicht sicherstellen können“, sagte Hecken: „Wenn wir den Sicherstellungsauftrag wahrnehmen wollen, müssen wir uns bewegen.“ Heike Korzilius, Falk Osterloh

Foto: BÄK
Foto: BÄK

3 Fragen an . . .

Dr. med. Max Kaplan, Vorsitzender der Fachberufekonferenz der Bundes­ärzte­kammer

Herr Dr. Kaplan, viele nicht ärztliche Fachberufe streben eine akademische Ausbildung an. Was halten Sie davon?

Aus meiner Sicht kann eine Teilakademisierung durchaus sinnvoll sein, zum Beispiel als Weiterqualifizierung in der Pflege für Leitungs-, Ausbildungs- und Fortbildungsfunktionen. Wichtig ist aber: Die Akademisierung muss der Verbesserung der Gesundheitsversorgung dienen und darf nie Selbstzweck sein.

Wie wird sich die fortschreitende Akademisierung auf die Arbeitsteilung mit den Ärzten auswirken?

Ob die Akademisierung von Gesundheitsfachberufen die heute schon sehr enge Zusammenarbeit befördert, wird sich zeigen. Aus meiner Sicht ist der Teamgedanke entscheidend – übrigens nicht nur in der täglichen Arbeit, sondern auch konzeptionell, bei der gemeinsamen Definition von Arbeitsfeldern und Schnittstellen zwischen den Professionen. Wir sind hier in einem guten Austausch mit den Verbänden der Gesundheitsfachberufe.

Nach Ansicht des Vorsitzenden des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses, Josef Hecken, darf die Substitution ärztlicher Leistungen kein Tabu mehr sein. Teilen Sie diese Auffassung?

Ich tabuisiere dieses Thema nicht, aber ich habe dazu eine klare Haltung. Der Facharztstatus darf im Interesse der Patientensicherheit nicht infrage gestellt werden. Wir wären einen Riesenschritt weiter, wenn Ärzte endlich von fachfremden Aufgaben entlastet würden. Und natürlich müssen wir den Weg der Delegation, also der Arztentlastung durch gut qualifizierte Gesundheitsfachberufe, konsequent weitergehen, wobei die Schaffung von Parallelstrukturen zu vermeiden ist. Gleiches gilt für die Kooperation – sowohl in der Ärzteschaft als auch mit anderen Gesundheitsfachberufen. 

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Deutsches Ärzteblatt plus
zum Thema

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema