ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2018David Ernst Oppenheim: Brückenbauer zwischen Philologie und Psychoanalyse

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David Ernst Oppenheim: Brückenbauer zwischen Philologie und Psychoanalyse

PP 17, Ausgabe April 2018, Seite 168

Goddemeier, Christof

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David Ernst Oppenheim: „Für mich gibt es eigentlich nur ein großes Geheimnis, das Geheimnis der Menschenseele.“ Foto: Wikimedia
David Ernst Oppenheim: „Für mich gibt es eigentlich nur ein großes Geheimnis, das Geheimnis der Menschenseele.“ Foto: Wikimedia

Vor 75 Jahren starb der Pädagoge und Psychologe David Ernst Oppenheim. Er war Mitarbeiter von Sigmund Freud und Mitbegründer der Individualpsychologie Alfred Adlers.

Ausgehend von klassischen philologischen Texten suchte David Ernst Oppenheim kultur- und religionsgeschichtliche Kontexte einzubeziehen und kam mit seinen symbolischen Deutungen denen der Psychoanalyse nahe. Freud und seine Mitarbeiter wiederum waren sehr interessiert an Themen der Mythologie. Der engagierte Lehrer gilt deshalb als Brückenbauer zwischen Philologie und Psychoanalyse. Nach der Trennung von Freud schloss Oppenheim sich dem Kreis um Adler an und arbeitete am Aufbau der Individualpsychologie mit. Dabei blieb ihm die literarisch-philologische Arbeit wichtig, Psychoanalyse und Individualpsychologie dienten ihm auch als „Hilfswissenschaft der Philologie“.

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Unglückliche Kindheit

David Ernst Oppenheim entstammt der habsburgischen Hofjudenfamilie der Oppenheimer und wird 1881 im mährischen Brünn (Brno) geboren. Seine drei Jahre ältere Schwester Cornelia stirbt mit sechzehn Jahren an Diabetes, einer Erkrankung, für die es damals keine wirksame Behandlung gibt. Der Vater ist Rabbiner, entscheidet sich jedoch für eine aufgeklärte, weltliche Form des Judentums und arbeitet als Sekretär der Israelitischen Kultusgemeinde. Seine Kindheit beschreibt Oppenheim als nicht glücklich. Der Grund dafür liegt offenbar in der ehelichen Beziehung seiner Eltern – was genau daran problematisch ist, bleibt jedoch im Dunkeln. Nach der Matura studiert Oppenheim in Wien klassische Philologie und Archäologie und wird mit einer mythologisch-archäologischen Arbeit promoviert. Nach Anstellungen in Wien und Nikolsburg (Mikulov) ernennt man ihn 1909 zum Lehrer am Akademischen Gymnasium in Wien. 1904 lernt er die drei Jahre ältere Amalie Pollak kennen; als eine der ersten Frauen in Österreich studiert sie Mathematik und Physik, 1906 heiraten die beiden.

Bereits in diesem Jahr formuliert er Amalie gegenüber seine Lebensaufgabe: „Für mich gibt es eigentlich nur ein großes Geheimnis, das Geheimnis der Menschenseele. (…) Unablässige Beobachtung der eigenen Seele und rastlose Erforschung des andern (…) sind die Mittel, die ich daransetze.“ 1941 schreibt der 60-jährige, dass ihn „nicht die Sicht des Historikers“, sondern „die eines Humanisten“ zu seiner Arbeit geführt habe: „Denn Rückblicke auf lange vergangene Zeitalter und Völker schienen mir (…) bei Weitem nicht so entscheidend wie ein gründlicher Einblick in (…) das Wesen des Menschseins.“ Die Ehe ist eine Herausforderung – Amalie entstammt einem jüdisch-orthodoxen Haushalt mit vierzehn Kindern, isst nur koschere Speisen und hält den Sabbat ein; David geht nicht in die Synagoge und betrachtet die religiösen Vorschriften orthodoxer Juden als Aberglauben. Eine solche Verbindung gelingt nur mit einer Mischung aus Gefühl, Toleranz, Respekt, Kultiviert-heit und Kooperation.

Oppenheim veröffentlicht einen Aufsatz über eine Elegie Tibulls und eine Studie zu Ovids Metamorphosen. Seit einigen Jahren hört er Vorlesungen Freuds, 1909 schickt er Freud einen der Texte und drückt seine Wertschätzung gegenüber dessen Arbeit aus. Freud antwortet: „Seit längerer Zeit verfolgt mich die Idee, daß unsere Studien über den Inhalt der Neurosen berufen sein könnten, die Rätsel der Mythenbildung aufzuklären, und daß der Kern der Mythenbildung kein anderer ist, als was wir den ,Kernkomplex der Neuroseʻ nennen (…). Aber wir sind Dilettanten und haben allen Grund, uns vor Irrtümern zu fürchten. (…) Wir schauen darum nach einem Forscher aus, der die umgekehrte Richtung genommen hat, der die Sachkenntnis besitzt (…). Sollten Sie dieser ersehnte Mann sein wollen?“

Mittwoch-Gesellschaft

Nach einem ersten Treffen der beiden schreibt Freud an Carl Gustav Jung: „Der Zufall hat mir nun jüngst einen klugen Gymnasialprofessor zugeführt, der mit ähnlichen Gedanken, aber mit einem gefüllten Schulsack mythologisch arbeitet. Er (…) ist recht intelligent, nur macht er mir bisher den Eindruck, als ob er nicht recht geschickt wäre, etwas ihm bisher Fremdes anzunehmen.“ Zwei Monate später wird Oppenheim Mitglied der „Mittwoch-Gesellschaft“.

Im Winter 1909/10 suizidiert sich ein Wiener Gymnasiast. Die Presse erhebt schwere Vorwürfe gegen die betroffene Schule. In einer Stellungnahme vor der Mittwoch-Gesellschaft argumentiert Oppenheim, dass Selbstmord von Kindern seit Jahrhunderten in vielen Ländern vorkomme, und berichtet von Jugendlichen, die nach dem Tod des gegengeschlechtlichen Elternteils Suizid begangen hätten. Vom Standpunkt der Freudschen Psychologie müsse man von einem erotischen Konflikt der Heranwachsenden ausgehen. So könne man verstehen, dass der Lebenstrieb vom „biologisch gleichwertigen“ Geschlechtstrieb überwältigt werde. Doch er führt auch den Suizid als Nachahmung an und kritisiert in diesem Zusammenhang die Presse, der er Sensationsgier und Scheinheiligkeit vorhält. Zum einen beschuldige sie die Lehrer, das Kind „ermordet“ zu haben, zum anderen provoziere sie durch das öffentliche Aufsehen weitere Kinder zu Nachahmungssuiziden. Dann stellt er die Frage, die „mein eigenes Leben peinlich nahe berührt“, ob die strengen Bedingungen in den Schulen Kinder in den Selbstmord treiben. Er verteidigt die schulische Disziplin, denn die Schule „würde ihren obersten Zweck, für das Leben vorzubereiten, verfehlen, wenn sie nicht selbst ein Stück von diesem Leben in sich hätte, von diesem harten Leben mit seinen steten Kämpfen, seinen schweren Niederlagen und teuer erkauften Siegen“. Die Diskussion darüber dauert zwei weitere Abende. Freud schätzt Oppenheims Arbeit, doch seine Ansicht teilt er nicht. Ihm zufolge soll Schule den Übergang vom behütenden Elternhaus zur harten Lebensrealität freundlich und wohlwollend begleiten. Adler hält die Rolle der Schule bei den Schülerselbstmorden für gering. Für die erste Publikation des Wiener Psychoanalytischen Vereins, „Über den Selbstmord, insbesondere den Schüler-Selbstmord“ (1910), schreibt Oppenheim die Einleitung, allerdings – vermutlich wegen seiner öffentlichen Rolle als Lehrer – unter dem Pseudonym „Unus multorum“ (= einer von vielen).

Auf Anregung Oppenheims kommt eine der seltenen Arbeiten zustande, die Freud mit jemand anderem verfertigt. Oppenheim hat bei seinen Folklorestudien beobachtet, dass die Symbolik in den dort erzählten Träumen sich mit der von den Psychoanalytikern angenommenen deckt. Und der Volksmund versteht etliche dieser Träume so, wie sie auch die Psychoanalyse deuten würde – nicht als Hinweise auf eine Zukunft, sondern als Wunscherfüllung und Befriedigung von Bedürfnissen. Oppenheim erstellt eine volkskundliche Materialsammlung zur Sexual- und Traumsymbolik, Freud kommentiert und interpretiert psychoanalytisch. Der Text soll 1911 erscheinen, doch die Trennung von Freud verhindert das. Nach dem Zweiten Weltkrieg nimmt Amalie Oppenheim das Manuskript mit nach Australien, 1958 erscheint es erstmals in New York: „Träume in Folklore – Dreams in folklore“.

Entscheidung gegen Freud

Nach der Trennung Adlers von Freud 1911 erklären fünf weitere Mitglieder der Psychoanalytischen Vereinigung ihren Austritt. Einer von ihnen ist Oppenheim. Warum entscheidet er sich für Adler und gegen Freud? Hinsichtlich Herkunft, Bildung sowie Einstellung zu Judentum und Religion hat er mit Freud deutlich mehr gemeinsam als mit Adler.

Seinen Kindern gegenüber soll Oppenheim später geäußert haben, er habe Freud bewundert, aber Adler geliebt. Zudem entspricht Adlers Individualpsychologie Oppenheims Wunsch, die Philologie durch eine Psychologie zu ergänzen, „die nicht bei gattungsmäßigen Gleichförmigkeiten stehen bleibt, sondern zu den individuellen Besonderheiten fortschreitet und auf diese Weise dem Begriff der Menschenkenntnis Genüge tut“ („Dichtung und Menschenkenntnis“ 1926). Oppenheim wird tragendes Mitglied des Vereins für Individualpsychologie, leitet Sitzungen, hält Vorträge und publiziert, etwa zum Verhältnis der Geschlechter. Dabei ist sein Ideal die dem Mann gleichwertige und gleichberechtigte Frau.

Während des Ersten Weltkriegs wird Oppenheim zweimal verwundet und überlebt den Albtraum der Isonzoschlachten. Wie so viele begeistert ihn der Krieg zu Anfang und lässt einen zerrütteten Menschen zurück. Gutachten bescheinigen ihm „hochgradige Nervenschwäche“ und „Neurasthenie höheren Grades“. Seine beiden Töchter, vor und nach dem Krieg geboren, berichten von zwei Vätern: Der eine ist ein fröhlicher junger Mann, der andere ist depressiv, labil und neigt zu plötzlichen Wutausbrüchen. Heute würde man Oppenheim eine posttraumatische Belastungsstörung attestieren, damals existiert die Diagnose noch nicht.

Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich 1938 wird Oppenheim aus dem Schuldienst entlassen. Seine beiden Töchter emigrieren. Er und seine Frau zögern. Oppenheim ist derart fest in der deutschen und europäischen Kultur verwurzelt, dass eine Emigration schwer vorstellbar ist. Zudem ist er nicht gesund. 1942 werden er und seine Frau in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Oppenheim leidet an Diabetes und Durchfall, Insulin ist nicht verfügbar. Am Morgen des 18. Februar 1943 stirbt er. Seine Frau überlebt die Diktatur und trifft 1946 bei ihren Kindern und Enkelkindern in Australien ein. Christof Goddemeier

1.
Handlbauer, B: Die Freud-Adler-Kontroverse. Gießen: Psychosozial-Verlag 2001.
2.
Oppenheim, DE: „... von Eurem treuen Vater David“, hg. von Adolf Gaisbauer. Wien: Böhlau Verlag 1996.
3.
Singer P: Die Tragödie der Juden von Wien – Mein Großvater. Leipzig: Europa Verlag 2005.
1. Handlbauer, B: Die Freud-Adler-Kontroverse. Gießen: Psychosozial-Verlag 2001.
2. Oppenheim, DE: „... von Eurem treuen Vater David“, hg. von Adolf Gaisbauer. Wien: Böhlau Verlag 1996.
3. Singer P: Die Tragödie der Juden von Wien – Mein Großvater. Leipzig: Europa Verlag 2005.

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