ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2018Psychosoziale Gesundheit auf den Philippinen: „Das ist mein Schicksal“

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Psychosoziale Gesundheit auf den Philippinen: „Das ist mein Schicksal“

PP 17, Ausgabe April 2018, Seite 170

Merten, Martina

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Das Thema Verhütung ist auf den Philippinen noch immer ein heikles. Fehlende Bildung, der Druck der übermächtigen katholischen Kirche und zu lasche Gesetze haben verheerende Folgen: Tausende von ungewollten Kindern wachsen in desolaten Verhältnissen auf.

Die katholische Kirche übt auf dem Archipel einen übermächtigen Einfluss aus. Der Glaube steht über allem. Fotos: Benjamin Fueglister
Die katholische Kirche übt auf dem Archipel einen übermächtigen Einfluss aus. Der Glaube steht über allem. Fotos: Benjamin Fueglister

Bis sie neun Jahre alt war, lebte Shane* bei ihrer Tante. Ihre Eltern hatten sie weggegeben. Der Mann der Tante misshandelte das Mädchen. Während eines besonders schlimmen Streits goss er ihr heißes Wasser über den Kopf. Shane rannte weg. Eine NGO kümmerte sich eine Weile um sie. Irgendwann, wann, weiß sie nicht mehr so genau oder will es nicht wissen, begann Shane als Prostituierte zu arbeiten. Heute ist die Filipina 22 Jahre alt. Auf ihrem Schoß sitzt ein drei Monate altes Baby. Der Vater des Babys ist Koreaner. Er verschwand aus ihrem Leben, als sie im vierten Monat schwanger war. Shane hat noch ein zweijähriges Kind von Jens aus Dänemark. Jens ist heute tot. Umgebracht von seiner Ex-Freundin, die eifersüchtig auf Shane war.

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Shane sitzt lethargisch auf einer Holzbank im Obergeschoss eines Zentrums für Frauen und Kinder in Risikosituationen. Das sogenannte Good Shepherd House wurde 2007 vom deutschen Pater Heinz Küleke zusammen mit den Good-Shepherd-Schwestern gegründet. Shane hebt ihr Baby zwischendurch immer wieder hoch. Sie schaut es mit ihren dunkelbraunen Augen an, lässt es kurz darauf wieder auf ihren Schoß rutschen. „Das hier, das ist jetzt mein Leben“, sagt die Asiatin. Ihre Freundin Yvonne, die neben ihr sitzt, nennt sie eine „international mother“. Während sie lacht, sieht man ihre vielen Zahnlücken.

Als Prostituierte arbeiten

Die Geschichten der Frauen, die eine Etage tiefer im Welcome House in der südphilippinischen Stadt Cebu City sitzen, klingen ähnlich. Sie alle haben als Prostituierte arbeiten müssen oder tun es noch. Sie alle haben trotz desolater Lebensverhältnisse mehrere Kinder von verschiedenen Männern. Auf die Frage, warum sie nicht verhüten oder verhütet haben, kommen abenteuerliche Antworten. Bei einigen ist es die Angst vor dem Einsetzen einer Spirale. Andere sagen, der Mann habe kein Kondom benutzen wollen. Wieder andere sagen, die Folgen fehlender Verhütung seien ihnen nicht wirklich bewusst gewesen. Überall im Welcome House krabbeln oder laufen Kinder herum. Für einige Stunden finden sie hier so etwas wie Ruhe. Ein Zuhause haben die meisten nicht.

Verhütung ist ein schwieriges Thema auf dem asiatischen Archipel. Ein Blick auf die Fakten unterstreicht dies: Eine von vier Schwangerschaften ist ungewollt, geht aus einem Bericht der Welt­gesund­heits­organi­sation von 2016 hervor. Der Anteil derjenigen, die überhaupt verhüten, ist zwar in den letzten Jahren leicht gestiegen – von 33 Prozent in 2003 auf angeblich 43 Prozent in 2015, steht in einem Bericht des Ge­sund­heits­mi­nis­teriums von 2016 über die Einführung des Reproduktionsgesetzes. Allerdings ist zeitgleich zum Anstieg der Verhütungs-Prävalenzrate auch der Anteil derjenigen Bevölkerungsgruppe gestiegen, die theoretisch verhüten kann. Besonders ungebildeten Filipinos, so der Bericht, mangele es an Verhütungsmöglichkeiten.

„Verhütung ist auf den Philippinen nicht wirklich gewollt“, sagt Rebecca Angeles. Rebecca ist Landesleiterin der Nichtregierungsorganisation „Wipe every tear“, die ihren Hauptsitz in den USA hat. Drei- bis viermal jährlich kommen Mitarbeiter aus den USA auf die Philippinen, um in Nachteinsätzen in Rotlichtbezirken Frauen von der Straße zu holen. Ziel ist, ihnen und ihren Kindern Bildung zu vermitteln. Ihnen einen Ausweg aus dem Kreislauf aus Armut, falscher Arbeit und Abhängigkeit aufzuzeigen. Viele der Kinder, die häufig mit den Frauen in Bars oder bei deren Eltern auf dem Land lebten, stammten von verschiedenen Vätern aus dem Ausland. „Diese Kinder werden später dadurch, dass sie anders aussehen, stigmatisiert“, berichtet Rebecca.

Hoffnung auf besseres Leben

Schwester Regina gehört den „Good Shepherd Sisters“ an. Die ruhige Frau in ihren Siebzigern sitzt in ihrem Schaukelstuhl auf den Hügeln Cebus. Zu ihren Aufgaben über die vergangenen Jahrzehnte habe auch gehört, sich um die Kinder der vielen Frauen ohne Männer zu kümmern, erzählt sie. Die meisten der Frauen habe die Hoffnung auf ein besseres Leben in ihre schwierige Situation getrieben. Sie hätten sich diese Kinder gewünscht, ist die Schwester überzeugt. Am Ende seien allerdings nur die Kinder geblieben. Nicht die Väter. Die Kirche habe über die Jahre ihren Teil zu dieser Entwicklung beigetragen. Mehr will sie nicht sagen.

Einige Stunden der Ruhe finden Shane und ihre Kinder im Welcome House, einer von Kirchenmitgliedern initiierten Anlaufstelle für Frauen und Kinder in Risikosituationen in Cebu
Einige Stunden der Ruhe finden Shane und ihre Kinder im Welcome House, einer von Kirchenmitgliedern initiierten Anlaufstelle für Frauen und Kinder in Risikosituationen in Cebu

Pater Franz Josef Eilers von den Steyler Missionaren lebt seit vielen Jahrzehnten in Manila. Anders als Schwester Regina sieht er die katholische Kirche in der Pflicht, etwas gegen das überbordende Bevölkerungswachstum des Landes zu tun. „Kondome und Pille sind noch immer nicht offiziell akzeptiert, auch wenn die jetzige Administration dem Thema offener gegenüber steht“, sagt Eilers. Bruder Paul Bongcaras, der auch den Steyler Missionaren angehört, zieht deshalb nachts durch die dunklen Winkel des Landes. Immer im Gepäck sind kleine Säckchen für die Frauen, in denen Kondome, etwas zu trinken und etwas zu essen enthalten sind. „Die kirchliche Rangordnung zu durchbrechen ist schwer“, sagt Bongcaras. Bischöfe würden auf Lebenszeit gewählt. Alte Bräuche blieben bestehen.

Politik in der Verantwortung

Was dieses Leben mit den Frauen macht, mit ihrer Psyche, damit beschäftigt sich Professor Dr. Alexander Gaut. Der Priester arbeitet an der San Carlos Universität in Cebu. Gleich um die Ecke der renommierten Universität befindet sich das Rotlichtviertel der Millionenstadt. „Die Frauen wollen diese Kinder nicht“, ist der gebürtige Indonesier überzeugt. Es seien die Männer, die Kunden, die einfach keine Kondome benutzen wollten. Viele der Frauen nähmen massenweise Drogen, um mit den Wünschen der Männer und mit der Gesamtsituation umgehen zu können, berichtet Gaut. „Dann fühlen sie sich nicht so schuldig.“ Verantwortlich für diese desolate Situation hält der Wissenschaftler auch die Politik. Man müsse Leute endlich in die Lage versetzen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Aufklärung, so Gaut, sollte bereits im Alter von 13 Jahren beginnen. Viele der Programme, mit denen sich die Politik rühme, existierten nur auf dem Papier.

Ähnlich scheint es mit dem derzeitig heiß diskutierten Reproduktionsgesetz zu sein. Das 2012 verabschiedete Gesetz sollte eigentlich ein großer Schritt in die richtige Richtung sein. Es garantiert den Zugang zu Verhütungsmitteln für alle Bevölkerungsschichten. Darüber hinaus mandatiert es für Aufklärung über reproduktive Gesundheit an Schulen und erkennt das Recht jeder Frau zur Abtreibung an. Auf Druck der Kirche und einiger Politiker hin kam es jedoch zu einer einstweiligen Verfügung des Obersten Gerichtshofes des Landes. Einige Teile des Gesetzes konnten daraufhin nicht umgesetzt werden. Das Budget für Kontrazeptiva wurde gestrichen. Bleibt dies so, geht die Kommission für Bevölkerung des Landes davon aus, dass 90 Prozent der derzeit verfügbaren Handelsmarken nicht mehr angeboten werden können. Dann wäre das Gesetz wirkungslos.

Aufklärung gefordert

Gemma Gabuya sieht das ein wenig anders. Die Regionaldirektorin der Außendienststelle des Ministeriums für Soziales und Entwicklung (DSWD) in San Fernando glaubt daran, dass es bei der Thematik um Werte, nicht um Objekte geht. In der Nähe von San Fernando befindet sich das größte Rotlichtviertel des Landes, rund um die „Walking Street“. „Wir können den Leuten nicht vorschreiben, wie viele Kinder sie haben sollen“, ist Gabuya überzeugt. „Wir können sie nur darauf hinweisen, dass sie auf ihre eigenen Kapazitäten schauen sollten.“ Einmal monatlich gehen Mitarbeiter des DSWD in verschiedene Ortsteile von San Fernando. Sie tragen eine Liste derjenigen Haushalte mit sich, die besonders bedürftig sind. Die sind es dann auch, die es aufzuklären gilt, zum Beispiel über Möglichkeiten der Familienplanung. Wörter wie Kondom oder Pille benutzen die Mitarbeiter nicht.

Sarah scheint informiert über Aufklärung zu sein. Zumindest jetzt, da das sechste Kind vom dritten Mann unterwegs ist. Ein weiteres von einem vierten Vater verlor sie während der Schwangerschaft. Einige ihrer Kinder, erzählt sie bedrückt, habe sie nicht gewollt. Besonders ihr heutiges zweijähriges Mädchen, das einen chinesischen Vater hat – ein ehemaliger Kunde. Wenn sie dieses Mädchen ansehe, sagt Sarah, erinnere es sie an ihren Vater. Und an diesen Mann wolle sie einfach nicht erinnert werden. Kurz nach der Geburt, die auf einer Toilette im Haus einer fremden Familie stattfand, schmiss sie das Baby aus dem Fenster. Wie durch ein Wunder überlebte das kleine Wesen. Später dann kam Sarah hinzu. Sie war völlig weggetreten. „Ich wünsche mir, dass ich dieses Mädchen eines Tages annehmen kann“, sagt Sarah mit Tränen in den Augen. „Ich wünsche mir, dass sich meine Gefühle für sie eines Tages ändern.“ Martina Merten

Die Recherche zu dem Artikel fand 2017 mit Unterstützung der Karl Kuebel Stiftung für Kind und Familie statt. Mehr Information sowie Fotos und Videos auf der Projektseite www.justasouvenir.com.

* Alle Namen der Frauen sind auf Wunsch geändert.

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