ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2018Komplex traumatisierte Menschen: Befreiung von der verzerrten Sicht auf sich selbst

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Komplex traumatisierte Menschen: Befreiung von der verzerrten Sicht auf sich selbst

PP 17, Ausgabe April 2018, Seite 180

Harsch, Monika

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Von Anfang an nicht gewollt und nicht geliebt, von den eigenen Eltern abgelehnt, misshandelt, verraten, verkauft. Wie kann da Hoffnung entstehen, wie kann erklärt und bewiesen werden, dass jeder Mensch wertvoll ist und ein unveräußerliches Recht auf ein gutes, gewaltfreies Leben hat? Wie können die Lügen, die so verinnerlicht wurden, dass sie die einzige Wahrheit zu sein scheinen, aufgedeckt, entlarvt und widerlegt werden?

In dem Buch beschreibt Gaby Breitenbach mithilfe eines Märchens, wie „das kleine Murx“ systematisch demontiert und seiner Identität und Würde beraubt wird, bis es selbst als einzigen Ausweg die Auflösung der eigenen Existenz sieht. Viele Menschen, die Opfer früher und lang anhaltender Gewalt wurden, werden sich in dem Murx und seinen Erfahrungen wiederfinden. Schon der Name bringt das vorherrschende Lebensgefühl zum Ausdruck: nichts wert, zu nichts fähig, missraten, nutzlos – eben Murx. Das Märchen deckt aber auch auf, wie das Murx dazu gebracht worden ist, so über sich zu denken und so zu fühlen. Es entlarvt die systematischen Lügen und die gezielten Manipulationen der Eltern und Täter und zeigt, wie chancenlos ein Kind ist, das in solchen Strukturen groß werden muss.

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Im zweiten Teil des Buches entwickelt die Autorin einen Gegenentwurf. Das Murx wird in seiner größten Not von Helfern entdeckt, die sich nicht täuschen lassen, die ihm zeigen, wie sein wahres Ich ist und die Lügen enttarnen. Wahrheit, Hoffnung, Liebe und Trost heißen diese Helfer. Sie befreien das Murx von der verzerrten Sicht auf sich selbst. Das Murx findet mit ihrer Unterstützung einen Namen, der ihm seine Würde, sein Lebensrecht, seine Identität und seinen Wert zurückgibt.

Die Sprache eines Märchens ist auch für jüngere innere Anteile verständlich, die Symbolik hat eine tiefe Wirkung, die Bilder sind greifbar, verständlich und berühren. Die zweisprachige Gestaltung des Buches ermöglicht Menschen, bei denen die erzwungenen inneren Spaltungen mit unterschiedlichen Sprachen verknüpft worden sind, eine Überwindung der Spaltung – das Märchen kann parallel auf Deutsch und Englisch gelesen werden und die Anordnung ist durchgehend so erfolgt, dass der Inhalt beider Seiten deckungsgleich ist.

Das Buch spiegelt die jahrzehntelange Erfahrung der Autorin in der Arbeit mit früh und komplex traumatisierten Menschen wider. Und es macht Mut: es lohnt sich für die Wahrheit einzutreten, damit Murx nicht Murx bleiben muss. Monika Harsch

Gaby Breitenbach: Die wahre Geschichte – The True Story. Asanger Verlag, Kröning 2017, 87 Seiten, gebunden, 14,90 Euro

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