ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2018Familie in der deutschen Nachkriegszeit: Antworten auf transgenerationelle Fragen

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Familie in der deutschen Nachkriegszeit: Antworten auf transgenerationelle Fragen

PP 17, Ausgabe April 2018, Seite 181

Kattermann, Vera

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Allzu lange sollte man dieses Buch lieber nicht lesen, will man leichte Anflüge von Übelkeit vermeiden. Kann eine Buchrezension mit dieser Warnung beginnen und zugleich mit der Aufforderung verbunden sein, es unbedingt zu lesen? Florian Hubers Buch vermag es, genau diese gemischte Reaktion auszulösen: ein starkes Bewegt-Sein, ein emotionales Verstehen und Begreifen von etwas bislang eher diffus Aufleuchtendem, die damit verbundene Erleichterung und dann aber auch immer wieder Entsetzen, Unbehagen und eben leise Übelkeit. Der Autor hat eine beeindruckende Collage an Erinnerungen, Beschreibungen und Berichten zum „deutschen Familienkosmos nach 1945“ zusammengefügt. Es geht um ein Epochenbild der Nachkriegsgesellschaft, um diese eigentümliche Zeitphase an generationellem Schweigen und widersprüchlichem Aufbau-Handeln, eine Zeit geprägt von Familiengeheimnissen und dem Zudecken des klaffend Abgründigem: „Es gibt viele Gründe, die Fünfzigerjahre zu hassen“, so Huber, und er bezieht sich auf den „Täterfilz“, den dumpfen „Geist der Aufbaugesellschaft“: Er verfolgt exemplarisch das weitere Schicksal der 18 Millionen Männer, die auf deutscher Seite am Krieg teilgenommen haben und von denen etwa zwei Drittel in der Nachkriegsgesellschaft in die „Privatfestung Eigenheim“ heimkehrten. Die familiären Konstruktionen vom scheinbar normalen Leben blieben jedoch Wunschvorstellung. „Hinter den Türen saßen Männer mit namenlosen Erinnerungen, Frauen, die sich verleugneten und Kinder, die sich zu Komplizen machten oder dagegen aufbegehrten“, so Huber in der Einleitung. Er rekonstruiert über umfangreiche Zitate aus Tagebüchern, Essays und Erinnerungsberichten den Blick in die deutschen Wohnzimmer der Nachkriegsjahre.

Das ist teilweise bedrückend einfacher „Schicksalsstoff“: Geschichten von Liebe, Sehnsucht, Erfolg, Ohnmacht und Scheitern. In Hubers Buch aber sind sie durchzogen von den verleugneten politischen Konflikten der Nachkriegsjahre: Schuldübernahme und Verantwortung versus Trauma und Abwehr, kleinbürgerliches Elend versus begehrter Größenanspruch. Das ist es, was die Übelkeit auslösen kann, diese teilweise unerträgliche Gemengelage, dieses ungute, giftige Gebräu von mörderisch Abgründigem, das aber in überforderten Familien gebunden bleibt, nicht aufgelöst, nicht metabolisiert werden kann und als unverdaulicher Bodensatz weiterwabert. Darauf gründet der „Wiederaufbau“ und das ist der emotionale Grund, auf dem viele von uns oder von unseren Eltern groß wurden, der familiäre Hintergrund der scheinbar so „normalen Familien“ vieler unserer Patientinnen und Patienten. Huber zeichnet anhand seiner Collage aus vielen Zitaten ein beeindruckendes und beklemmendes Sittengemälde mit viel psychologischem Feingespür. Es gelingt ihm, die bis heute vielfach ungereimten Nuancen von Täterschuld und Kriegstraumatisierung sprachlich sehr präzise, klar und sensibel zusammenzufügen und die gleichermaßen gebrochenen wie verschlossenen Existenzen vieler Kriegstäter nachfühlbar zu machen. Huber zitiert Konrad Adenauer: „Wir haben so verwirrte Zeitverhältnisse hinter uns, dass es sich empfiehlt, generell Tabula rasa zu machen“ (1954). Manche nahmen das auch ganz wörtlich: Man schätzt, dass sich in dieser Zeit mindestens 60 000 NS-Funktionäre unter falschem Namen ein neues Leben aufbauten.

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Für unser therapeutisches Selbstverständnis, vor allem aber auch für ein Verständnis der in wortlosem Schweigen aufgewachsenen Töchter und Söhne, Enkel und Enkelinnen dieser Zeit, die heute in unseren Therapiezimmern nach Antworten auch auf transgenerationelle Fragen suchen, ist dies ein wertvolles und dringend zu empfehlendes Buch. Vera Kattermann

Florian Huber: Hinter den Türen warten die Gespenster. Das deutsche Familiendrama der Nachkriegszeit. Berlin Verlag 2017, 352 Seiten, gebunden, 22,00 Euro

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