ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2018Strukturreform: Etikettenschwindel
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Liebe Frau Schemmann, die unangenehme Wahrheit zuerst: Sie bekommen nicht alle Therapie, die Sie brauchen! Klingt nicht schön. Is aber so.

Warum das so ist? Die Krankenkassen zahlen weniger Geld als Therapiebedarf da ist. Dadurch gibt es weniger Therapiestunden als gebraucht werden. Das nennt man Mangel.

Um diesen Mangel zu verschleiern, haben sich ein paar ganz pfiffige Menschen
etwas einfallen lassen. Das nennt man „Etikettenschwindel“. Und die Menschen, die sich so was einfallen lassen, heißen „Funktionäre“ und „Politiker“.

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Das mit dem Etikettenschwindel geht so: man zwingt die Therapeuten, einen Teil ihrer Arbeitszeit am Telefon zu verbringen und nennt das „Telefonische Erreichbarkeit“. Die Patienten glauben, es ist besser geworden. Weil sie ja schon mal mit einem Therapeuten telefonieren konnten. 

Dann zwingt man die Therapeuten dazu, einen weiteren Teil ihrer Arbeitszeit mit der Beratung von Therapiesuchenden zu verbringen. Das nennt man „Therapeutische Sprechstunde“. Die Patienten glauben, es ist noch besser geworden. Jetzt haben sie schon mal einen Therapeuten live und in Farbe erlebt. 

Dann zwingt man die Therapeuten dazu, einen weiteren Teil ihrer Arbeitszeit einfach anders zu nennen. Zum Beispiel „Akuttherapie“. Die Patienten glauben, es ist noch besser geworden. Sie glauben, es gibt ein neues Angebot.

Es ist aber gar nicht besser geworden. Es ist sogar schlimmer geworden. Weil die Therapeuten jetzt keine Therapie machen können, wenn sie am Telefon sitzen oder Beratung in der „Sprechstunde“ machen müssen. Und das neue Angebot gibt es gar nicht. Es heißt nur anders.

Und Sie, Frau Schemmann, sind auf diesen Etikettenschwindel reingefallen. Woher ich das weiß? Sie glauben, die Therapeuten sind schuld: Sie schreiben, die eine „vertritt den Standpunkt der Notwendigkeit des Einhaltens der zweijährigen Therapiepause“. Aber wer hat’s erfunden? Nein, diesmal nicht die Schweizer. Die Funktionäre und die Politiker. Ihre Therapeutin muss sich daran halten. Oder Sie schreiben: „Die Akutempfehlung scheint sie nicht zu rühren“. Wenn man das mit dem Etikettenschwindel verstanden hat, ist auch klar warum. Weil die Akutempfehlung nichts anderes ist als eine Therapieempfehlung. Und Therapie ist ja nicht genug da.

Oder Sie schreiben „Der deshalb drängende Bedarf zur Inanspruchnahme einer Sprechstunde …“. Wieder reingefallen!
Es geht nicht nach Bedarf. Es ist sogar so, dass Sprechstunden für Sie gar nicht gedacht waren. Sie hatten ja bereits Therapie. Ich kenne allerdings Patienten, die
haben es geschafft, bei fünf Kollegen zur Sprechstunde gewesen zu sein. Dadurch wird der Mangel natürlich noch schlimmer. Und das nur, weil die Funktionäre und die Politiker gesagt haben, dass man bekommen kann, was man braucht. Ohne dass es mehr Geld kostet. Etikettenschwindel! Nicht Ihre Schuld, Frau Schemmann, ich weiß. Aber irgendjemand musste es Ihnen mal sagen. 

Warum ich das so schreibe, als würde ich für die „Sendung mit der Maus“ oder
„Löwenzahn“ arbeiten?

Weil ich stinksauer bin auf den Etikettenschwindel. Und die Funktionäre. Und die Politiker. Denen hab ich das mit dem Mangel auch schon erklärt. Aber die hören nicht zu. Klingt komisch. Is aber so.

Peter Neureuther, 73430 Aalen

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