ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2018Kreativitätsforschung: Antworten auf spannende Fragen

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Kreativitätsforschung: Antworten auf spannende Fragen

PP 17, Ausgabe April 2018, Seite 183

Koch, Joachim

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Joanne K. Rowling erzählte im Jahr 2002 in einem Interview, wie ihr die Idee zu Harry Potter kam. Sie saß in einem Zug und dachte an nichts, was mit Schreiben zu tun hatte, dann kam die Idee aus dem Nichts: Sie konnte Harry ganz klar sehen. Ihr sprudelten die Ideen nur so durch den Kopf und sie spürte ein körperliches Hochgefühl und eine unglaubliche Erregung. Rowling ist ein Beispiel für eine hochkreative und auch eine hochintelligente Person.

Die Frage der Beziehung von Kreativität und Intelligenz ist eine der vielen spannenden Fragen, der Konrad Lehmann in diesem Buch nachgeht. Mit sieben Buchkapiteln, die auch als Spurensuche mit Commissario Prefrontale gestaltet sind, bietet der Autor einen gut verständlichen Einblick in die heutige Kreativitätsforschung. Dabei werden auch ausführlich neurobiologische Zusammenhänge erläutert. Im ersten Kapitel geht es um Grundlegendes zur Kreativität, wie die Idee, dass die Fähigkeit zu divergentem Denken, bei dem vorgegebene Pfade verlassen werden, ein Kernmerkmal von Kreativität ist. Dann geht es um die kreative Persönlichkeit. Die Forschung hat festgestellt, dass kreative Menschen besonders intelligent und besonders offen für neue Erfahrungen sind. Ausführlich wird die Frage diskutiert, ob Genies vom Wahnsinn bedroht sind. Im dritten Kapitel steht der Schöpfungsdrang der besonders kreativen Menschen im Mittelpunkt. Es wird festgestellt, dass Kreativität zu einem bedeutenden Teil im Gestaltungswillen besteht. Kreative Leistungen brauchen eine möglichst breite Infobasis. Hier ist der präfrontale Cortex (beim Einbezug emotionaler Signale des Körpers besonders das untere Stirnhirn) bedeutend, der die hohe Konnektivität von Hirnarealen gewährleistet. Aber um sich nicht in Details zu verlieren, muss bei kreativen Menschen die Fähigkeit ausgeprägt sein, wieder zur Fokussierung zu wechseln (seitliches Stirnhirn). Hier liegt auch die Begründung dafür, dass Kreativität nicht eine rechtshemisphärische Leistung sein kann, sondern das Zusammenspiel beider Hirnhälften benötigt. Weil kreative Ideenfindung aus zwei gegensätzlichen Phasen besteht, ist Kreativität weder einfach zu erklären noch einfach im Gehirn zu verorten. Im fünften Kapitel geht es darum, wie das Gehirn Einsichten produziert. Es geht um „mindsets“ und um Möglichkeiten, starre Denkgewohnheiten aufzubrechen. Kreative Menschen sind neugierig und suchen kontinuierlich nach einer Herausforderung ihrer Denkgewohnheiten, um dann zu neuen Einsichten befähigt zu werden. Die Einsicht entsteht aus der Konzentration auf die inneren Bilder, das Gehirn braucht Zeit und Ruhe (Infostopp), um sich mit der Menge angehäufter Kenntnisse befassen zu können und diese zu einer überraschenden neuen Einsicht zu verknüpfen. Beim Abschalten wird das Default Mode Network (DMN) aktiviert. Nur das DMN und das exekutive Kontrollnetzwerk zusammen können Gegensätze integrieren und Kreativität entstehen lassen.

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Zum Schluss gibt der Autor (doch) noch ein paar Tipps, wie die eigene Kreativität entwickelt werden kann. Joachim Koch

Konrad Lehmann: Das schöpferische Gehirn – Auf der Suche nach Kreativität – eine Fahndung in sieben Tagen. Springer Verlag, Heidelberg 2017, 254 Seiten, kartoniert, 19,99 Euro

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