ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2018Digitalisierung: Daten sind Mittel zum Zweck

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Digitalisierung: Daten sind Mittel zum Zweck

Dtsch Arztebl 2018; 115(15): A-675 / B-585 / C-585

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Wir können sagen, welche Patienten in einer Woche, sechs Wochen oder einem Jahr sterben. Wir können zu Behandlungsplänen sagen: Wie viel kostet der Patient? Mit solchen Ankündigungen wirbt das US-Unternehmen „Aspire Health“ für die Nutzung von Big Data für das weltweite Gesundheitswesen. Die von Google mitfinanzierte Firma soll mithilfe von Algorithmen Diagnosen auswerten und mit Mustern häufiger Therapien abgleichen. Daten werden gesammelt, Vorgänge erforscht, wenn es sein muss in Krankenhäusern, die man zu diesem Zweck mit dem aus dem Datengeschäft erwirtschafteten Geldern kauft. Eine „schöne neue Welt“, mag mancher da denken. Es ist aber keine Frage des Mögens, sondern des Erkennens und Umgehens mit diesen Dingen.

Als das Bundesministerium für Bildung und Forschung und das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie zu den Big Data Days 2018 nach Berlin (11. und 12. April) eingeladen haben, haben digitale Gesundheits-„Berater“ wie IBMs „Doc Watson“ ihre einst positiv besetzte Unschuld längst verloren. Die Initiatoren müssen nach den Ereignissen um Facebook und Cambridge Associates in der Öffentlichkeit aktuell mit einer eher angespannten Emotionslage in der Öffentlichkeit umgehen. Und das in einer Zeit, in der die Datenkarawane längst unterwegs ist. Deutschland will mit, braucht dafür aber den technologischen Schub, die Bereitschaft mitzumachen, aber vor allem den Rückhalt in der Öffentlichkeit. Das anzugehen, hat sich die Bundesregierung jetzt auf ihre Fahnen geschrieben.

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Dabei ist Daten zu sammeln nur eine Facette des Vorgangs. Den verantwortungsvollen Umgang muss der Mensch augenscheinlich noch lernen. Rund 1,5 Milliarden „sensible“ Dokumente, die Privatpersonen, aber auch Unternehmen ins Netz gestellt haben, so hat es die auf Cybersicherheit spezialisierte Firma Digital Shadows jetzt herausgefunden, sind für jedermann mit minimalen technischen Kenntnissen „frei zugänglich“.

Es reicht heute nicht mehr, das hat Facebooks Umgang mit Daten uns allen überdeutlich gemacht, als Privatmensch vorsichtig zu sein. Wer nicht als technischer und sozial abgekoppelter Eremit enden will, hat inzwischen ohnehin nur noch begrenzte Möglichkeiten, seine Daten vor Missbrauch zu bewahren. Das Netz nimmt, wo es kann. Und: Es vergisst nicht. Wichtiger ist, dass eine moderne Gesellschaft sich verdeutlicht, dass auch für die Digitalisierung gilt, was für Technik schon immer galt: Entscheidend bleibt, wie wir Menschen mit den Dingen umgehen, was wir daraus machen. Daten sind Rohstoffe, aus denen wir das Richtige machen müssen.

Wege zurück zum Status quo ante hat es bei allen einschneidenden Entwicklungen und technischen Revolutionen der Menschheit nie gegeben. Entscheidend war in Umbruchphasen immer, den richtigen Umgang damit zu erlernen. Hier, so zeigen zumindest die politischen Entwicklungen, sind wir noch nicht sehr weit.

Nicht zu vergessen: Maxime für das Gesundheitswesen bleibt das Wohl der Patienten. Zu wissen, welcher Patient wann stirbt und wie viel er bis dahin kostet, erinnert eher an das jahrtausendealte unabänderliche Orakel Delphis. Medizin ist aber dazu da, das, was Big-Data-Auguren berechnen, zu nutzen, damit Patienten gesunden, nicht sterben. Das ist der wichtigere Teil des Weges. Der muss von der Politik – im Zweifel auch gegen unternehmerischen Widerstand – geebnet werden.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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