ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2018Von schräg unten: Selbstständig?!

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Selbstständig?!

Dtsch Arztebl 2018; 115(15): [64]

Böhmeke, Thomas

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Nach einer Feier lasse ich mich von einem Taxi nach Hause bringen, da ich Verlustängste um meinen Führerschein habe, aber der angebotene Rotwein war einfach zu köstlich, um ignoriert zu werden. Der freundliche Fahrer lamentiert über das Wetter, über Fußball … und stellt dann zielsicher die Frage, die mich immer in höchste Nöte bringt: „Und, was machen Sie beruflich?“ Die wahrheitsgetreue Antwort führt meist dazu, dass mir alle möglichen Krankengeschichten berichtet werden, gar droht mir eine längere Rast, um auf dem Smartphone gespeicherte Arztberichte kommentieren zu müssen oder zur körperlichen Untersuchung gedrängt zu werden.

Also stottere ich verlegen: Ich bin … äh … selbstständig! Sofort meldet sich mein moralischer Cortex: Wie kannst Du nur so einen Mist von Dir geben?! Selbstständigkeit bedingt sich durch Unabhängigkeit von einem Arbeitgeber, und Du bist Kassenarzt! Wie viele Abstaffelungen, wie viele Kürzungen und Regresse musst Du noch erleben, bis Du das kapierst?! Ja, ja, ist ja gut. Der Taxifahrer guckt mich interessiert an, ich muss versuchen, meine Äußerung wieder einzufangen: Äh … also eigentlich bin ich, streng genommen … also nicht so richtig selbstständig! Der Taxifahrer ist irritiert: „Ja, was denn nun? Sind Sie nun selbstständig oder nicht? Oder vielleicht scheinselbstständig?“ Oje. Jetzt wird‘s strafrechtlich relevant, wie soll ich hier nur die Kurve kriegen?! Der Mann liegt gar nicht so falsch!, meldet sich wieder dieser blöde Gyrus moralicus. Du bist doch absolut abhängig von der kassenärztlichen Vereinigung, die alles diktiert, von A wie Arzneimittelverordnungen über Q wie Qualitätssicherung bis Z wie Zulassungsstopp! Wo, mein lieber Trottel, sind Deine Unabhängigkeit und Entscheidungsfreiheit als herausragende Kriterien für Selbstständigkeit? Ich komme mehr ins Schlingern als ein Plattfuß auf schneebedeckter Straße, aber der Taxifahrer will schließlich eine Antwort, daher: Ich … bin so weder noch, also … ich bin dem Anschein nach selbstständig! „Das ist ja lustig! Sie sind anscheinselbstständig! Das müssen Sie mir mal erklären!“ Mist. Ich reite mich immer weiter ins Unglück, ich muss, um den Anschein zu wahren, anständig zu sein, mich äußern. Hmmm … also, genau genommen ist es so, dass ich schon selbstständig bin, also das unternehmerische Risiko trage, aber ich bin von einer Organisation abhängig, die mir bis ins Letzte alles vorschreibt. Brav. Endlich kommst Du auf den Punkt. Und wenn meine Patien …, äh Kundschaft irgendwelche Wünsche äußert, die außerhalb dieses dicht gestrickten Netzes an Regeln und Zwangsjacken liegen, bin ich gezwungen, diese zu verweigern. „Da kriegen Sie bestimmt einiges zu hören.“ Ja, genau. Mein Wortschatz hat sich in den Jahren in manch unerwünschte Richtung erweitert. „Das kenn‘ ich. Aber was passiert denn, wenn Sie diese Regeln mal in den Wind schlagen, sich nicht drum scheren?“ Tja. Dann muss ich das aus eigener Tasche bezahlen. „Jetzt weiß ich, was Sie beruflich machen!“ Nein! „Doch! Sie sind auch Taxifahrer!“

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Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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