ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2018Innovationsfonds: Impulse für die Versorgung

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Innovationsfonds: Impulse für die Versorgung

Dtsch Arztebl 2018; 115(15): A-684 / B-592 / C-592

Beerheide, Rebecca

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Halbzeit beim Innovationsfonds: Rund 200 Projekte und Forschungsvorhaben wurden inzwischen unterstützt, die Nachfrage ist weiterhin hoch. Experten bewerten die Zusammenarbeit der Akteure im Gesundheitswesen als positiv. Mit Spannung werden die ersten Ergebnisse erwartet.

Foto: Sergey Nivens/stock.adobe.com [m]
Foto: Sergey Nivens/stock.adobe.com [m]

Er ist wie eine Vitaminspritze für das Versorgungssystem: Mit insgesamt 1,2 Milliarden Euro werden innovative Versorgungsprojekte sowie Vorhaben in der Versorgungsforschung gefördert. Seit zwei Jahren werden diese Forschungsgelder des Innovationsfonds, der 2015 eingeführt wurde, verteilt. Die Finanzierung stellen Krankenkassen und Mittel aus dem Gesundheitsfonds sicher. Im Koalitionsvertrag wird eine Verlängerung des Fonds um vier Jahre angekündigt. Dann sollen 200 Millionen Euro pro Jahr ausgegeben werden. Derzeit sind es pro Jahr 100 Millionen Euro mehr.

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Der Fonds, angesiedelt beim Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA), hat in den ersten zwei Jahren die Beteiligten am Gesundheitswesen stärker denn je zusammen geführt: So gibt es bislang ungekannte Zusammenarbeit zwischen Kassenärztlichen Vereinigungen, unterschiedlichen Kassenarten, den Spitzenverbänden von Krankenkassen mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung sowie Kooperationen zwischen Unikliniken und Krankenkassen. Diese Bandbreite der übergreifenden Zusammenarbeit zeigt die positive und kreative Wirkung des Fonds auch über die Versorgungsprojekte hinaus.

Überbuchung des Fonds

Zur Halbzeit zieht der Vorsitzende des Innovationsfonds eine positive Bilanz: „Nach zwei Jahren steht jedenfalls fest: Der Innovationsfonds hat die in ihn gesetzten Erwartungen mehr als erfüllt und ist zu einem wichtigen Impulsgeber geworden“, sagt Prof. Josef Hecken dem Deutschen Ärzteblatt. Ähnlich sieht das der Vorsitzende des Expertenbeirates des Innovationsfonds: „Der Innovationsfonds ist zu einem zentralen Instrument geworden, um neue Versorgungsansätze für die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung zu entwickeln und weitere Forschungsimpulse zu setzen“, so Prof. Dr. phil. Holger Pfaff zum Deutschen Ärzteblatt. Der Expertenbeirat verfasst Kurzgutachten zu den Bewerbungen und gibt Empfehlungen zur Förderentscheidung ab.

Der Fonds ist mit jährlich 300 Millionen Euro ausgestattet. Davon gehen 225 Millionen an die Erforschung neuer Versorgungsformen, 75 Millionen in die Versorgungsforschung. Schon im ersten Jahr meldete der Innovationsfonds Förderanträge, deren Wert weit über die mögliche Summe hinausging: So wurden im ersten Jahr Anträge von 880 Millionen Euro eingereicht, in der dritten Förderwelle liegt der Wert bei bei 440 Millionen Euro.

Die Themen für die Versorgungsprojekte haben klare Bereiche und Abgrenzungen: So soll es Versorgungsmodelle in strukturschwachen oder ländlichen Gebieten geben (siehe das Projekt in Templin sowie „Gesundheitskiosk in Billstedt/Horn“ auf den folgenden Seiten dieser Ausgabe) sowie Modellprojekte zur Arzneimitteltherapie und Arzneimittelsicherheit (siehe RESIST auf den folgenden Seiten), Telemedizinmodelle oder Versorgung von älteren Menschen, Pflegebedürftigen oder Kindern und Jugendlichen. Ebenso können sich Projekte auf andere Versorgungsthemen bewerben. Unter den Bereich „nicht themenspezifisch“ fällt beispielsweise auch die Betriebliche Gesundheit (siehe folgende Seiten). Die meisten Projekte der ersten Welle haben Projektgelder für eine Laufzeit von drei Jahren beantragt. An den meisten Projekten sind niedergelassene Ärztinnen und Ärzte sowie Universitätskliniken beteiligt (siehe Kasten).

Auch in der Versorgungsforschung übersteigt die Summe der Anträge den verfügbaren Etat. „Die Förderung der Versorgungsforschung ist als sehr positive Entwicklung hervorzuheben, da Deutschland in diesem Bereich im internationalen Vergleich einen noch deutlichen Nochholbedarf aufweist“, erklärt der stellvertretende KBV-Vorstand Dr. med. Stephan Hofmeister.

Entschieden wird über die Anträge im Innovationsausschuss. Den Vorsitz hat der unparteiische Vorsitzende des G-BA, Josef Hecken. Außerdem sitzen bei den Entscheidungen neun weitere Personen mit am Tisch: darunter drei Vertreter des GKV-Spitzenverbandes, jeweils ein Vertreter der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, der Deutschen Krankenhausgesellschaft sowie zwei Vertreter aus dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium und ein Vertreter des Bun­des­for­schungs­minis­teriums.

Evaluationsergebnisse erwartet

Um den Zuschlag für ein Projekt zu bekommen, muss auch die wissenschaftliche Begleitung und die Evaluierung des Projektes gewährleistet werden. Auch damit soll gesichert werden, dass die Projekte am Ende in der GKV-Regelversorgung angewendet werden.

Spannend wird es in zwei Jahren, wenn die ersten Evaluationsberichte vorliegen: „Die Projekte müssen im Rahmen ihrer Evaluationen unter Beweis stellen, dass sie mehr bieten als Potenziale, nämlich echte Versorgungsverbesserungen“, sagt Hecken. Auch für Pfaff wird dies eine interessante Zeit: „Der Expertenbeirat erwartet mit großem Interesse die Evaluationsergebnisse der bisher geförderten Projekte.“

Noch arbeiten die Forschungsgruppen, die beteiligten KVen und Krankenkassen sowie die Ärztinnen und Ärzte in den Projekten an deren Umsetzung. Die Zukunft des Fonds wurde unterdessen um weitere Jahre gesichert. Dies bewerten viele Experten als positiv. „Eine Verstetigung und gute finanzielle Ausstattung des Innovationsfonds ermöglicht es nun, auch künftig gezielt konkurrierende oder sich ergänzende Ansätze zu fördern und daraus Schlüsse für die Regelversorgung zu ziehen“, erklärt Hecken. Pfaff nennt es eine „kluge Entscheidung“, den Fonds auszubauen und damit „Ergebnisse in der Versorgungswirklichkeit in größerem Maßstab zu erproben“. Rebecca Beerheide

Hochschulmedizin dominiert

Auffallend viele der vom Innovationsausschuss beim Gemeinsamen Bundes­aus­schuss geförderten Projekte werden während beider Förderwellen von Ärztinnen und Ärzten der Universitätskliniken begleitet. Beispiel zweite Förderwelle: Hier sind bei 75 Prozent der Projekte Universitätskliniken als Projektleitung oder Konsortialpartner beteiligt.

Konkret unterstützt der Innovationsfonds während dieser Förderwelle bundesweit 26 Forschungsprojekte im Bereich Versorgungsformen, 50 Projekte im Bereich Versorgungsforschung und vier Projekte zur Evaluation von Selektivverträgen. Dabei laufen 19 Forschungsprojekte im Bereich Versorgungsformen und 41 Projekte im Bereich Versorgungsforschung unter Beteiligung der Universitätskliniken; bei elf Projekten im Bereich Versorgungsformen und 33 Projekten im Bereich Versorgungsforschung fungiert die Hochschulmedizin sogar als Antragsteller.

„Es spricht für sich, dass der Innovationsausschuss so viele Universitätsklinika fördert“, meint Prof. Dr. med. Michael Albrecht, Vorsitzender des Verbands der Universitätsklinika Deutschlands e.V (VUD). Die Hochschulmedizin entwickele und erprobe permanent medizinische Innovationen und neue Versorgungsmodelle. Die Mittel aus dem Innovationsfonds ermöglichten es, viele wichtige Forschungsprojekte zu initiieren, sagte er gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt am Rande des Innovationsforums der Deutschen Hochschulmedizin Ende 2017 in Berlin. Zudem könne so die Schwerpunktbildung der Universität gefördert werden.

Gleichzeitig wies der VUD-Vorsitzende auf ein Manko hin: „Viele innovative Ideen zur Verbesserung der Krankenversorgung kommen aus der Universitätsmedizin, doch die Produktion der Therapeutika oder Geräte übernehmen dann andere“, erklärte er. Hersteller fragten zudem nur selten, was die Medizin tatsächlich benötige. „Wir müssen die Wertschöpfungskette effizienter gestalten“, forderte Albrecht. Die Beratung von Unternehmen durch die Universitätsklinika gehöre an den Anfang dieser Kette. Bereits bei Fragestellung und Konzeption müsse die Hochschulmedizin integriert werden.

Beim Innovationsforum der Deutschen Hochschulmedizin adressierte Prof. Dr. Holger Pfaff, Vorsitzender des Expertenbeirats des Innovationsausschusses, auch Verbesserungsbedarf bezüglich der geförderten Projekte. „Änderungen sind vor allem bei der Themensetzung und dem Innovationsgehalt der Projekte dringend notwendig“, sagte Pfaff. So vermisse er bei den Projektanträgen beispielsweise krankheitsübergreifende Strategien.

Die große Zahl der eingehenden Anträge sieht Pfaff als ein Indiz für einen Innovationsstau in der Versorgung und in der Versorgungsforschung. „Der Fonds sollte zu einer Einrichtung werden, der die Anwendungsforschung dauerhaft fördert – so wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft die Grundlagenforschung und das Bun­des­for­schungs­minis­terium die anwendungsnahe Grundlagenforschung“, sagte er vor den Hochschulmedizinern. ER

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