ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2018Klassifikation des Typ-2-Diabetes: Neue Einteilung soll eine maßgeschneiderte Therapie ermöglichen

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Klassifikation des Typ-2-Diabetes: Neue Einteilung soll eine maßgeschneiderte Therapie ermöglichen

Dtsch Arztebl 2018; 115(15): A-710 / B-612 / C-613

Eckert, Nadine

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Foto: Dmitry Lobanov/stock.adobe.com
Foto: Dmitry Lobanov/stock.adobe.com

Eine schwedische Arbeitsgruppe schlägt eine neue Einteilung des Typ-2-Diabetes vor, um den Patienten eine möglichst individuelle Therapie anbieten zu können und ihrem spezifischen Komplikationsrisiko Rechnung zu tragen.

Ihre Vorschläge basieren auf der Untersuchung einer Kohorte von 8 980 Patienten mit einem neu diagnostizierten Diabetes. Anhand von 6 Variablen (Glutamatdecarboxylaseantikörper [GADA]; Alter bei Diagnose, BMI, HbA1C und HOMA-2-Schätzungen von Betazellfunktion und Insulinresistenz) ließen sich die Patienten in 5 Gruppen einteilen:

  • Gruppe 1 (6,7 % der Studienkohorte): schwerer autoimmuner Diabetes (severe autoimmune diabetes [SAID]). Charakteristisch sind ein früher Krankheitsausbruch, ein relativ niedriger BMI, eine schlechte metabolische Kontrolle, Insulinmangel und das Vorliegen von GADA.
  • Gruppe 2 (17,5 %): schwerer Insulinmangel-Diabetes (severe insulin-deficient diabetes [SIDD]). Die Patienten in dieser Gruppe sind GADA-negativ, entsprechen aber ansonsten Gruppe 1, mit niedrigem Alter bei Krankheitsausbruch, relativ niedrigem BMI, geringer Insulinsekretion und schlechter metabolischer Kontrolle.
  • Gruppe 3 (15,3 %): schwerer insulinresistenter Diabetes (severe insulin-resistant diabetes [SIRD]). Die Patienten in dieser Gruppe weisen eine Insulinresistenz und einen hohen BMI auf.
  • Gruppe 4 (21,6 %): leichter, adipositasbedingter Diabetes (mild obesity-related diabetes [MOD]). Auch diese Gruppe ist – wie Gruppe 3 – durch Adipositas charakterisiert, doch die Patienten sind nicht insulinresistent.
  • Gruppe 5 (39,1 %): leichter, altersbedingter Diabetes (mild age-related diabetes [MARD]). Die Patienten in dieser Gruppe sind älter als die Patienten in den anderen Gruppen, haben aber ähnlich wie Gruppe 4 nur leichte Stoffwechselstörungen.

Die 5 Gruppen unterschieden sich in ihren charakteristischen Merkmalen, aber auch im Komplikationsrisiko. So hatten Patienten in Gruppe 3 (am stärksten insulinresistent) ein signifikant höheres Risiko für diabetische Nierenerkrankung als Patienten in den Gruppen 4 und 5. Dennoch erhielten sie die gleiche Diabetestherapie. Dies zeige, dass die traditionelle Einteilung des Diabetes keine maßgeschneiderte Therapie ermögliche, so die Wissenschaftler. Gruppe 2, Patienten mit Insulinmangel, hatte unter allen Gruppen das höchste Retinopathierisiko.

Fazit: „Diese Publikation der schwedisch-finnischen Arbeitsgruppe gehört zu den wichtigsten auf dem Gebiet der Diabetologie im letzten Jahrzehnt“, kommentiert Prof. Dr. med. Wolfgang Kerner, der am Klinikum Karlsburg die Klinik für Diabetes, Stoffwechsel- und Nierenerkrankungen leitet. „Die Publikation ist ein sehr wichtiger Schritt hin zur Auflösung der Heterogenität des Typ-2-Diabetes.“

Spätestens seit Einführung des Insulins vor fast 100 Jahren sei bekannt, dass Diabetes eine sehr heterogene Erkrankung sei. „Die derzeit gültige Klassifikation ist ein Versuch, diese Heterogenität aufzulösen. Als einigermaßen gut definierte Einheiten konnten der Typ-1-Diabetes und Teile der Diabetesformen mit bekannter Ursache wie MODY abgegrenzt werden. Der mit weitem Abstand am häufigsten diagnostizierte Typ-2-Diabetes bleibt aber eine Erkrankung, die sehr heterogen ist. Die neue Einteilung in leicht und schwer zu behandelnde Formen des Typ-2-Diabetes sowie in Formen, die früh oder spät zu Komplikationen führen, wird Einfluss auf die Therapie und auf die Therapieziele haben. Sobald die Ergebnisse in nicht skandinavischen Populationen reproduziert wurden und eine einfache Methode zur Zuordnung der Patienten in die einzelnen Gruppen zur Verfügung steht, können die Ergebnisse dieser Arbeit die Therapie des Typ-2-Diabetes revolutionieren.“ Nadine Eckert

Ahlqvist E, Storm P, Käräjämäki A, et al.: Novel subgroups of adult-onset diabetes and their association with outcomes: a data-driven cluster analysis of six variables. Lancet Diabetes Endocrinol 2018; https://doi.org/10.1016/S2213–8587(18)30051–2.

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