ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2018Qualitätssicherung: Unzumutbare Verhältnisse

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Qualitätssicherung: Unzumutbare Verhältnisse

Dtsch Arztebl 2018; 115(15): A-720 / B-616 / C-617

Moebius, Fabian

Piloten schulen Ärzte und Pflegekräfte. So sollen Fehler vermieden und Krankenhäuser sicherer werden (DÄ 7/2018: „Mut zur Offenheit“ von Nora Schmitt-Sausen).
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Sollen wir starten? Wäre das Krankenhaus ein Flugzeug, würde es so ablaufen: Als Pilot nehmen wir morgens im Cockpit Platz. Der vorgesehene Flugzeugtyp ist nicht verfügbar. Auf den Ersatz, in dem wir nun sitzen, sind wir nicht eingewiesen. Der Co-Pilot spricht gebrochen deutsch und kein englisch. Er hat in Aserbaidschan die Flugschule besucht, eine deutsche Pilotenlizenz hat er noch nicht. Nun schaut ein Techniker herein. Heute müssten alle drei Computersysteme der Maschine während des Fluges gleichzeitig upgedatet werden. Für zwei Stunden seien nur manueller Flug und Navigation mit Papierkarten und Kompass möglich.

Kerosin sei im Moment besonders teuer, man habe die Maschine daher so betankt, dass es wahrscheinlich bis zum Ziel reichen wird. Leider müssten Verbrauchsberechnungen während des Fluges wegen des Computerausfalls unterbleiben.

Nun kommt der Purser. Es gebe vier neue QM-Fragebögen, die vor Abflug ausgefüllt werden müssten. Da er keine Anleitung dafür bekommen habe, sei das derzeit Aufgabe des Piloten. Man könne das ja während des Fluges nebenbei erledigen. Außerdem hätten sich vier Mitglieder der sechsköpfigen Cabin Crew krank gemeldet. Die beiden Leasingkräfte, die als Ersatz geschickt wurden, könnten nur Getränke austeilen. Die Sicherheitseinweisung müsse daher unterbleiben, eine Evakuierung sei im Notfall nicht möglich.

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Im Gang ertönt lautes Geschrei. Mehrere Passagiere wollen sofort Auskunft vom Flugkapitän, sie hätten bezahlt, aber keinen Sitzplatz. Der Purser erklärt, dass man auf Anweisung der Geschäftsführung ab sofort jeden gebuchten Passagier an Bord nehmen müsse.

Einer der Passagiere beklagt sich, sieben Passagiere hätten starken Durchfall und Erbrechen und blockierten und verunreinigten die WCs. Er droht mit einer Klage, wenn diese infektiösen Menschen nicht von Bord gehen oder wenigstens räumlich getrennt werden.

Ihr Telefon klingelt, der Geschäftsführer ist ungehalten. Die letzten Flüge seien nur zu 98 % ausgelastet gewesen. Man solle sich was überlegen, um das Fliegen attraktiver zu gestalten. Auf die Probleme beim heutigen Flug angesprochen und um Hilfe gebeten, kommentiert er, „das müssen Sie verantworten, das ist natürlich Ihre fliegerische Entscheidung, aber wir müssen jeden, der mitfliegen will, mitnehmen ...“. Ach, und es gebe mehrere erboste Beschwerden über unzumutbare Verhältnisse in unseren Maschinen. „Da brauche ich dringend Ihre schriftliche Stellungnahme.“

Würden Sie Ihre Familie dieser Airline anvertrauen? Liegt ein Übernahmeverschulden des Piloten vor, wenn er abfliegt? Haben Ärzte in Sicherheitsfragen ein flexibleres Gewissen als Piloten? Wie lange wollen wir das noch mitmachen?

Dr. med. Fabian Moebius, 14163 Berlin

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