ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2018USA: Das Digitalzeitalter entfaltet sein Potenzial

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USA: Das Digitalzeitalter entfaltet sein Potenzial

Dtsch Arztebl 2018; 115(15): A-698 / B-600 / C-601

Schmitt-Sausen, Nora

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Elektronische Krankenakte, Big Data, digitale Sprechstunden, ein Besuch in den USA lässt nur einen Schluss zu: Die Zukunft der Gesundheitsversorgung ist digital. Ein Überblick.

Foto: rocketclips/stock.adobe.com

Das Smartphone in der Tasche, die Smartwatch am Handgelenk, mit dem Arzt wird gemailt, mit der Praxis gechattet: In den USA ist alles schon ein bisschen digitaler – auch in Sachen Gesundheit. Nicht nur, weil viele Bürger in den Köpfen bereits einen Schritt weiter sind, sondern auch deshalb: Praktiker, Wissenschaftler und Industrie verstehen mehr und mehr, dass Veränderung nicht im Silo geschehen kann. Und sie tun sich zunehmend zusammen, um – befeuert von den Möglichkeiten der Digitalisierung – die Gesundheitsversorgung der Zukunft neu zu gestalten.

Derzeit richtet sich beim Stichwort Digitalisierung der Blick der Branche besonders interessiert auf die Schritte von Amerikas Tech-Riesen. Google, Apple, Microsoft und Co. haben die Art und Weise verändert, wie Menschen kommunizieren, einkaufen und arbeiten – und sie entdecken nun mit immer mehr Vehemenz den US-Gesundheitsmarkt für sich.

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Internetgiganten sind auch als Versorgungsdienstleister tätig

Das Abrufen von Gesundheitsdaten ihrer Kunden über Apps, Smartwatches oder Fitnesstracker ist längst nicht das einzige Feld, auf dem sie aktiv geworden sind. Entwicklung von Gesundheits-Apps, Sponsor klinischer Forschung, Sicherung von Gesundheitsdaten, gar eigenständiger Versorgungsdienstleister, all dies gehört inzwischen zum Portfolio.

Die US-Giganten treiben nicht nur eigene Ideen voran. Sie suchen zugleich den Schulterschluss mit anderen Akteuren, etwa der aktiven US-Start-up-Szene. Denn: Neben den Tech-Riesen tummeln sich innovative App- und Software- sowie Produktentwickler im neuen Gesundheitsmarkt – und nicht wenige von ihnen haben das Potenzial, die Zukunft in Sachen Gesundheit maßgeblich mitzugestalten. Es fließen Millionen in neue Entwicklungen; in völlig anderen Größenordnungen als in Deutschland.

Regularien für die Telemedizin aufheben, Rahmen für das Teilen von Gesundheitsdaten schaffen, für schnellere Zulassungen digitaler Medizingeräte sorgen, Investitionen für Cypersicherheit erhöhen: Für die US-Regierung und auch die Zulassungsbehörde FDA gab und gibt es viel zu tun. In jüngerer Vergangenheit sind viele Verordnungen erlassen worden, die etwa dafür sorgen sollen, dass technische Innovationen schneller den Weg in den Markt finden. Andererseits sollen Patienten und ihre Gesundheitsdaten besser geschützt werden. Ein schwieriger Spagat.

Ein grundsätzliches Problem: Nach dem Regierungswechsel von Barack Obama zu Donald Trump herrscht noch Unsicherheit im Gesundheitswesen. Die Marschrichtung der neuen Regierung ist vielen Akteuren nicht klar und wird von nicht wenigen Gesundheitsexperten als „chaotisch“ beschrieben.

Ärztlicher Rat wird zeit- und ortsunabhängig angeboten

Telemedizinische Anwendungen bringen den Arzt dorthin, wo er gerade benötigt wird: per digitaler Video-Sprechstunde oder Telefonanruf auf die Wohnzimmercouch oder zum Arbeitsplatz. In den USA etablieren sich solche Szenen immer mehr. Nach Angaben der American Telemedicine Association bieten bereits allein mehr als 60 Prozent der US-Krankenhäuser telemedizinische Services an. Ein Trend sind Doc-on-Demand-Plattformen, in denen Anbieter von Gesundheitsdienstleitungen ärztlichen Rat zeit- und ortsunabhängig vermitteln. Nicht nur das Face-to-Face-Gespräch wird digital geführt: Mit wenigen Klicks kann der Arzt Vitalwerte abrufen und Rezepte ausstellen – und digital auf den Weg bringen. Die Telemedizin wird stark vom wachsenden Interesse der US-Bevölkerung angetrieben, die bereit ist, sich auf diese neue Art der Versorgung einzulassen – nicht zuletzt dank langer Wartezeiten auf Termine in Praxen und Kliniken.

Die Tage von traditionellen Blutdruckmessgeräten, Fieberthermometern und Elektrokardiogrammen könnten in den USA bald gezählt sein. Denn die Ära von tragbaren, digitalen Medizingeräten ist in den Vereinigten Staaten bereits angebrochen. Minigeräte und Apps ermöglichen es, die Gesundheitssituation von Patienten nicht nur zu erfassen, ohne dass diese einen Fuß in eine Arztpraxis setzen müssen, sondern sie auch in Echtzeit zu überspielen und kontrollieren. Damit wird Gesundheit weit mehr planbar, etwa wenn frühe Indikatoren darauf hinweisen, dass ein Herzinfarkt oder eine Asthmaattacke zu erwarten sind.

Big Data ist eines der Zauberworte der Branche. Doch: Die Fülle an generierbaren und verfügbaren Informationen ist kaum mehr greifbar. Künstliche Intelligenz schreitet deshalb dort ein, wo die menschlichen Kapazitäten an Grenzen stoßen. Computer lesen und erfassen Daten in hohem Tempo, spucken Wege für die personalisierte Medizin aus, liefern Therapievorschläge und geben Hinweise darauf, bei wem welche Arzneimittel am besten greifen. Gerade auf diesem Gebiet werden aktuell Millionen investiert.

Noch gibt es auch in den USA ein Problem zwischen Theorie und Praxis. In der Theorie können Daten ein Segen für Diagnostik und Therapie sein. Doch in der Praxis fehlen derzeit noch die Wege, wie mit der Informationsflut umzugehen ist, vor allem in der Regelversorgung. Fest steht allerdings: Die digitale Datenschwemme ist nicht aufzuhalten. Und: Die Daten werden künftig vor allem außerhalb des etablierten Gesundheitssektors generiert. Aber dann folgt das große Fragezeichen: Wie finden diese Daten künftig den Weg in Krankenhäuser und Praxen? Die Antwort steht noch aus.

Die Patientendokumentation ist in den USA bereits unter der Regierung von Barack Obama digital geworden. Das Resultat: Offizielle Zahlen belegen, dass 86,9 Prozent der niedergelassenen Ärzte in den USA heute bereits digital dokumentieren (Stand 2015), bei den Kliniken liegt die Zahl jenseits der 90 Prozent. Beliebt ist das digitale Dokumentieren bei Ärzten und Pflegekräften allerdings nicht wirklich und auch über das tatsächlich erreichte Einsparpotenzial wird nur verhalten optimistisch diskutiert.

Wer auf die Effekte von Big Data hofft, der kann das Problem bereits hier erkennen: Der Austausch der digitalen Gesundheitsinformationen ist schon innerhalb der etablierten Strukturen ein Problem. Eine Studie der Harvard Business School für den Krankenhaussektor hat Ende 2017 ergeben, dass weniger als eine von drei Kliniken in der Lage ist, eigene elektronische Gesundheitsakten zu versenden oder von anderen Stellen zu empfangen.

Angst vor Hackerangriffen nimmt immer mehr zu

In einem zunehmend digitalisierten Gesundheitswesen bekommt das Stichwort Datensicherheit eine immer stärkere Bedeutung. Die Angst vor Hackerangriffen nimmt zu. Zurecht wie die Entwicklung zeigt. Cyberangriffe auf Einrichtungen und digitale Systeme haben stark zugenommen. „Die Medizin-Industrie ist das neue Lieblingsziel der Hacker. Fast alle US-Gesundheitseinrichtungen haben inzwischen mindestens eine Cyberattacke gemeldet“, berichtete der US-Fernsehsender CBS im Sommer des vergangenen Jahres, als eine Hacker-attacke wochenlang die Systeme mehrerer Krankenhäuser lahmlegte. Den Grund, warum Gesundheitseinrichtungen so interessant für Hacker sind, lieferte CBS gleich mit: Kreditkartenangaben würden mit 10 bis 15 Cent pro Stück gehandelt, der Wert einer digitalen Krankenakte läge bei 30 bis 500 Dollar, berechnete der Sender.

Es ist unverkennbar: Die USA sind in Sachen Digitalisierung massiv in Bewegung. Die digitale Revolution ist in vollem Gange. Nora Schmitt-Sausen

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