ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2018Barrierefreiheit: Medizinische Versorgung von Menschen mit Autismus

MANAGEMENT

Barrierefreiheit: Medizinische Versorgung von Menschen mit Autismus

Dtsch Arztebl 2018; 115(16): A-774 / B-660 / C-660

Preißmann, Christine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen haben besondere Bedürfnisse – auch im Hinblick auf ihre medizinische Versorgung. Als Ärztin und Autistin weiß die Autorin dieses Beitrages um die Erfahrungen von Betroffenen und gibt Empfehlungen für die Praxis.

Foto: Your Photo Today
Foto: Your Photo Today

Viele autistische Menschen haben keinerlei Zugang zum Gesundheitssystem – das betrifft die fachärztliche beziehungsweise psychotherapeutische, aber auch die ambulante ärztliche Versorgung im akuten Krankheitsfall sowie den Zugang zu Vorsorgemaßnahmen oder Klinikbehandlungen. Oftmals fühlen sich Mitarbeiter des Gesundheitswesens nur schlecht auf die Arbeit mit den Betroffenen vorbereitet. Es ist daher wichtig, effektive Hilfen anzuregen.

Anzeige

Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) weisen Besonderheiten in ihrem Kommunikations- und Kontaktverhalten sowie in ihrer Wahrnehmung auf. Um eine gute gesundheitliche Versorgung zu gewährleisten, benötigen sie daher passende Rahmenbedingungen. Maßnahmen für das Arzt-Patienten-Gespräch bestehen beispielsweise darin, Patienten ausreden zu lassen, auch wenn sie etwas länger brauchen, um nachzudenken und ihr Anliegen auszudrücken. Ärzte sollten dabei notfalls auch Pausen in Kauf nehmen.

Behandlungsschritte erläutern

Menschen mit Autismus haben oft große Angst, wenn sie nicht wissen, was auf sie zukommt. Wichtig ist es daher, den Patienten so viele Informationen wie möglich über die bestehende Erkrankung und gegebenenfalls die vorgesehenen Untersuchungen und folgende Therapiemaßnahmen zu geben. So können sie sich darauf einstellen und sind darüber informiert, was sie erwartet. Wichtig ist auch, sensibel, aber ehrlich über den Gesundheitszustand Auskunft zu geben. Auf wohlwollend-rücksichtsvoll gemeinte Unehrlichkeit reagieren Menschen mit Autismus oft sehr empfindlich. Dabei sollten möglichst konkrete und unmissverständliche Worte gewählt und Redewendungen und unklare Formulierungen vermieden werden. Die meisten Betroffenen können mehrdeutige Äußerungen nicht richtig auffassen, sodass es zu Missverständnissen kommen kann.

Autistische Besonderheiten sollten auch bei der Diagnosestellung berücksichtigt werden – häufig bestehen eine veränderte Schmerzwahrnehmung und eine gestörte Körperwahrnehmung. Da Betroffene mögliche Symptome oft nicht von selbst berichten, müssen diese explizit erfragt werden. Hilfreich kann zudem sein, die Patienten nicht zu lange warten oder nochmals weggehen zu lassen, wenn es länger dauert. Viele Menschen mit Autismus erleben die Zeit im Wartezimmer als besonders schwierig und reagieren mit Angst oder Unruhe.

In der Behandlungssituation sollten Berührungen im Rahmen der Untersuchung vorher angekündigt werden, statt beispielsweise „überfallartig“ den Bauch abzutasten. Bei einer taktilen Überempfindlichkeit des Patienten können Alternativen wie die Palpation durch das T-Shirt Abhilfe schaffen. Im Anschluss an die Untersuchung ist es wichtig, Informationen wie Einnahmehinweise der verordneten Medikation oder Folgetermine möglichst schriftlich mitzugeben. Betroffene können zu Hause so alles noch einmal in Ruhe nachlesen und es fällt nicht so ins Gewicht, wenn sie aufgrund ihrer Aufregung oder Nervosität nicht alles aus der Sprechstunde behalten.

Klinikbehandlung

Wichtig für autistische Menschen ist ein fester Hausarzt, der sie gut kennt und die Beschwerden einschätzen kann. Viele Klinikeinweisungen ließen sich so vermeiden. Eine Krankenhausbehandlung stellt meist ein großes Problem für Menschen mit Autismus dar. Ein Grund hierfür ist, dass Klinikmitarbeiter meist nur geringe Kenntnisse über ASS und zum Teil sogar Angst vor den Betroffenen haben, da sie deren Verhalten nicht verstehen und nicht richtig einordnen können. Der enge Kontakt mit den anderen Patienten, möglicherweise noch im gleichen Zimmer, kann für Betroffene einen hohen Stress bedeuten. Hinzu kommt die Unkenntnis über das, was ihnen bevorsteht, und die damit einhergehende Angst vor dem Unbekannten. Ein strikter Tagesablauf, der von der täglichen Routine der Patienten abweicht, kann bei diesen Krisen auslösen. Schwierig sind auch Schichtwechsel und immer wieder neue Bezugspersonen. Die Krankenhausumgebung mit ihrem grellen Licht, den verschiedenen und zum Teil als unangenehm empfundenen Gerüchen sowie der Vielzahl an Geräuschen kann zudem zu einer sensorischen Überforderung führen. Und auch therapeutische Maßnahmen – beispielsweise Gruppenangebote – empfinden Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung oftmals als zu viel und überfordernd.

Rückzugsräume bieten

Vielen Betroffenen mit teils auch ernsten Erkrankungen wird die notwendige Klinikbehandlung immer wieder verwehrt, Beschwerden, auch somatischer Art, werden dann auf den Autismus geschoben, was zu ernsten Folgen führen kann.

Vonseiten der Kliniken ist daher Flexibilität gefordert. Manche Patienten mit ASS können komplizierte Aufnahmeformalitäten nicht allein bewältigen und benötigen Unterstützung. Bei Zustimmung des Patienten ist eine Zusammenarbeit mit Angehörigen und ambulanten Therapeuten sinnvoll. Hilfreich kann es sein, die Aufnahme und Anamnese in einem separaten, ruhigen Raum und möglichst schriftlich durchzuführen. Im Hinblick auf den Tagesablauf ist es manchmal möglich, auf die besonderen Bedürfnisse autistischer Patienten Rücksicht zu nehmen. Feste Mitarbeiter als Bezugspersonen schaffen Vertrautheit und Stabilität, Rückzugsmöglichkeiten auf der Station erlauben es den Patienten, sich rechtzeitig aus überfordernden Situationen zurückzuziehen. Als Orientierungshilfe können Betroffenen auch Tages-, Wochen- oder Speisepläne ausgehändigt und geplante Änderungen frühzeitig mitgeteilt werden.

Im Behandlungskontext sollten Ärzte und Personal vorgesehene Maßnahmen schriftlich mitteilen und erläutern und unverständliches Verhalten hinterfragen. Es gilt vor allem: die Menschen in ihrer Vielfalt zu respektieren und wertzuschätzen und sich auf unterschiedliche Patienten individuell einzustellen. Dr. med. Christine Preißmann

Informationen und Anlaufstellen

Verschiedene Maßnahmen und Hilfen können den Umgang mit Menschen mit Autismus erleichtern und eine Begleitung ermöglichen:

  • Autismusspezifische Therapie in Autismus-Therapie-Zentren
  • Psychotherapeutische Begleitung
  • Ergotherapie
  • Selbsthilfegruppen
  • Spezielle Hilfen für Eltern

Um Wissens- und Verständnislücken aufseiten der behandelnden Ärzte, Therapeuten und des medizinischen Personals zu schließen, müssen darüber hinaus verstärkt Informationen über die Erscheinungsformen des Autismus zur Verfügung gestellt werden. Der Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus beispielsweise bietet auf seiner Webseite nicht nur Informationen zum Störungsbild, sondern auch eine Übersicht über weiterführende Literatur sowie Veranstaltungen und Fortbildungen. Materialien zum kostenfreien Download ergänzen das Angebot und klären unter anderem über das Störungsbild Autismus, die ethischen Grundlagen der Autismus-Therapie oder die Möglichkeiten zur Gründung einer Fachgruppe Therapie auf.

www.autismus.de

Die Autismus-Forschungs-Kooperation hat eine Studie durchgeführt, um Wissen von Allgemeinmedizinern in Deutschland im Hinblick auf die besonderen Bedürfnisse von Menschen mit Autismus zu erfragen. Die Ergebnisse und Hinweise für den Praxisalltag sind in einem Flyer zusammengefasst.

http://daebl.de/LW34

Auch der Verein Aspies stellt einen Flyer für den Arzt-Patienten-Kontakt bereit und informiert über Themen wie Besonderheiten im Verhalten und in der Kommunikation sowie Komorbiditäten.

http://daebl.de/AB51

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.