ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2018Organspende: Debatte um Systemwechsel

POLITIK

Organspende: Debatte um Systemwechsel

Dtsch Arztebl 2018; 115(16): A-738 / B-634 / C-634

Richter-Kuhlmann, Eva

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Angesichts historisch niedriger Organspendezahlen in Deutschland ist erneut die Diskussion über eine mögliche Einführung der Widerspruchslösung entbrannt. Darüber, ob dem Organmangel mit einer Gesetzesänderung beizukommen ist, gehen jedoch die Meinungen auseinander.

Foto: laif

Viele in der Transplantationsmedizin tätige Ärztinnen und Ärzte schauen mit zwiespältigen Gefühlen ins europäische Ausland. Denn Deutschland, ein Land der Spitzenmedizin, ist bezüglich der Organspendezahlen seit Jahren Schlusslicht – und dass trotz einer hohen Spendebereitschaft der Bevölkerung, wie sie Umfragen regelmäßig belegen. Der aktuell von der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) vorgelegte Jahresbericht 2017 dokumentiert den niedrigsten Stand der Organspenden in Deutschland seit 20 Jahren. Die Anzahl der gespendeten Organe, die von der DSO 2017 an die internationale Vermittlungsstelle Eurotransplant gemeldet und schwer kranken Patienten transplantiert werden konnten, sank abermals, und zwar um 9,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr (2016).

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Die DSO mahnte bereits bei ihrem Jahreskongress im vergangenen November einen Initiativplan mit klar definierten Handlungsschritten an. Tatsächlich verankerten Union und SPD im Koalitionsvertrag organisatorische Verbesserungen in den Kliniken, um die Organspende zu fördern. Von einer Änderung der Rechtslage ist nicht die Rede.

Widerspruchslösung im Fokus

Dennoch startet derzeit eine erneute Diskussion über die gesetzliche Regelung der Organspende. Forderungen nach einem Systemwechsel hin zur Einführung der Widerspruchslösung mehren sich – insbesondere nachdem vor wenigen Wochen das niederländische Parlament eine solche Wende beschloss.

Damit steigt die Zahl der europäischen Länder mit einer Widerspruchslösung. Hierzulande gilt seit dem 1. November 2012 eine modifizierte Form der Zustimmungsregelung: die Entscheidungslösung. Danach ist nur derjenige potenzieller Organspender, der zu Lebzeiten ausdrücklich zugestimmt hat. Außerdem müssen die Krankenkassen regelmäßig über die Organspende informieren (siehe Kasten).

Für dieses Konzept hatte im Vorfeld des Gesetzbeschlusses durch das Parlament im Juli 2012 auch der 115. Deutsche Ärztetag in Nürnberg votiert und sich damit gegen eine Widerspruchsregelung ausgesprochen. Die Entscheidungslösung entspreche in vielen Punkten dem „Modell einer Selbstbestimmungslösung zur Einwilligung in die Organ- und Gewebespende“, das die Bundes­ärzte­kammer ausgearbeitet und in die politische Debatte eingebracht habe, hieß es.

Mittlerweile scheint sich innerhalb der Ärzteschaft ein geändertes Meinungsbild abzuzeichnen. „Ich persönlich halte die Widerspruchslösung für richtig“, sagt der Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery. „Aus medizinischer Sicht, vor allem aber aus Sicht der vielen schwer kranken Patienten auf der Warteliste wäre eine solche Regelung der Idealfall. Es ist jedoch fraglich, ob sie in Deutschland politisch umsetzbar ist.“ Montgomery betont zugleich, dass eine Debatte um die Widerspruchslösung „mit großer Sensibilität“ geführt werden müsse. Die Frage beträfe viele ethische, religiöse und rechtliche Fragen. „Nichts wäre schädlicher, als wenn die Menschen weiter verunsichert werden und sich diesem wichtigen Thema komplett verschließen.“

Dass sich Union und SPD in ihrem Koalitionsvertrag zum Ziel setzen, die Organspendezahlen zu erhöhen, hält der BÄK-Präsident für richtig. Verbindliche Freistellungs- und Finanzierungsregelungen für Transplantationsbeauftragte sowie eine höhere Vergütung der Organentnahme können nach seiner Ansicht zu höheren Spendezahlen beitragen. Nötig seien daher entsprechend ausgebildete Transplantationsbeauftragte, die sich voll auf ihre Aufgabe konzentrieren können.

Montgomery ist nicht der einzige Präsident einer Ärztekammer, der sich für die Widerspruchslösung ausspricht. Intensiv setzen sich dafür beispielsweise auch Dr. med. Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, sowie Dr. med. Max Kaplan, ehemaliger Präsident der Ärztekammer Bayern, ein. Es sei Zeit für eine offene, ehrliche und transparente Debatte über die Organspende. Die Einführung der erweiterten Widerspruchslösung sei dringend nötig, meinen sie.

Seit Jahren stagniere die Spendebereitschaft auf einem niedrigen Niveau, erklärt Windhorst. Die aktuellen negativen Zahlen sind für ihn ein Beleg dafür, dass das Thema der Organspende in der Bevölkerung nicht genügend präsent ist und die derzeit gültige Entscheidungslösung nicht mehr der richtige Weg sein kann. „Das seit einigen Jahren geltende deutsche Verfahren, dass Krankenkassen ihre Versicherten informieren und diese dann eine Entscheidung über eine mögliche Organspende treffen, hat keine nachhaltige Besserung der Situation gebracht“, kritisiert er. „Das System hat versagt.“

Aufruf von Fachgesellschaften

Ähnlicher Ansicht sind die Deutsche Transplantationsgesellschaft (DTG), die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) sowie die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU). „Die Niederländer haben reagiert, und zwar lange bevor die Situation so prekär wurde wie bei uns. Ich wünsche mir ähnlich mutige Politiker im Bundestag wie in Holland“, erklärt Prof. Dr. med. Christian Hugo, Generalsekretär der DTG.

Auch der Präsident der DGU, Prof. Dr. med. Paolo Fornara, mahnt Handlungsbedarf an: „Die jetzige Situation ist im Namen unserer Patienten nicht länger hinnehmbar“, meint der Transplantationsmediziner. Die in Deutschland praktizierte Entscheidungslösung sei de facto nur eine Informationslösung. „Das Infomaterial wird von den Krankenkassen, die zugleich auch Kostenträger der Transplantationsmedizin sind, unkoordiniert und nach eigenem Gutdünken an ihre Versicherten versendet. Ob die ausführlichen Informationen aber ungelesen im Papierkorb landen oder ob sie zu einer klaren Entscheidung führen, bleibt unbekannt“, kritisiert er.

Debatten um die Widerspruchslösung gibt es auch in der Politik. Befürworter eines Systemwechsels ist beispielsweise der SPD-Politiker Karl Lauterbach. „Wer nicht spenden will, muss vorher ‚Nein‛ sagen“, sagte er dem Deutschen Ärzteblatt im Januar. Notwendig wäre ein Register, in das sich diejenigen eintragen könnten, die nicht bereit seien zu spenden. Auch Georg Nüßlein (CSU) ist für die Einführung der Widerspruchslösung, während die gesundheitspolitische Sprecherin der Union, Karin Maag, sich derzeit „nicht vorstellen“ kann, ernsthaft über eine Widerspruchsregelung zu debattieren. Auch die FDP, die Grünen und die Linke halten eine Gesetzesänderung für übereilt und nicht mehrheitsfähig. Stattdessen müsse für mehr Transparenz und Vertrauen gesorgt werden. Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Gesetzliche Regelungen in Europa

Zustimmungslösung:

Damit es zu einer Organspende kommen kann, muss die verstorbene Person zu Lebzeiten einer Organspende zugestimmt haben. Das kann in einem Organspendeausweis oder einer Patientenverfügung erfolgen. Liegt keine Zustimmung vor, können die Angehörigen nach dem mutmaßlichen Willen gefragt werden. Die Zustimmungslösung gilt in Dänemark, Großbritannien, Litauen, Rumänien, der Schweiz (Volksabstimmung geplant) und bisher auch in den Niederlanden (Anfang des Jahres Einführung der Widerspruchslösung beschlossen).

Widerspruchslösung:

Hat die verstorbene Person einer Organspende zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen, können Organe zur Transplantation entnommen werden. In einigen Ländern haben die Angehörigen ein Widerspruchsrecht. Die Widerspruchsregelung gilt in Belgien, Bulgarien, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Kroatien, Lettland, Luxemburg, Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, Schweden, Slowenien, der Slowakei, Tschechien, der Türkei, Ungarn, Zypern und künftig auch in den Niederlanden.

Entscheidungslösung:

Alle Bürgerinnen und Bürger sollen sich auf der Grundlage fundierter Informationen mit der eigenen Spendebereitschaft auseinandersetzen. In Deutschland erhalten Krankenversicherte regelmäßig solche Informationen und einen Organspendeausweis von den Krankenkassen und Versicherungsunternehmen. Bei der Entscheidungslösung ist eine Organspende nur dann zulässig, wenn eine Zustimmung vorliegt.

Die Entscheidungslösung gilt in Deutschland.

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klausenwächter
am Sonntag, 20. Mai 2018, 18:26

Richtungswechsel

"Die Zahl der Drogentoten, die mindestens ein Organ spendeten, hat sich von 59 (20 D00) auf 1.029 (2016) erhöht. Fast 14 % sämtlicher Organspenden gehen mittlerweile darauf zurück."
In Deutschland verhalten sich die Anzahl der Drogentoten und die Anzahl der Organspenden gegenläufig. Weder interveniert die Gesetzgebung härter gegen den Schwarzmarkt von Drogen, die für 7,50 € den Tod bringen, noch erleichtert sie die Rettung von Leben.
Das Ge­sund­heits­mi­nis­terium braucht externe Expertise. Für 4000,- Euro ist jedoch kein Facharzt bereit seine Karriere aufzugeben und für sehr "parteiliche" Zwecke eingesetzt zu werden. Experten für Gesundheitsfragen müssen unabhängig Rat geben, dazu müssen deren Stellen sicher ausgestattet werden.
klausenwächter
am Dienstag, 1. Mai 2018, 05:37

Neue Defition der Spendevoraussetzungen erhöht den Kreis möglicher Spender

"Large audits suggest there remains a large untapped pool of [Donation after Circulatory Death (but not Donation after Brain Death) lungs that may yet further dramatically increase lung transplant numbers.
[ Snell, G.I.: Donation after brain death versus donation ater circulatory death: Lung donor management issues. Seminars in Respiratory and Critical Care Medicine
(Lung Transplantation: Controversies and Evolving Concepts)
2018 Volume 39, Issue 02, Page(s) 138–147]
klausenwächter
am Dienstag, 1. Mai 2018, 05:07

Neue Wege beschreiten

" Uncontrolled donation after cardiac death (DCD) could increase the donor pool ....we estimate that there could be a minimum of 300 additional potential donors annually [recruited by air ambulance].[Roberst, K. et al.: Uncontrolled organ donation following prehospital cardiac arrest...; Transplant international : official journal of the European Society for Organ Transplantation 2011 Volume 24, Issue 5, Page(s) 477–481]
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