ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2018Lieferengpässe bei Arzneimitteln: Situation entspannt sich – derzeit

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Lieferengpässe bei Arzneimitteln: Situation entspannt sich – derzeit

Dtsch Arztebl 2018; 115(16): A-745 / B-640 / C-640

Osterloh, Falk

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Lieferengpässe von Arzneimitteln sind seltener geworden. Gründe dafür sind unter anderem regelmäßige Meldungen aus der Industrie und mehr Rechte für die Krankenhausapotheker. Doch die Engpässe können jederzeit wieder auftreten. Denn das übergeordnete Problem bleibt unverändert bestehen.

Foto: picture alliance
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Mitte März hat die Bayer AG Lieferprobleme bei intravenös zu verabreichendem Aspirin gemeldet. Zu ähnlichen Problemen war es bereits im Sommer 2017 gekommen. Im Vergleich zu den Vorjahren ist es ansonsten jedoch still geworden um Lieferengpässe von Arzneimitteln.

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„Zu Lieferengpässen kommt es in Deutschland derzeit nur in Einzelfällen“, sagt der Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Krankenhausapotheker (AKDA), Jürgen Bieberstein, zum Deutschen Ärzteblatt (DÄ). „Aber es können jederzeit wieder mehr werden.“

Bereits seit Jahren treten immer wieder Lieferengpässe von Arzneimitteln in Deutschland auf (DÄ, Heft 7/2013). Die deutsche Ärzteschaft fordert deshalb seit langem politische Gegenmaßnahmen, zum Beispiel eine Liste mit essenziellen Arzneimitteln, die immer ausreichend vorhanden sein müssen.

Enger Austausch

Während des zweijährigen Pharmadialogs haben sich Politik und Pharmaverbände in der vergangenen Legislaturperiode des Themas angenommen. Seither gilt eine Selbstverpflichtung der Industrie, drohende Lieferengpässe zu melden. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) führt die entsprechenden Informationen zu einer Übersicht zusammen.

Auch ohne gesetzliche Meldepflicht ist Bieberstein mit der Zusammenarbeit zufrieden: „Über eine Arbeitsgruppe beim BfArM stehen wir mit der Industrie in engem Austausch.“ Insofern sei das Problem nicht rechtzeitig gemeldeter Lieferengpässe kleiner geworden.

Zufrieden sind die Krankenhausapotheker auch mit einer Regelung aus dem Arzneimittelversorgungsstärkungsgesetz (AMVSG), die im vergangenen Jahr in Kraft getreten ist. Seither dürfen sie bei Lieferengpässen Arzneimittel auf dem internationalen Markt eigenverantwortlich kaufen und bevorraten. Die Abgabe erfolgt auf ärztliche Verordnung. „Das hat die Lage für uns etwas entspannt“, sagt Bieberstein.

Mit dem AMVSG wurde auch die Lieferfrist für Generikahersteller verlängert, die mit einer Krankenkasse einen Rabattvertrag abgeschlossen haben. „Früher standen den Unternehmen für die Lieferung manchmal nur wenige Wochen zur Verfügung“, sagt der Geschäftsführer von Pro Generika, Bork Bretthauer, zum DÄ. Seit dem 1. März muss die Frist mindestens sechs Monate betragen. „Diese Regelung senkt das Risiko von Lieferengpässen, insbesondere beim Start eines neuen Rabattvertrages, erheblich“, betont Bretthauer.

Das meint auch die AOK Baden-Württemberg, die die Ausschreibung von Rabattverträgen für Generika für das ganze AOK-System organisiert: „Schließlich haben beide Vertragspartner ein Interesse daran, dass der Hersteller zu Vertragsbeginn lieferfähig ist.“

Verengung des Marktes

Unterschiedlicher Meinung sind beide Seiten jedoch bei der Frage, mit wie vielen Herstellern eine Kasse einen Rabattvertrag abschließen sollte. „Die Exklusivvergabe von Verträgen bringt den pharmazeutischen Unternehmen Planungssicherheit“, meint die AOK Baden-Württemberg. Im Gegensatz dazu könne das Mehrpartnermodell eine deutliche Marktkonzentration auf größere Konzerne bewirken.

„Jeder Rabattvertrag führt zu einer Verengung des Marktes: Die Anzahl der Unternehmen, die die Versorgung sichern könnten, wird von den Krankenkassen in den Ausschreibungen auf sehr wenige reduziert“, meint hingegen Bretthauer. Das Problem bei einer Einfachvergabe sei, dass bei einem Lieferausfall kein anderes Unternehmen kurzfristig einspringen könne. Daher fungierten diese Art von Rabattverträgen wie Brandbeschleuniger.

Ein weiteres Problem benennt Jürgen Bieberstein von der AKDA: „Europa und die USA haben die Produktion bestimmter Grundstoffe von Arzneimitteln aufgegeben. Sie wieder aufzubauen, wäre extrem teuer.“ Dazu könne man die Hersteller nicht zwingen. Falk Osterloh

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