ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2018Vertragsarzthonorare: Für ein Ende der Budgets

POLITIK

Vertragsarzthonorare: Für ein Ende der Budgets

Dtsch Arztebl 2018; 115(16): A-740 / B-636 / C-636

Korzilius, Heike

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Die Ärzte wollen, dass alle Leistungen, die sie erbringen, auch bezahlt werden. Das ist nicht neu. Brisanz erhält die Forderung durch die politisch gewollte Verlängerung der Sprechzeiten.

Persönliche Begegnung: Die KBV will, dass die Grundleistungen, die einen direkten Arzt-Patienten-Kontakt beinhalten, künftig voll bezahlt werden. Foto: picture alliance
Persönliche Begegnung: Die KBV will, dass die Grundleistungen, die einen direkten Arzt-Patienten-Kontakt beinhalten, künftig voll bezahlt werden. Foto: picture alliance

Statt wie bisher 20 Sprechstunden sollen Vertragsärztinnen und -ärzte künftig 25 Sprechstunden in der Woche für ihre gesetzlich krankenversicherten Patienten anbieten. So sieht es der Koalitionsvertrag von Union und SPD vor. Die Koalitionäre versprechen sich davon, dass Patienten dann weniger lange auf Termine warten müssen. Die geplante Änderung verursacht bei den niedergelassenen Ärzte jedoch Unmut. Schon jetzt würden 10,5 Prozent der Leistungen, die aus der morbiditätsbedingten Gesamtvergütung bezahlt werden, nicht vergütet, kritisierte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. med. Andreas Gassen, am 10. April in Potsdam. „Die Ärzte sollen jetzt noch mehr machen als ohnehin schon und ihre Selbstausbeutung maximieren. Das wird nur gehen, wenn es für die Mehrarbeit der Kolleginnen und Kollegen auch mehr Geld gibt“, meinte der KBV-Vorsitzende. Die Alternative sei, dass sich die Ärzte strikt an die gesetzlichen Budgetvorgaben hielten und ihre Arbeitszeit entsprechend reduzierten.

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KBV-Honorardezernent Dr. rer. pol. Ulrich Casser rechnete vor, dass 2016 vertragsärztliche Leistungen im Wert von 2,9 Milliarden Euro von den Krankenkassen nicht bezahlt worden seien. Zwei Drittel der vertragsärztlichen Leistungen seien budgetiert, würden also aus der morbiditätsbedingten Gesamtvergütung bedient, die damals bei 24,45 Milliarden Euro lag. Der Wert der tatsächlich erbrachten Behandlungen habe dagegen 27,33 Milliarden Euro betragen. Dabei unterscheidet sich Casser zufolge die Honorarsituation in den einzelnen Kassenärztlichen Vereinigungen zum Teil deutlich.

Regionale Unterschiede

Die KBV hat für die Differenz zwischen dem Euro-Preis für eine ärztliche Leistung, wie sie der Einheitliche Bewertungsmaßstab (EBM) ausweist, und dem tatsächlich gezahlten Honorar eine Quote gebildet. Das Ergebnis: Während zum Beispiel die Hausärzte in Bayern und Baden-Württemberg ihre Leistungen zu 100 Prozent bezahlt bekommen, liegen die Honorare der Hausärzte in Hamburg im Durchschnitt um 22 Prozent und die der Hausärzte in Berlin um 15 Prozent unterhalb der Euro-Preise, die der EBM ausweist.

Mengenrisiko begrenzen

Um mehr Honorargerechtigkeit herzustellen, fordert die KBV deshalb einen schrittweisen Ausstieg aus dem Budget. „Die Entbudgetierung der vertragsärztlichen Honorare ist überfällig“, sagte Gassen in Potsdam. Da Geld aber nicht unbegrenzt zur Verfügung stehe, sollten zunächst die Leistungen ausbudgetiert werden, bei denen Ärzte die Menge nicht von sich aus ausweiten könnten, bei denen also allein die Zahl der Patienten die Menge bestimme, sagte der KBV-Vorsitzende. Deshalb sollten zunächst die haus- und fachärztlichen Grundleistungen aus dem Budget herausgelöst werden. Dadurch kämen auf die Kassen Mehrausgaben von rund 450 Millionen Euro zu.

Nach Ansicht von Gassens Vorstandskollegen Dr. med. Stephan Hofmeister ist aber auch das Inanspruchnahmeverhalten der Patienten Teil des Problems. Denn den begrenzten Mitteln aus der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) stehe ein unbegrenztes Leistungsversprechen gegenüber, das die Patienten wahrnähmen. Das Sachleistungssystem in der GKV führe zudem dazu, dass die Patienten kein Gespür für die Kosten hätten, die ihre Behandlung verursache. In Deutschland verzeichne man mehr als eine Milliarde Arzt-Patienten-Kontakte im Jahr, sagte Hofmeister. Das liege weit über internationalem Niveau. Deshalb müsse man endlich auch die Frage der Bedarfssteuerung diskutieren. „Das kann aber nicht Aufgabe der Ärzte sein. Das ist eine gesellschaftliche Aufgabe“, meinte Hofmeister. Heike Korzilius

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