ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2018Glutensensitivität: Selbstdiagnose meistens falsch

MEDIZINREPORT

Glutensensitivität: Selbstdiagnose meistens falsch

Dtsch Arztebl 2018; 115(16): A-758 / B-649 / C-649

Gießelmann, Kathrin

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Der Verzicht auf glutenhaltige Lebensmittel bedeutet nicht automatisch eine gesundheitsfördernde Ernährung.

Foto: AGcuesta/stock.adobe.com
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Zu glutenfreien Lebensmitteln greifen längst nicht mehr nur Menschen mit einer bestätigten Zöliakie. Der Verdacht auf eine Glutensensitivität reicht den meisten aus, um die Ernährung umzustellen. Essen sie jedoch ohne ihr Wissen glutenhaltige Lebensmittel, merken das die wenigsten, wie eine doppelblinde Studie zeigt (1). Dafür haben Forscher aus Norwegen 20 Menschen getestet, die glaubten, an einer Nicht-Zöliakie-Glutensensitivität (NCGS) zu leiden. Sie alle ernährten sich seit mindestens 6 Wochen glutenfrei. Eine Zöliakie, Weizenallergie, Laktoseintoleranz oder entzündliche Darm­er­krank­ungen wurde zuvor ausgeschlossen.

An 4 Tagen in Folge bekamen die Teilnehmer täglich 2 Muffins mit Gluten (Tagesdosis 11 g) oder 4 Tage Muffins ohne Gluten. Nach einer 3-tägigen Pause folgten 3 weitere Runden der Provokation. Anschließend füllten sie Fragebögen zu typischen Reizdarmsymptomen aus, wie etwa Magenschmerzen oder Übelkeit. „Das klinische Bild der NCGS wird dominiert von abdominalen Beschwerden und Blähungen, aber auch extraintestinalen Symptomen wie Müdigkeit und Kopfschmerzen, die ebenfalls in der Studie abgefragt wurden“, erklärt PD Dr. rer. nat. Walburga Dieterich von der Universitätsklinik Erlangen (2, 3). Die meisten Teilnehmer verspürten deutlich mehr Symptome, nachdem sie den glutenfreien Muffin gegessen hatten. Der doppelblinde Test konnte die Diagnose NCGS nur bei 4 Teilnehmern bestätigen. Bei den übrigen Verdachtsfällen vermuten die Autoren andere Bestandteile als Verursacher, etwa Amylase-Trypsin-Hemmstoffe und FODMAPs (fermentierbare Oligo-, Di- und Monosaccharide und Polyole).

NCGS-Verursacher umstritten

„Mehrere Studien legen einen multifaktoriellen Prozess bei der NCGS nahe, wobei Gluten vermutlich nur eine geringgradige Entzündung der intestinalen Mukosa verursacht“, erklärt die Biologin aus dem Ernährungsteam von Prof. Dr. med. Yurdagül Zopf (4, 5, 6). Die Hypothese, dass die Glutensensitivität nur unter Stress zum Vorschein kommt, konnte laut Zopf und Dieterich bisher nur bei einzelnen Patienten beobachtet werden, sei aber noch nicht belegt. Auch eine erhöhte Darmpermeabilität für pathogene Makromoleküle sei nicht belegt (7).

Eine Multicenterstudie (2) zeigte zudem, dass vor allem erwachsene Frauen an einer NCGS leiden. In den letzten Jahren nimmt die Zahl jener stetig zu, die Weizen und andere glutenähnliche Getreidesorten vermeiden. Am höchsten ist die Prävalenz in westlichen Ländern, die auch die meisten glutenfreien Produkte anbieten (8). Die Zöliakie und Weizenallergie lassen sich relativ einfach diagnostizieren. Bei NCGS bleibt nur die Ausschlussdiagnose oder eine glutenfreie Eliminationsdiät mit anschließendem kontrolliertem Provokationstest. Zöliakie-Symptome können zudem sofort oder erst nach längerer Zeit auftreten, erklärt Dieterich. „Bei den meisten NCGS-Patienten treten Symptome hingegen innerhalb weniger Stunden bis zu einem Tag nach Glutenverzehr auf, auch nach Einhalten einer längeren glutenfreien Diät.“ (2, 3) Unter einer glutenfreien Ernährung klingen die Symptome meist rasch ab. „Nach unserer Erfahrung können besonders Müdigkeit oder Kopfschmerzen in Einzelfällen länger anhalten“, ergänzt die Gastroenterologin Zopf.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hält die Vermeidung von Gluten oder Weizen für Menschen sinnvoll, die an Zöliakie, Weizenallergie und Gluten- oder Weizensensitivität leiden. Viele Verbraucher würden allerdings auf Weizenprodukte verzichten – ohne ärztlichen Befund, sondern aufgrund einer Selbstdiagnose. Ein freiwilliger Verzicht auf glutenhaltige Lebensmittel bedeutet nicht automatisch eine gesundheitsfördernde Ernährung – so wie die Werbung suggeriert, kritisiert die DGE (9). Wer Gluten meidet oder auf andere Inhaltsstoffe ausweicht, nehme Veränderungen der Energie- und Nährstoffzufuhr in Kauf. Einige glutenfreie Lebensmittel haben einen vergleichsweise höheren Fettgehalt, während der Anteil an Ballaststoffen, Vitaminen und Mineralstoffen geringer ist. Werden Weizen und andere glutenhaltige Getreidearten wie Dinkel, Grünkern, Roggen, Hafer und Gerste langfristig vom Speiseplan gestrichen, kann es laut DGE zu einer geringeren Zufuhr an Ballaststoffen, B-Vitaminen, Magnesium, Zink und Eisen kommen. Kathrin Gießelmann

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit1618
oder über QR-Code.

1.
Dale HF, et al.: The effect of a controlled gluten challenge in a group of patients with suspected non coeliac gluten sensitivity: A randomized, doubleblind placebocontrolled challenge. 15 March 2018 https://doi.org/10.1111/nmo.13332.
2.
Volta U, et al.: An Italian prospective multicenter survey on patients suspected of having non-celiac gluten sensitivity. BMC Medicine 2014; 12: 85. https://doi.org/10.1186/1741–7015–12–85 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.
Gils T et al.: Prevalence and Characteriza-tion of Self-Reported Gluten Sensitivity in The Netherlands. Nutrients. 2016 8 (11), 714 CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.
Biesiekierski, JR et al.: No Effects of Gluten in Patients With Self-Reported Non-Celiac Gluten Sensitivity After Dietary Reduction of Fermentable, Poorly Absorbed, Short-Chain Carbohydrates. Gastroenterology 2013; 145 (2): 320–28.e3 CrossRef MEDLINE
5.
Junker Y, et al.: Wheat amylase trypsin inhibitors drive intestinal inflammation via activation of toll-like receptor 4. J Exp Med. 2012 Dec 17; 209 (13): 2395–408 CrossRef MEDLINE PubMed Central
6.
Luca E, et al.: Evidence for the Presence of Non-Celiac Gluten Sensitivity in Patients with Functional Gastrointestinal Symptoms: Results from a Multicenter Randomized Double-Blind Placebo-Controlled Gluten Challenge. Nutrients. 2016 Feb; 8 (2): 84. doi: 10.3390/nu8020084 CrossRef
7.
Sapone, et al.: Divergence of gut permeability and mucosal immune gene expression in two gluten-associated conditions: celiac disease and gluten sensitivity. BMC Medi-cine 2011 9: 23 CrossRef MEDLINE PubMed Central
8.
Foschia M, et al.: Nutritional therapy – Facing the gap between coeliac disease and gluten-free food. Int J Food Microbiol. 2016; 239: 113–24. doi: 10.1016/j.ijfoodmicro.2016.06.014.1 CrossRef MEDLINE
9.
Presseinformation: DGE aktuell, Presse 1/2018 vom 10. Januar 2018: Selbstdiagnose Unverträglichkeit.
1.Dale HF, et al.: The effect of a controlled gluten challenge in a group of patients with suspected non coeliac gluten sensitivity: A randomized, doubleblind placebocontrolled challenge. 15 March 2018 https://doi.org/10.1111/nmo.13332.
2.Volta U, et al.: An Italian prospective multicenter survey on patients suspected of having non-celiac gluten sensitivity. BMC Medicine 2014; 12: 85. https://doi.org/10.1186/1741–7015–12–85 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.Gils T et al.: Prevalence and Characteriza-tion of Self-Reported Gluten Sensitivity in The Netherlands. Nutrients. 2016 8 (11), 714 CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.Biesiekierski, JR et al.: No Effects of Gluten in Patients With Self-Reported Non-Celiac Gluten Sensitivity After Dietary Reduction of Fermentable, Poorly Absorbed, Short-Chain Carbohydrates. Gastroenterology 2013; 145 (2): 320–28.e3 CrossRef MEDLINE
5.Junker Y, et al.: Wheat amylase trypsin inhibitors drive intestinal inflammation via activation of toll-like receptor 4. J Exp Med. 2012 Dec 17; 209 (13): 2395–408 CrossRef MEDLINE PubMed Central
6.Luca E, et al.: Evidence for the Presence of Non-Celiac Gluten Sensitivity in Patients with Functional Gastrointestinal Symptoms: Results from a Multicenter Randomized Double-Blind Placebo-Controlled Gluten Challenge. Nutrients. 2016 Feb; 8 (2): 84. doi: 10.3390/nu8020084 CrossRef
7.Sapone, et al.: Divergence of gut permeability and mucosal immune gene expression in two gluten-associated conditions: celiac disease and gluten sensitivity. BMC Medi-cine 2011 9: 23 CrossRef MEDLINE PubMed Central
8.Foschia M, et al.: Nutritional therapy – Facing the gap between coeliac disease and gluten-free food. Int J Food Microbiol. 2016; 239: 113–24. doi: 10.1016/j.ijfoodmicro.2016.06.014.1 CrossRef MEDLINE
9. Presseinformation: DGE aktuell, Presse 1/2018 vom 10. Januar 2018: Selbstdiagnose Unverträglichkeit.

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Avatar #746871
Songi
am Montag, 23. April 2018, 07:18

Hmm

Sehr aufschlussreich muss ich sagen.
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Sonntag, 22. April 2018, 16:35

Glutensensitivität eher subjektiv geprägt?

Eine in der Ärzte Zeitung unter
https://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/magen_darm/article/961953/tipps-aerzte-laesst-glutensensitivitaet-erkennen.html
zitierte Versuchsanordnung des Kollegen, Dr. med. Walter Burghardt, Universitätsklinikum Würzburg: "Gehen die Beschwerden zurück, wird zur Bestätigung der Diagnose ein doppelblinder, Placebo-kontrollierter Provokationstest empfohlen: Der Patient erhält dabei glutenfreie Kost sowie für eine Woche täglich 8 mg Gluten in einer Kapsel oder Placebo und nach einer einwöchigen Auswaschphase für eine weitere Woche im Crossover-Design wiederum Placebo oder Gluten" lässt sich in der Praxis definitiv nicht realistisch abbilden.

Sie ist auch irritierend wissenschafts- und erkenntnisfremd. Denn in "The effect of a controlled gluten challenge in a group of patients with suspected non‐coeliac gluten sensitivity: A randomized, double‐blind placebo‐controlled challenge" von H. F. Dale et al.
https://onlinelibrary.wiley.com/doi/pdf/10.1111/nmo.13332
wurde mit einer entsprechenden Versuchsanordnung demonstriert, "Glutensensitivität: Die meisten Betroffenen reagieren stärker auf Placebo als auf Gluten"! Und weiter: "Zu glutenfreien Lebensmitteln greifen längst nicht mehr nur Menschen mit einer bestätigten Zöliakie. Der Verdacht auf eine Glutensensitivität reicht den meisten aus, um die Ernährung umzustellen. Essen sie jedoch ohne ihr Wissen glutenhaltige Lebensmittel, merken das die wenigsten, wie eine doppelblinde Studie zeigt, die in Neurogastroenterology & Motility publiziert wurde (2018; doi: 10.1111/nmo.13332). Forscher aus Norwegen haben 20 Menschen zwischen 21 und 62 Jahren getestet, die glaubten, an einer Nicht-Zöliakie-Glutensensitivität (Non-coeliac gluten sensitivity, NCGS) zu leiden. Sie alle ernährten sich seit mindestens 6 Wochen glutenfrei. Eine Zöliakie, Weizenallergie, Laktoseintoleranz oder entzündliche Darm­er­krank­ungen wurde zuvor ausgeschlossen" (zitiert nach https://m.aerzteblatt.de/news/91985.htm
["Conclusions and Inferences - The present study showed that the majority of patients with suspected NCGS are not able to identify when challenged with gluten in a double‐blind placebo‐controlled food challenge, indicating that gluten is not the cause of their symptoms."]

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

P.S. Eine ausschließliche Gluten-Fixierung auf Weizen ist m.E. obsolet. Roggen, Hafer und Gerste (cave Bier!) enthalten ebenfalls Gluten. Die bei vielen Gluten-Sensitiven beschriebene, gute Verträglichkeit von Dinkel-Brot ist ein Trugschluss: "Dinkel oder Spelz ist eine Getreideart aus der Gattung des Weizens und ein enger Verwandter des heutigen Weichweizens" (nach Wikipedia)
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