ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2018Berühmte Entdecker von Krankheiten: Guido Fanconi, ein Kämpfer für das Wohl der Kinder

SCHLUSSPUNKT

Berühmte Entdecker von Krankheiten: Guido Fanconi, ein Kämpfer für das Wohl der Kinder

Dtsch Arztebl 2018; 115(16): [56]

Schuchart, Sabine

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Der Schweizer Mitbegründer der modernen Pädiatrie war ein multilingualer Weltbürger und unermüdlicher Erforscher von Erkrankungen des frühen Lebensalters. Er selbst war nach dem Tod der Mutter seit seinem elften Lebensjahr auf sich selbst gestellt.

Ob seine schwere Jugend ihn zu seiner Berufswahl veranlasste, hat Guido Fanconi in seinen „Erinnerungen eines Kinderarztes“ nicht beantwortet – wohl aber, dass diese ihn dazu anspornte, in seinem Leben Spitzenleistungen zu erbringen. 1892 in dem kleinen Dorf Poschiavo im südlichsten Zipfel des Kantons Graubünden in der Schweiz geboren, avancierte er zu einem der berühmtesten Pädiater des 20. Jahrhunderts. Für seine Leistungen als Wissenschaftler, Arzt und Lehrer zeichneten ihn Universitäten weltweit mit Ehrendoktorwürden aus und eine Vielzahl von Erkrankungen speziell des Kindesalters ist nach ihm benannt.

Die Medizin war ihm nicht in die Wiege gelegt. Sein Großvater, Sohn eines Schuhmachers in Poschiavo, war als 16-Jähriger mittellos nach Spanien ausgewandert und als Kaffeehausbesitzer in Bilbao und Madrid zu Wohlstand gelangt. Zurück im Heimatdorf erwarb er den Familienbesitz, in dem der kleine Guido als sechstes und jüngstes Kind seines Sohnes in begüterten Verhältnissen aufwuchs. Doch dies änderte sich schlagartig, als Fanconis Mutter 1903 kurz nach seinem elften Geburtstag an einer Gehirnblutung starb. Der Junge blieb mit seinem mittlerweile verarmten, hilflosen 61-jährigen Vater zurück, der nie einen Beruf erlernt hatte; die Geschwister waren verheiratet oder ausgewandert. Doch Fanconi zerbrach nicht an dem Trauma: Auf einer Bergwanderung beschloss er, „seinem Schicksal zu trotzen, unbekümmert um Vereinsamung und Verarmung“. Er schwor sich, Deutsch zu lernen – aufgewachsen war er mit dem „Pusc’ciavin“, einem lombardischen Dialekt – und wurde in kurzer Zeit vom mäßigen zum extrem fleißigen, erfolgreichen Schüler. So erfolgreich, dass er auf eigene Faust und gegen den Willen des Vaters, der ihn als Kellnerlehrling nach Bilbao schicken wollte, 1905 von der Dorfschule auf die deutschsprachige Schule im gut 100 Kilometer entfernten Schiers und 1909 auf ein Gymnasium in Zürich wechseln konnte.

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Nach dem Medizinstudium in Lausanne, München, Bern und Zürich arbeitete Fanconi in der Universitätspathologie. Trotz 13-stündiger Arbeitstage promovierte er schon 1919 mit einer Arbeit zum Darmverschluss. Von 1920 bis 1926 absolvierte er seine pädiatrische Lehrzeit am Kinderspital Zürich unter Prof. Emil Feer. 1926 habilitierte er sich; 1929 wurde er mit nur 37 Jahren an der Universität Zürich Professor für Pädiatrie und Nachfolger Feers als Direktor der Züricher Kinderklinik – ein Posten, den er bis zu seiner Emeritierung 1962 innehatte. Fanconis besonderes Interesse galt der Laborforschung, die er – seiner Zeit weit voraus – in die klinische Praxis einführte. In seiner Probevorlesung als Kandidat für die Nachfolge Feers referierte er über die Bestimmung des Phosphat- und Calciumspiegels im Serum rachitischer und tetanischer Säuglinge – was einen Sturm der Entrüstung bei den Ärzten auslöste, weil er dafür Kleinkindern Blut abzapfen müsse. Nur durch das Eintreten seines Lehrers Feer erhielt er die Stelle. Dank seiner brillanten klinischen Beobachtungsgabe und biochemischen Kenntnisse konnte er viele Krankheiten als Erster beschreiben: Etwa 1936 nach Obduktionen verstorbener Säuglinge die später Mukoviszidose genannte zystische Fibrose.

Er war berühmt für seine wissenschaftliche Strenge, die mit immenser Neugierde und Begeisterungsfähigkeit gepaart war: „Feu sacré“ galt als Fanconis Lieblingswort. Der fünfsprachige Weltbürger lernte noch im Alter Spanisch und setzte sich für Kinder in Entwicklungsländern ein. Als Arzt hatte er zeitlebens auch die psychische Verfassung seiner kleinen Patienten im Blick – wohl ein Erbe seiner eigenen Kindheit. Sabine Schuchart

Foto: Wikimedia/Aleksandrowicz/CC-BY-SA 3.0
Foto: Wikimedia/Aleksandrowicz/CC-BY-SA 3.0

1931 schlug der Spezialist für Blutkrankheiten, Prof. Otto Nägeli, den Begriff Fanconi-Anämie für die von Guido Fanconi (1892–1979) im Jahrbuch für Kinderheilkunde publizierte „familiäre infantile perniziosaartige Anämie“ vor. Der Kinderarzt hatte die bis dato unbekannte konstitutionelle Blutarmut 1927 entdeckt, als er dem tragischen frühen Tod von drei kleinen Brüdern auf den Grund ging, die körperliche Anomalien und ein Knochenmarkversagen aufwiesen – der dafür verantwortliche autosomal rezessiv vererbte Gendefekt konnte 1992 identifiziert werden. Demgegenüber bezeichnet das Fanconi-Syndrom (1947) eine schwere Nierenfunktionsstörung vor allem der Kindheit, die mit Zwergenwuchs und Rachitis einhergeht. Fanconis Name ist darüber hinaus mit etwa zehn weiteren Krankheiten assoziiert, darunter das Fanconi-Schlesinger-Syndrom, eine chronische idiopathische Hyperkalzämie, und die Fanconi-Heggelin-Bronchopneumonie.

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