ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2018Offene Sprechzeit – auch beim Facharzt: Falscher Denkansatz

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Offene Sprechzeit – auch beim Facharzt: Falscher Denkansatz

Dtsch Arztebl 2018; 115(16): A-729 / B-627 / C-627

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Mit gesetzlicher Verpflichtung zu mehr offenen ärztlichen Praxissprechzeiten lässt sich keine zusätzliche Arztzeit „backen“. Was der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. med. Andreas Gassen, vergangene Woche so plastisch formulierte, bringt – leider – weder Deutschlands Krankenkassenvertreter noch den neuen Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) tiefer ins Nachdenken.

Laut Tagesspiegel präzisierte der stellvertretende Vorsitzende des GKV-Spitzenverbandes, Johann Magnus von Stackelberg, diese Forderung mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass die von den Koalitionspartnern angedachte Steigerung der offenen Praxissprechstunden auch für niedergelassene Fachärzte gelten sollte. Das heißt mehr offene Sprechzeiten – auch für Radiologen, Kardiologen, Orthopäden und viele andere? Ein Plädoyer für den unplanbaren Zugang zu Spezialisten für jedermann, ohne entsprechende Steuerung oder Vorabklärung?

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So populistische Forderungen bringen selbst den SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach zum Zögern. Der wohl ausgewiesenste Feind jeglicher Mehr-Klassen-Medizin weiß um die absurde Komponente dieser Forderung ans Facharztwesen. Ein sehr auffälliger Widerspruch zur SPD-Denke, den Hausarzt als Lotsen des Patienten im Gesundheitswesen zu etablieren. Hält man so klaren Kurs durch das unruhige Gesundheitswesen?

Es ist mehr als erstaunlich, dass man die inzwischen „rauf und runter“ diskutierten Argumentationen gegen den ungesteuerten Patienten- „Run“ auf Notfallaufnahmen jetzt noch dadurch würzen will, dass man auch noch die durchgeplanten logistischen Abläufe von Facharztpraxen für den Direktzugang von Patienten öffnen will. Hofft man darauf, dass es der Bevölkerung gefällt? Sieht man wirklich vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr?

Während der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) bald die abgestimmten Vorstellungen zu einem geordneten und hoffentlich steuerbaren Notfallstufenkonzept vorstellen wird, gießen Krankenkassen und Bundespolitiker munter weiter neues Öl in das Feuer, das Deutschlands selbstverwaltenden Medizinern seit geraumer Zeit eine sachbezogene Strukturpolitik zunehmend schwer macht.

Warum ist dieses immer wiederkehrende „Hü-Hott“ im Gesundheitswesen eigentlich so attraktiv, dass subjektiv empfundene Ungerechtigkeit in der Bevölkerung geschürt und gepflegt wird, letztlich sogar eher auf die politische Tagesordnung kommt als pragmatisch orientierte konkrete Vorschläge zur Beseitigung von Mangelsituationen, wie sie aus der ärztlichen Selbstverwaltung immer wieder gemacht werden?

Dem Patienten des Kardiologen hilft es nicht, wenn man politisch empfundene Probleme der Bevölkerung dadurch neutralisiert, dass man ihnen direkten Zugang zu Spezialisten gewährt, der diese dann wieder zurück zum Hausarzt schickt. Aber vielleicht sind es Gedankengänge wie diese, die beim Durchdenken der Abläufe verdeutlichen, was man nicht tun sollte. Erinnern sollten alle, was die schmerzlichen Grundlagen sind: Ärztemangel, mehr Multimorbidität, wachsende qualitative Anforderungen. Das sind die Herausforderungen, für die es flexibel anzupassende Lösungen geben muss. Handlungsfreiheit hilft da mehr als weitere zentralistisch angesetzte Verordnungen.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Mittwoch, 30. Mai 2018, 10:05

"Dann geh doch zu Netto!"

Die Praxis eines freiberuflich niedergelassenen Haus-, Familien- oder Facharztes ist nun mal keine Einzelhandels-Filialkette mit festen Öffnungs und Schließungszeiten. Im Gegenteil, unsere Patientinnen und Patienten erwarten eine medizinische rund-um-die Uhr Versorgung und füllen auch noch kurz vor Ablauf der offenen Praxis-Sprechstundenzeiten die Wartezimmer.

Und unsere Medizinischen Fachangestellten (MFA) arbeiten bei 20 offenenSprechstunden pro Woche mit über 25 Wochenstunden offenem Publikumsverkehr regelmäßig an ihrer Leistungsgrenze mit 40 Wochenstunden "back-up"-, Verwaltungs- und Organisations-Aufgaben.

Doch diese Problematik erschließt sich unseren Medizin-bildungsfernen "Gesundheits"-Politikern nicht, weil sie sich unsere Arbeit mit kranken Menschen gar nicht vorstellen wollen oder können.

Bei 20-25 Wochen-Stunden reiner Sprechstunden-Zeit kommen hinzu:

1. Rüstzeiten, wie bei jedem Handwerker, Logistik 5h
2. EDV-Einrichtung, Verwaltung, Datenpflege 5h
3. Fort- und Weiterbildung, Fachliteratur, Recherchen 5h
4. Fahrtzeiten Haus-/Heim-/Palliativ-Besuche, Verweilen 5h
5. Meist Medizin-ferne Anfragen/Gutachten/Bescheinigung 5h

So kommt man bei einer reinen GKV-Sprechstunden-Zeit von 20-25 Stunden auf die empirisch bereits mehrfach belegte durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 50 Stunden plus weitere 10 Stunden für zusätzliche privatärztliche Tätigkeit bei den in der ambulanten Krankenversorgung tätigen Vertragsärztinnen und -ärzten.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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