ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2018Sexueller Kindesmissbrauch: Warten auf einen Therapieplatz

POLITIK

Sexueller Kindesmissbrauch: Warten auf einen Therapieplatz

Dtsch Arztebl 2018; 115(16): A-744 / B-637 / C-637

Bühring, Petra

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Viele Betroffene von sexuellem Kindesmissbrauch finden dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung zufolge keinen Zugang zu adäquater Therapie. Johannes-Wilhelm Rörig fordert deshalb zusätzliche Kassenarztsitze für auf Traumafolgestörungen spezialisierte Psychotherapeuten.

Seit dem Bekanntwerden der Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg 2010 ist eine Vielzahl politischer und gesellschaftlicher Aktivitäten losgetreten worden. Dazu gehörte auch die Forderung nach einer angemessenen therapeutischen Versorgung der Betroffenen von sexuellem Kindesmissbrauch. Acht Jahre später mahnt der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM), Johannes-Wilhelm Rörig, erneut, dass es bei der Versorgung der Betroffenen noch immer viele Defizite gebe. „Wir benötigen dringend zusätzliche Kassenarztsitze für spezialisierte Psychotherapeuten und spezifische Angebote für komplex traumatisierte Betroffene“, sagte Rörig. Zudem müsse die wertvolle Arbeit der auf sexuelle Gewalt spezialisierten Fachberatungsstellen bundesweit von Ländern und Kommunen finanziell gestärkt werden.

Schwerwiegende Folgen

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Nach Schätzungen des UBSKM sind in Deutschland rund eine Million Kinder von sexueller Gewalt betroffen. Die Folgen sind oft schwerwiegend, auch noch im späten Erwachsenenalter. Viele Betroffene leiden unter komplexen Traumafolgestörungen wie Depressionen, Suizidgedanken, Essstörungen, Beziehungsabbrüchen, Dissoziationen oder Flashbacks.

„Mehr als 60 Prozent der psychisch behandlungsbedürftigen Kinder und Jugendlichen, die sexuellen Missbrauch erleiden mussten, nehmen keine missbrauchsbezogene therapeutische Hilfe in Anspruch oder haben keinen Zugang zu adäquater Therapie“, erklärte Prof. Dr. med. Jörg M. Fegert, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm. Das CANMANAGE-Projekt der Universität Ulm (2016), das diese Betroffenengruppe gezielt untersucht hat, zeigte: Zwei Drittel der rund 300 untersuchten Kinder wiesen eine klinisch relevante Belastung nach ICD-10 auf, doch nur 36 Prozent haben eine Psychotherapie erhalten. „Doch selbst wenn therapeutische Interventionen stattgefunden haben, waren diese nicht immer hinreichend wirksam“, berichtete Fegert.

Dabei sollte der Zugang zur Versorgung für Betroffene sexuellen Missbrauchs bereits mit den Rahmenempfehlungen im Jahr 2012 vorangetrieben werden, kritisierte Fegert. Damals haben die Bundes­ärzte­kammer, Bundes­psycho­therapeuten­kammer, Deutsche Krankenhausgesellschaft, Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der Spitzenverband Deutscher Krankenhausversicherungen zusammen mit dem Missbrauchsbeauftragten auch beschlossen, das Informationsangebot und die Zusammenarbeit in der Versorgung von Betroffenen sexuellen Missbrauchs zu verbessern.

„Leider müssen wir feststellen, dass die Forderung der Betroffenen nach einem adäquaten Ausbau von Therapieangeboten und einer allgemeinen Zugänglichkeit von Hilfen noch lange nicht eingelöst ist“, kritisierte Fegert. Insbesondere in ländlichen Regionen und für betroffene Jungen und Männer gebe es noch erhebliche Versorgungslücken.

Hindernislauf für Betroffene

„Wenn erwachsene Betroffene eine Psychotherapie in Anspruch nehmen wollen, beginnt ein Hindernislauf“, berichtete Alex Stern, Mitglied im Betroffenenrat, einem politischen Fachgremium beim UBSKM. Die generell langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz verlängerten sich für Betroffene oft auf mehrere Jahre. Viele niedergelassene Psychotherapeuten würden sich die Behandlung komplexer Traumafolgestörungen nicht zutrauen, so Stern.

Die KBV weist den Vorwurf, die Rahmenempfehlung von 2012 werde nicht adäquat umgesetzt, zurück. „Wir waren von Anfang an ein starker Partner“, erklärt Pressesprecher Dr. Roland Stahl gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. So sei die KBV maßgeblich am Aufbau des Onlinehilfeportals www.
hilfeportal-missbrauch.de beteiligt gewesen und konnte durch zielgerichtete Kommunikationsmaßnahmen erreichen, dass sich Fachärzte und Psychotherapeuten in die Datenbank des Portals für regionale Therapieangebote eintragen. Die Beteiligten des Unterausschuss Psychotherapie des Gemeinsamen Bundes­aus­schuss seien zudem auch der Ansicht, dass die Therapieangebote für Betroffene sexuellen Kindesmissbrauchs ausreichten, erklärte Stahl. Petra Bühring

www.hilfeportal-missbrauch.de

Die Stelle des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs bietet Betroffenen, Angehörigen und Fachkräften Informationen und Hilfen an. Durch Eingabe einer Postleitzahl werden Therapieangebote, Beratungsstellen und Rechtsberatung regional aufgelistet.

Das Hilfetelefon steht unter der Nummer 0800/2255530 kostenfrei und anonym bereit.

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