ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2018Ursache gestörte Mikrozirkulation
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In der lesenswerten Übersicht zur Polyneuropathie (PNP) erfährt die Ischämie als pathophysiologisches Agens nicht die Gewichtung, die ihr angesichts der Epidemiologie mikrovaskulärer Risikokonstellationen zukommt (1). Vor dem Hintergrund, dass die zunehmende Verbreitung der PNP in der Gesamtbevölkerung nicht nur durch Alterspyramide und Prävalenz des Diabetes mellitus zu erklären ist und 20–46 % der Polyneuropathien sich keiner der etablierten Ätiologien zuordnen lassen (2), verdient die gestörte Mikrozirkulation jenseits der seltenen Vaskulitiden als Ursache der PNP Beachtung.

Die funktionelle Bedeutung einer nervalen Mangelversorgung durch kapilläre arterielle Minderperfusion ergibt sich aus den mikrozirkulatorischen Veränderungen an den Akren der unteren Extremität bei protrahierter Immobilisation in orthostatischer Körperposition. Risikosituationen hierfür finden sich zahlreich in der zivilisierten Welt, typisch ist die konzentrierte Arbeit am PC über längere Zeiträume. Ursache der hypoxischen Minderversorgung ist der kreislaufphysiologisch bekannte veno-arterielle Reflex (3), der unter Immobilisation im Sitzen am Vorfuß eine Abnahme der postkapillär messbaren Sauerstoffsättigung im Gewebe von 40–50 % auf Werte um 10 % bedingt. Dieser Effekt stellt sich regelhaft im Rahmen des „Sparprinzips“ des Organismus nicht nach Stunden, sondern bereits nach 2–4 Minuten ein und persistiert bis zum Eintritt längerer Bewegungsphasen. Eine chronisch-rezidivierende hypoxische Malnutrition erscheint daher bei entsprechender Exposition als Ursache einer PNP diskussionswürdig, nicht nur in Zeiten epidemisch auftretender Immobilisation an Bildschirmarbeitsplätzen.

Maßnahmen zum Erhalt der Zehen- und Fußbeweglichkeit bieten eine Möglichkeit der nebenwirkungs- und nebenbei kostenfreien Prophylaxe (4). Die Effizienz dieser nur für den Uneingeweihten trivial wirkenden Maßnahme ist für die PNP in Studien noch nicht belegt, das Behandlungsprinzip wird jedoch bereits anderweitig (zum Beispiel bei therapierefraktären Wunden) mit Erfolg genutzt und sogar kommerziell umgesetzt.

DOI: 10.3238/arztebl.2018.0295a

Prof. Dr. med. Richard Brandl

Praxis für Gefäßchirurgie und Venenmedizin am Marienplatz München

info@venenpraxis-muenchen-zentrum.de

Interessenkonflikt

Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1.
Sommer C, Geber C, Young P, Forst R, Birklein F, Schoser B: Polyneuropathies—etiology, diagnosis, and treatment options. Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 83–90 VOLLTEXT
2.
Hanewinckel R, Drenthen J, van Oijen M, Hofman A, van Doorn PA, Ikram MA: Prevalence of polyneuropathy in the general middle-aged and elderly population. Neurology 2016; 87: 1892–8 CrossRef MEDLINE
3.
Henriksen O, Sejrsen P: Local reflex in microcirculation in human skeletal muscle. Acta Physiol Scand 1977; 99: 19–26 CrossRef MEDLINE
4.
Brandl R, Stiegler H: Das diabetische Fußsyndrom – Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie. Deutsche Med Wochenschr 2015; 140: 353–62.
1.Sommer C, Geber C, Young P, Forst R, Birklein F, Schoser B: Polyneuropathies—etiology, diagnosis, and treatment options. Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 83–90 VOLLTEXT
2.Hanewinckel R, Drenthen J, van Oijen M, Hofman A, van Doorn PA, Ikram MA: Prevalence of polyneuropathy in the general middle-aged and elderly population. Neurology 2016; 87: 1892–8 CrossRef MEDLINE
3.Henriksen O, Sejrsen P: Local reflex in microcirculation in human skeletal muscle. Acta Physiol Scand 1977; 99: 19–26 CrossRef MEDLINE
4.Brandl R, Stiegler H: Das diabetische Fußsyndrom – Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie. Deutsche Med Wochenschr 2015; 140: 353–62.

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