POLITIK

121. Deutscher Ärztetag in Erfurt: Mehr Aufmerksamkeit für psychische Erkrankungen

Dtsch Arztebl 2018; 115(17): A-812 / B-693 / C-693

Bühring, Petra

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Aufgrund ihrer hohen Prävalenz und den Auswirkungen auf Individuum, Gesellschaft und Wirtschaft zählen psychische Erkrankungen inzwischen zu den Volkskrankheiten. In der Versorgung muss insbesondere die sektorenübergreifende Vernetzung verbessert werden.

Foto: hikrcn/stock.adobe.com
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Der Deutsche Ärztetag widmet sich in diesem Jahr dem Thema psychische Erkrankungen und der Versorgung der Patienten aus ärztlicher Sicht. Depressionen, Angststörungen, somatoforme Störungen sowie Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit gehören zu den häufigsten, „aber hinsichtlich ihrer individuellen und gesellschaftlichen Bedeutung zumeist unterschätzten Erkrankungen“, heißt es in den Informationen zu dem Tagungsordnungspunkt (TOP) II der Bundes­ärzte­kammer (BÄK). Mit diesem TOP will der Deutsche Ärztetag „ein Zeichen dafür setzen, dass die psychische Gesundheit die gleiche Aufmerksamkeit wie die physische Gesundheit benötigt“.

Jedes Jahr sind knapp 28 Prozent der erwachsenen Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen (siehe Kasten). Aufgrund dieser hohen Verbreitung, dem enormen Leid für die Betroffenen und ihre Angehörigen sowie ihrer wirtschaftlichen Auswirkungen werden psychische Erkrankungen als „Volkskrankheiten“ eingestuft – erstmals auch im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD, zusammen mit Demenz und Krebs. Überhaupt werden psychische Erkrankungen darin in allen relevanten Bereichen – Familie, Gesundheit, Arbeit, Bildung und Rehabilitation – explizit berücksichtigt.

Hohe Krankheitskosten

Psychische Krankheiten haben laut Krankheitskostenrechnung des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2015 Kosten in Höhe von 44,4 Milliarden Euro verursacht, mehr wurde nur für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ausgegeben. Für Rehabilitationsleistungen werden jährlich rund 2,6 Milliarden Euro aufgewendet. Nach Angaben der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) wurden 2015 durch eine psychische Erkrankung 14,1 Prozent der Arbeitsunfähigkeitstage verursacht. Die durchschnittliche Dauer der Krankschreibung lag bei 34 Tagen. Die Deutsche Rentenversicherung gibt psychische Erkrankungen mit 43 Prozent als häufigsten Grund für Frühverrentungen an.

Psychische Störungen sind zudem häufige Begleiterscheinungen bei chronischen körperlichen Erkrankungen. Darauf weist die BÄK hin, um die Rolle der somatischen Ärzte im Gesamtgeschehen aufzuzeigen. Werde die Komorbidität rechtzeitig erkannt, könnte dies bedeutsame Implikationen für Diagnostik, Therapie und Verlauf der psychischen und assoziierten somatischen Erkrankung haben. Psychische Komorbidität trage außerdem zu einer verstärkten Inanspruchnahme von Ressourcen im Gesundheitswesen bei.

Für psychisch kranke Menschen gibt es in Deutschland ein umfassendes und differenziertes Versorgungsangebot. Das Hilfesystem besteht aus einem komplexen Zusammenspiel ambulanter, teilstationärer, stationärer und komplementärer Angebote. Verschiedene Berufsgruppen sind daran beteiligt und arbeiten idealerweise Hand in Hand:

  • Hausärzte
  • Fachärzte (FA) für Psychiatrie und Psychotherapie
  • FA für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
  • FA für Nervenheilkunde
  • FA für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie
  • FA mit psychotherapeutischer Zusatzweiterbildung
  • Psychologische Psychotherapeuten
  • Kinder und Jugendlichenpsychotherapeuten
  • Sozialarbeiter (Soziotherapeuten)
  • Psychiatrische Krankenpfleger

Die Bundes­ärzte­kammer weist darauf hin, dass die meisten Menschen mit psychischen Erkrankungen im Sinne der Psychiatrie-Enquete ambulant behandelt werden. Der Hausarzt sei dabei häufig der erste Ansprechpartner. Gerade Depressionen, Angst- und Panikstörungen sowie somatoforme Störungen wiesen eine hohe Prävalenz in der Hausarztpraxis auf. Oft übernähmen Hausärzte im Rahmen der psychosomatischen Grundversorgung auch die Behandlung. Auf dem Ärztetag werden deshalb neuere Ansätze zur Versorgung von Menschen mit Depressionen und Angststörungen durch Hausarztpraxen vorgestellt. Einen wesentlichen Teil der spezialisierten Versorgung übernehmen die oben aufgeführten Fachärzte.

Die stationäre Behandlung von psychisch Kranken wird von einer Vielzahl psychiatrischer, psychosomatischer sowie kinder- und jugendpsychiatrischer und psychotherapeutischer Fachkliniken und Fachabteilungen an Allgemeinkrankenhäusern durchgeführt, darunter viele Universitätskliniken. Die BÄK weist hier auf die „enorme Leistungsverdichtung“ hin, zu der es in den vergangenen Jahrzehnten gekommen ist. Klinikbetten und Verweildauer seien hier massiv reduziert worden, während die Fallzahl vollstationärer Patienten stark zugenommen habe. Gleichzeitig hinke die Finanzierung der Behandlung psychisch Kranker hinter der Entwicklung im somatischen Bereich her.

Die Verbesserung der sektorenübergreifenden Vernetzung sowie eine bessere Koordination der Versorgung im ambulanten Bereich sind gesundheitspolitische Themen der letzten Jahrzehnte. Schon aufgrund der Finanzierung vieler Leistungen über unterschiedliche Kostenträger (gesetzliche Kranken- und Rentenversicherung, Sozialhilfeträger, kommunale und regionale Behörden, Arbeitsverwaltung und Wohlfahrtsverbände) und der damit verbundenen Fragmentierung des Versorgungssystems kommt es nicht selten zu Behandlungsabbrüchen. Die Große Koalition will durch gesundheitspolitische Maßnahmen die Probleme der Koordination und Kooperation der unterschiedlichen Hilfesysteme beseitigen und hat dies explizit in den Koalitionsvertrag aufgenommen.

Sektorenübergreifende Hilfe

Die Weiterentwicklung des Hilfe- und Versorgungssystems im Sinne einer Verbesserung der sektorenübergreifenden Kooperation soll auch ein Thema auf dem Ärztetag sein. Einen entsprechenden Entschließungsantrag wird der Vorstand der BÄK vorlegen. Vor allem bei der langfristigen Versorgung von psychisch Kranken mit episodischen und chronischen Krankheitsverläufen und dem Bemühen um ihre chancengleiche Teilhabe am Leben bestehen nach Ansicht der BÄK Verbesserungspotenziale. Sie benötigten gestufte, personzentrierte, bedarfsgerechte, sektoren- und settingübergreifende Versorgungsmodelle. Diese werden auf dem Ärztetag in Erfurt vorgestellt.

Des Weiteren werden sich die Delegierten in Erfurt mit einem Thema befassen, das zwar einen anderen Berufsstand betrifft, aber Auswirkungen auf die Ärzteschaft haben kann: die Reform der Ausbildung der Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) hat im Juli 2017 einen Arbeitsentwurf hierfür vorgelegt. Dieser sieht ein fünfjähriges Hochschulstudium der Psychotherapie vor, das aus einem Bachelor- und einem Masterstudiengang besteht und nach einem Staatsexamen die Approbation ermöglicht. In der anschließenden Weiterbildung sollen sich die Absolventen auf die Behandlung von Erwachsenen oder Kindern und Jugendlichen spezialisieren und die Fachkunde in einem Psychotherapieverfahren erwerben. Mit der Vereinheitlichung der Qualifikationswege akademischer Heilberufe soll unter anderem die finanzielle Situation der Ausbildungsteilnehmer verbessert werden, die derzeit im praktischen Jahr an psychiatrischen Kliniken keinen Anspruch auf Vergütung haben. Auch die Kosten für die postgraduale Qualifizierung an den Ausbildungsinstituten müssen sie im Wesentlichen selber tragen.

Die BÄK befürchtet indes, dass eine solche Reform zu voneinander getrennten Versorgungsbereichen führen wird. Eindeutig lehnt sie auch die in dem BMG-Arbeitsentwurf vorgesehenen Modellstudiengang ab, der der Vermittlung von Kompetenzen zur Verordnung von Psychopharmaka dienen soll. Die erforderlichen Kenntnisse könnten allein in einem Medizinstudium und in der Facharztweiterbildung erworben werden. Der 32. Deutsche Psychotherapeutentag hat sich am 21. April auch gegen einen solchen Modellstudiengang ausgesprochen. Psychologische Psychotherapeuten brauchten zwar Kenntnisse über Wirkung und Wechselwirkung von Psychopharmaka. Eine Verordnungsbefugnis sei indes „nicht zielführend“. Petra Bühring

Prävalenz psychischer Erkrankungen

Zu den häufigsten Erkrankungen zählen Angststörungen (15,4 %), gefolgt von affektiven Störungen (9,8 %), davon unipolare Depression allein 8,2 %, und Störungen durch Alkohol- oder Medikamentenkonsum (5,7 %).

In Deutschland sind jedes Jahr etwa 27,8 % der erwachsenen Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen. Das entspricht rund 17,8 Millionen betroffenen Menschen, von denen pro Jahr nur 18,9 % Kontakt zu spezialisierten Leistungsanbietern aufnehmen.

20 Prozent der Kinder und Jugendlichen sind von psychischen und/oder Verhaltensproblemen betroffen. Circa 6 % aller Kinder unter 18 Jahren sind behandlungsbedürftig psychisch krank und erfüllen entsprechende Diagnosekriterien. 50 % der behandlungsbedürftigen Kinder bekommen keine Behandlung.

Psychische Erkrankungen zählen nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bösartigen Neubildungen und muskuloskelettalen Erkrankungen zu den vier wichtigsten Ursachen für den Verlust gesunder Lebensjahre. Psychisch Kranke haben im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung eine um 10 Jahre verringerte Lebenserwartung.

Quellen: Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde und KIGGS-Survey

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