ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2018Ernährungsprävention: Schlecht beraten

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Ernährungsprävention: Schlecht beraten

Dtsch Arztebl 2018; 115(17): A-791

Gießelmann, Kathrin

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Kathrin Gießelmann, Politische Redaktion

Die Empfehlungen der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) zur Eindämmung des Tabakkonsums oder zur Prävention nicht übertragbarer Krankheiten sind mehr als deutlich: Allen Staaten wird zu Sondersteuern auf zuckergesüßte Getränke und zu einem Werbeverbot für Tabak geraten.

In Deutschland hapert es bei der Umsetzung gewaltig. Auf der Tabakkontrollskala ist die Bundesrepublik Schlusslicht in Europa. Ein ähnlich vernichtendes Fazit wird man bei den politischen Maßnahmen für eine gesunde Ernährung ziehen müssen, wenn die Union ihren Kurs der letzten Jahre fortsetzt. Auch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) hat sich bisher nicht mit Ruhm bekleckert. Während das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) und die Krankenkassen mit dem Präventionsgesetz auf dem richtigen Weg sind, behandelt das BMEL die Gesundheit der Bevölkerung eher stiefmütterlich. Zu groß scheint der Widerstand der Industrie und der Wirtschaftspolitiker.

Ganz untätig war das Ministerium zwar nicht. Mit dem BMG hat das BMEL 2008 eine Initiative für gesunde Ernährung und Bewegung (IN FORM) ins Leben gerufen. Im Zentrum stehen Eigenverantwortung und Bildung. Mehr als 200 Projekte wurden bisher mit rund 77 Millionen Euro unterstützt. Dabei ist die Effizienz dieser „Projektitis“ kaum belegt. Auch Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) setzt auf Bildung und ganzheitliche Ansätze. Das Kompetenznetz Adipositas verspricht sich von dieser Verhaltensprävention, die auch Teil des Präventionsgesetzes ist, wenig. Laut einer Metaanalyse könnte Adipositas dadurch lediglich um ein Prozent gesenkt werden. Ein weiterer Nachteil: Der Erfolg kommt vor allem bildungsstarken und „schlanken“ Familien zu gute. Für die WHO und die Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten ist der Ansatz der Verhaltensprävention ebenso gescheitert. Sie setzen auf Änderungen des Lebensmittelangebots, der Kennzeichnung und des Marketings.

Es ist schwer nachvollziehbar, warum das BMEL nicht in Strategien investiert, deren Effekt belegt ist. Fiskalische Instrumente zeigen in zahlreichen Ländern Wirkung. Eine Übersichtsarbeit im Lancet konnte jüngst den Mythos „Zuckersteuer gleich Armensteuer“ widerlegen (http://daebl.de/PT75). Vor allem sozial Benachteiligte profitieren demnach. Klöckner lässt sich davon nicht beeindrucken. Ihre Gegenargumente – nicht einzelne Nährstoffe zu verteufeln, sondern die Gesamtkalorien zu berücksichtigen – erinnern stark an die der Zuckerindustrie. Das überrascht kaum, wenn man sich die Auswahl der Berater im BMEL ansieht. So wurden im Vorfeld der Reduktionsstrategie für Zucker, Fett und Salz in Fertiglebensmitteln fast ausschließlich Gespräche mit Vertretern aus der Wirtschaft geführt (Bundesdrucksache 18/12463). Die Begründung: Man wollte sie unter anderem von freiwilligen Selbstverpflichtungen überzeugen – laut Foodwatch ein Kernelement der Industrie, um in politischen Auseinandersetzungen verbindliche Vorgaben als unnötig darzustellen (Seite 820). Als Christian Schmidt (CSU), Klöckners Amtsvorgänger, im Mai 2017 einen Entwurf der Reduktionsstrategie vorlegte, zeigte sich ein ähnlich unausgewogenes Kräfteverhältnis. Unter fast 20 Verbänden, die das BMEL um Stellungnahme gebeten hat, befanden sich neben der Verbraucherzentrale nur zwei medizinische Fachgesellschaften.

Für das Patientenwohl wäre es von Vorteil, würde das BMG beim Thema gesunde Ernährung die Federführung übernehmen. Hier sollte sich Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) einmischen.

Kathrin Gießelmann
Politische Redaktion

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Docmacher
am Freitag, 11. Mai 2018, 00:37

Registrierungspflicht für Schusswaffen

Wer hat sie in Deutschland eingeführt? Doch nicht etwa die bösen Nazis? :-)

Man könnte natürlich auch mal die Frage stellen, wie viel Leid und Tote die Führerin verursacht hat, durch ihre völlig grundgesetzwidrige Grenzöffnung.
Docmacher
am Freitag, 11. Mai 2018, 00:24

Welche Erkenntnisse leugnet er denn

der böse Donald? Immerhin hält er sich an die amerikanische Verfassung, während die Größte Führerin aller Zeiten das Grundgesetz ja quasi abgeschafft hat.
Docmacher
am Freitag, 11. Mai 2018, 00:23

Prantl-Prawda

Wenn es da steht, dann muß es ja stimmen. Da waren ja schließlich solchen Koryphäen wie Ulf Poschardt beschäftigt :-)
rostm
am Donnerstag, 10. Mai 2018, 22:51

ich nochmal...

http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/rauchen-impfen-limo-trinken-warum-gesundheit-keine-privatsache-ist-1.3970949

In der Süddeutschen Zeitung auch nochmal ganz klar formuliert.
Docmacher
am Donnerstag, 10. Mai 2018, 17:45

Merkelismus

Das Negieren der Realität. Wenn wir ein liberaleres Waffengesetz hätten, könnten viele Leute noch am Leben sein.
Man kann die Realität leugnen, aber man kann nicht die Folgen der geleugneten Realität leugnen. Leichen pflastern unsere Straßen.
rostm
am Donnerstag, 10. Mai 2018, 16:27

Trumpismus

Das Negieren wissenschaftlicher Erkenntnisse, Ablenken von eigentlichen Problemen - sehr schön in dem Leitkommentar dargestellt. So ähnlich verhält sich Trump bei der Waffenlobby. Dem Trump seine Waffenlobby ist der Klöckner ihre Zuckerlobby. Wer dabei mehr Leid und Tote zu verantworten hat, sei dahingestellt.
U L I Sappok
am Montag, 30. April 2018, 21:26

Ärztetag muss WHO Ziele einfordern

Der Ärztetag sollte laut und deutlich die Politik auffordern, die WHO Forderungen gegen jeden Lobbyismus durchzusetzen. Klar, politisch ist Spahn gefordert.
Wenn wir Ärzte schon in der Gesundheitsbildung nicht präsent sind, sondern nur von Schadensbehebung (sehr gut) leben, dann wenigstens präventiv laut werden über die ärztlichen Gremien.
Die Thematik des aktuellen DÄ Heftes ruft von der Print-Seite. Weiter so DÄ!
U. Sappok

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