THEMEN DER ZEIT

Prävention: Nachhaltige Strategien gesucht

Dtsch Arztebl 2018; 115(17): A-815 / B-695 / C-695

Beerheide, Rebecca; Gießelmann, Kathrin

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Die Palette der Interventionen gegen Adipositas reicht von Kochkursen über Werbeverbote bis hin zu fiskalischen Abgaben. In Deutschland wird vor allem auf Verhaltens- und Verhältnisprävention gesetzt. Ein nachhaltiger Effekt lässt sich selbst nach zehn Jahren kaum nachweisen.

„Ich kann kochen“ ist eins von mehr als 200 Projekten, die kostenfreie Fortbildungen für Erzieher, Lehrer und Sozialpädagogen zum Thema „pädagogisches Kochen mit Kindern“ anbieten. Foto: dpa
„Ich kann kochen“ ist eins von mehr als 200 Projekten, die kostenfreie Fortbildungen für Erzieher, Lehrer und Sozialpädagogen zum Thema „pädagogisches Kochen mit Kindern“ anbieten. Foto: dpa

Ob Kochkurse, Wasserspender in Schulen oder Steuern auf Ungesundes: Was davon den größten Effekt im Kampf gegen das Übergewicht von Kindern haben kann, ist umstritten. Seit dem 17. Juli 2015 gibt es mit dem Präventionsgesetz zusätzliche finanzielle Mittel, um Ernährungs- und Bewegungsverhalten zu verbessern. Die Krankenkassen wurden dabei dazu verpflichtet, diese Projekte zu finanzieren. Sie investierten 2016 in die Gesund­heits­förder­ung und Prävention in Lebenswelten rund 116 Millionen Euro (1). Von diesem Geld profitierten etwa 3,2 Millionen Menschen, vor allem Kinder in Kitas und Grundschulen Im Vergleich zum Vorjahr haben sich die Ausgaben laut dem GKV Spitzenverband damit in etwa verdreifacht. Dazu kommen 147 Millionen für betriebliche Gesund­heits­förder­ung und 211 Millionen für individuelle Präventionsangebote.

Schon 2008 hatte das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) mit dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) eine Initiative für gesunde Ernährung und mehr Bewegung (IN FORM) ins Leben gerufen. Sie umfasst mehr als 200 Projekte mit einem Fördervolumen von 77 Millionen Euro. Die Zwischenbilanz: Rund 780 000 Kinder haben den Ernährungsführerschein erhalten. 38 000 Leitfäden „Gesunde Kita für alle!“ wurden verteilt, rund 1 150 Einrichtungen der Gemeinschaftsverpflegung erhielten ein Zertifikat nach den Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). 200 000 Schüler wurden zu „SchmExperten“ ernannt – ein Unterrichtskonzept, bei dem sie kochen und einkaufen lernen sowie über Hygiene aufgeklärt werden.

Mit dem Start des Präventionsgesetzes wurde nun das Projekt „Ich kann kochen!“ von der Barmer gemeinsam mit der Stiftung der Köchin Sarah Wiener sowie das Projekt „Sterneküche macht Schule“ der Knappschaft-Bahn-See mit Koch Stefan Marquard gestartet. Beide Kassen geben an, seit 2016 Schulen und Kita-Personal zu schulen und so an der Weiterentwicklung der dortigen Essenspläne mitzuarbeiten. Die Barmer hat nach eigenen Angaben 2016 insgesamt 529 Schulungen mit 6 000 Teilnehmern veranstaltet. Das Projekt wird derzeit unter anderem von der Uni Jena evaluiert. Ergebnisse zur Situation in den teilnehmenden Einrichtungen und zum inhaltlichen Konzept erwartet die Krankenkasse Anfang 2019. Auch die Knappschaft-Bahn-See wartet bei ihrem Projekt noch auf eine wissenschaftliche Auswertung, 2017 wurden 20 Einrichtungen mit Schulungen besucht.

Das Ziel all dieser Projekte lautet, gesundheitsförderliche Alltagsstrukturen im Bereich der Ernährung und Bewegung zu stärken sowie Eigenverantwortung zu fördern und zu gesunder Ernährung zu motivieren. Welche Projekte sich dabei am effektivsten auf Ernährung und Bewegung von Kindern auswirken, kann der Zwischenbericht zu IN FORM nicht beantworten (2). Eine vollständige Evaluation soll bis März 2019 vorliegen (3).

Zweifel an der Nachhaltigkeit dieser äußerst heterogenen Interventionen wurden im letzten Jahr immer lauter. Aus einer Auswertung von 37 Studien und Datensätzen von 27 946 Kindern kam Prof. Dr. med. Manfred James Müller vom Kompetenznetz Adipositas schon 2013 zu dem Schluss, dass Verhaltensprävention die Prävalenz von Adipositas lediglich um ein Prozent senken könne. Die Erfolge würden zudem vor allem Kinder schlanker Eltern und bildungsstärkere Familien erreichen (4). Als positives Beispiel der Verhältnisprävention nannte Müller ein Projekt, das Wasserspender in Schulen anbietet. Die Effektstärke betrug minus 0,14 kg/m2. Ein schlechtes Fazit zieht auch die Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG): „Bisherige Initiativen gegen Diabetes Typ 2 haben ihr Ziel verfehlt“, sagte der damalige Geschäftsführer Dr. Dietrich Garlichs im Mai 2017 bei einer Pressekonferenz in Berlin. Als gescheitertes Beispiel nannte er unter anderem IN FORM. „Das Geld könnte man in effektivere Ansätze investieren“, ist Garlichs überzeugt (5). Und selbst beim Ideenwettbewerb „Verhältnisprävention im Rahmen des Förderschwerpunkts Prävention von Kinderübergewicht des BMG“ konnten die Teilnehmer der 37 vielversprechenden Praxisbeispiele nur vage Aussagen über den Effekt machen. „Ob Projekte zur Verhältnisprävention langfristig etwas bringen, können wir nicht sicher sagen – auch wenn einige zuversichtlich stimmen“, sagte Prof. Dr. Jens Bucksch von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg (6, 7). Maria Becker, im BMG zuständig für Prävention, erklärte, sie wolle wegkommen von der „Projektitis“. „Jetzt gilt es, aus den vielen Ideen die Teile zu identifizieren, die wir wie in einem Baukasten zusammensetzen können.“

Reformulierung geplant

Neben Verhaltens- und Verhältnisinterventionen setzen viele Länder auf eine Reformulierung von Fertiglebensmitteln. Ähnlich wie bei der Tabakkontrolle scheint Deutschland aber auch hier Schlusslicht zu sein. Mit Ausnahme von Deutschland können fast alle Mitgliedsstaaten in der EU eine Reformulierungsmaßnahme zu Salz vorweisen. Etwa 20 EU-Länder setzen zudem auf Reformulierungsmaßnahmen bei trans-Fetten, Gesamtfett und zugesetztem Zucker. Im Mai 2017 hatte der damalige Ernährungsminister Christian Schmidt (CSU) mit der Nationalen Strategie zur Reduktion von Zucker, Fetten und Salz in Fertigprodukten zumindest einen ersten Entwurf vorgelegt. Um Stellungnahme gebeten hat das BMEL neben zahlreichen Vertretern der Lebensmittelindustrie jedoch mit der DDG und der DGE nur zwei Fachgesellschaften. Beim Zuckergipfel 2017 in Berlin kritisierten DDG und AOK den Entwurf: „Das Strategiepapier basiert wieder nur auf freiwilligen Vereinbarungen für die Lebensmittelindustrie“, sagte der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbands, Martin Litsch. Das reiche nicht aus, um den derzeit viel zu hohen Zuckerkonsum von 90 Gramm pro Tag bei Erwachsenen auf empfohlene 50 Gramm zu reduzieren. „Wir brauchen verbindliche Vereinbarungen wie in Großbritannien“, so Litsch.

Der Entwurf zur Reduktionsstrategie wurde bisher nicht wie geplant verabschiedet und steht erneut auf der Aufgabenliste der Großen Koalition. „Wir begrüßen es, dass im Koalitionsvertrag verbindliche Zielmarken und einem konkreter Zeitplan angekündigt werden“, sagte Barbara Bitzer, Geschäftsführerin der DDG, dem Deutschen Ärzteblatt. Gleichzeitig kritisiert sie den Dualismus zwischen BMG und BMEL, der effektiven Präventionsstrategien in der Vergangenheit immer wieder im Weg stand: „Anders als im BMG hat das Thema Prävention im BMEL nur eine untergeordnete Bedeutung. Zudem lässt sich das Ernährungsministerium zu stark von Erzeugerinteressen lenken.“

Offener Brief an Angela Merkel

Die bisherigen Initiativen gehen auch vielen Ärzten nicht weit genug. Zusammen mit foodwatch fordern 15 Ärzteverbände, Fachorganisationen und Krankenkassen von der Bundesregierung eine verständliche Lebensmittelkennzeichnung, verbindliche Standards für die Schul- und Kitaverpflegung, Beschränkungen der an Kinder gerichteten Lebensmittelwerbung sowie steuerliche Anreize. Es sei höchste Zeit, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel und die zuständigen Minister „ernst machen“ mit der Prävention, heißt es in einem Offenen Brief, den zahlreiche Ärzte unterschrieben haben. Die Zahl der Unterschriften wird nach Redaktionsschluss dieser -Ausgabe, am 2. Mai 2018 bekannt gegeben. Rebecca Beerheide,

Kathrin Gießelmann

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit1718
oder über QR-Code.

Steuer schützt ärmere Menschen
Kritiker bezeichnen die Zuckersteuer auch als Armensteuer, weil sie in erster Linie Menschen mit wenig Einkommen und Bildung treffen würde. Dieser Theorie widersprechen jetzt Forscher mit einer Analyse im Lancet.

http://daebl.de/PT75

Tabakkontrolle in Deutschland
Die Tabakkontroll-Skala offenbart eklatante Unterschiede in Europa. Deutschland und Österreich belegen die letzten Plätze. Appelle des Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer an die Unionsfraktion werden nicht gehört.

http://daebl.de/PZ59

Abnehmen durch Sport überschätzt
Nur mithilfe von sportlichen Aktivitäten abzunehmen ist schwierig. Denn Untrainierte müssen sehr viel Zeit investieren, um dadurch genügend Kalorien zu verbrennen. Erst ab 250 Minuten Training pro Woche nimmt man ab.

http://daebl.de/VT59

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