ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2018Dieselmotoremissionen: Bagatellisiert
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Expertenmeinungen sind ein probates Mittel, tagesaktuelle Fragen journalistisch aufzubereiten. Bei dem vorliegenden Artikel bilden ein Motorenexperte mit Nähe zur Automobilindustrie und ein epidemiologisch tätiger Wissenschaftler jedoch keine Basis für eine ausgewogene Berichterstattung. Es kommt zu einer perfiden Vermischung der im Deutschen Ärzteblatt üblichen wissenschaftlichen Berichterstattung unter Angabe von entsprechenden Quellen mit unausgewogenen Expertenmeinungen. So sei nach Meinung von Prof. Dr. sc. techn. Thomas Koch, Leiter des Instituts für Kolbenmaschinen am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), die Dieseltechnologie selbst mittlerweile nur für einen sehr geringen Anteil an der Feinstaubentwicklung verantwortlich. Das wird im ersten Verweis auf Prof. Koch auch als persönliche Meinungsäußerung deutlich gemacht. Die Aufwertung bzw. Ableitung zu dem verwendeten Zwischentitel „Kaum Feinstaub durch Diesel“ stützt sich jedoch auf keine andere Quelle.

Der im folgenden Absatz von Prof. Koch bemühte Vergleich, dass ein Fahrrad durch seinen Felgenverschleiß beim Bremsen drei bis vier Milligramm Metalloxide pro Kilometer abgebe, während der Partikelausstoß aus dem Auspuff eines Diesels bei 0,2 bis 0,5 Milligramm läge, ist irreführend. Hier werden völlig unterschiedliche Dinge verglichen. Selbstverständlich erzeugt ein Auto beim Bremsen auch (zusätzliche) Partikelemissionen, deren Ausmaß man mit den Emissionen eines Fahrrads zum Beispiel im Hinblick auf Partikelzahl, Masse und stoffliche Zusammensetzung vergleichen könnte. Es dürften kaum Zweifel bestehen, dass ein „fairer“ Vergleich angesichts der ca. 15-fach höheren Betriebsmasse und höheren Geschwindigkeiten für das Auto unvorteilhaft ausfallen dürfte.

Die Behauptung von Prof. Koch, dass die Abgasprobleme der Dieseltechnologie technisch inzwischen gänzlich gelöst seien, wird ebenso unbelegt und unreflektiert übernommen, wie seine Aussage, dass wenn alle Dieselautofahrer ein EURO-6d-TEMP-Dieselfahrzeug der neuesten Generation hätten, der Beitrag des Dieselverkehrs an der NO2-Konzentration am Neckartor unmittelbar an der Straße auf etwa 3 µg/m3 Luft schrumpfen würde. Von wem oder auf welcher Quelle basierend die Schlussbemerkung herrührt, dass eine Kerze in einem normal belüfteten Zimmer nach einer Stunde zu einer NO2-Konzentration von 100 µg/m3 Luft führe, bleibt unklar. Offenkundig wird hier jedoch die Luftschadstoffbelastung in der Außenluft bagatellisiert.

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Zusammenfassend scheint bei den Expertenpositionen ein immenses Ungleichgewicht zu bestehen: Während Dr. rer. nat. Ulrich Franck vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig eher tendenzielle und zurückhaltende Aussagen zu epidemiologisch-medizinischen Aspekten zugeschrieben werden, scheinen die Positionen von Prof. Koch auf eine Bagatellisierung der Schadstoffbelastung und unverhohlene Absatzförderung der Automobilindustrie hinauszulaufen. ...

Dr. med. Ramin Tavakolian, 10407 Berlin

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