ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2018Von schräg unten: Kommunikation

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Kommunikation

Dtsch Arztebl 2018; 115(17): [64]

Böhmeke, Thomas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Ohne Kommunikation ist alles nichts. Ohne Kommunikation können wir unseren Schutzbefohlenen unsere Künste nicht klarmachen, kriegen wir auch kein Einverständnis für eine noch so segensreiche Kniegelenksendoprothese oder Katheterintervention. Es kommt nicht nur darauf an, was wir sagen, sondern wie wir es sagen! Es bedarf umfassender kommunikativer Kompetenz, die Gefährlichkeit und Behandlungsnotwendigkeit einer medizinischen Diagnose, sagen wir mal BT T1 G0 M0, dem Patienten zu vermitteln, um sich nach TUR-BT dessen Dank zu sichern.

Ich selbst habe früher, ganz im Geiste hehrer Wissenschaft erzogen, zwecks Verständigung zu sehr auf medizinische Terminologie gesetzt. Allerdings waren inbrünstig vorgetragene Erörterungen wie ‚Diese Medikation erbringt eine relative Risikoreduktion in Höhe von 23 Prozent!‘ Anlass für viele meiner Patienten, mich als absoluten Risikofaktor für gekonntes Kommunizieren wahrzunehmen.

Ich verlegte mich, in der stillen Hoffnung auf Verständnis, daher auf Bilder. Jedoch musste ich feststellen, dass Äußerungen wie ‚Ihre Gallensteine gehen mir im Kopf herum!‘ besagte Steinträger darüber rätseln ließen, ob ich anatomisch noch alles im Griff hätte. Ähnlich verstörend waren Bemerkungen wie: ‚Ihre Magensäure müssen wir im Auge behalten!‘ oder ‚Ihr Übergewicht ist Ihre Achillesferse!‘, die Zweifel darüber aufkommen ließen, beim richtigen Facharzt zu sein.

Ja, liebe Kolleginnen und Kollegen, ich bin zutiefst verzweifelt darüber, wie ich meinen Patienten die Komplexität der Medizin vermitteln soll, wie ich ihnen sagen soll, was sie tun können, um gesund zu bleiben. Zu häufig rede ich mir die Zunge blutig, aber mein Erfolg ist so arm wie meine Erythrozyten an Eisen.

Ich sollte mal meinen Bruder fragen, der ist Jurist, und Juristen haben schließlich Erfahrung mit komplexen Sachverhalten. Gesagt, getan, angerufen: Wie geht’s Dir? „Wunderbar! Ich habe 20 Kilo abgenommen!“ Ich bin platt. Mein Bruder, dessen außergewöhnliche kulinarische Fähigkeiten sichtbar an seiner Silhouette sinterten und zunehmende Probleme mit sich brachten, hat abgenommen! Wie das? Hat er die Aufnahme von raffinierten Kohlehydraten reduziert, komplexe Kohlenhydrate optimiert? „Ach was!“ Hat er seine kulinarischen Feuerwerke nach Fetten und Eiweißen sortiert, Stoffwechselbilanzen erstellt, zugeführte und verbrauchte Kalorien gemessen? „Quatsch!“ Hat er Seminare und Selbsthilfegruppen aufgesucht? „Nö! Ich habe einfach nur noch die Hälfte gegessen!“

Jetzt verrate er mir das Geheimnis, woher hat er diese unglaubliche Motivation, wieso ist er so überaus erfolgreich? „Ich war doch in dieser Klinik bei dem bekannten Professor.“ Und der hat Dir stundenlange Vorträge über richtige Ernährung gehalten! „Von wegen. Der hat bei der Visite nur auf meinen Bauch gezeigt und gesagt: Das muss weg!“ Wie? Mehr hat er nicht gesagt? „Ja klar, und es geht mir blendend dabei! Na, was sagst Du jetzt?!“ Gar nichts mehr.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige