ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2018(Muster-)Weiter­bildungs­ordnung: Novelle ist auf der Zielgeraden

POLITIK

(Muster-)Weiter­bildungs­ordnung: Novelle ist auf der Zielgeraden

Dtsch Arztebl 2018; 115(17): A-804 / B-688 / C-688

Korzilius, Heike

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Der Deutsche Ärztetag soll in Erfurt die neue (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung beschließen. Die Delegierten entscheiden unter anderem darüber, welche Zusatzbezeichnungen es künftig gibt.

Foto: Your Photo Today
Foto: Your Photo Today

Ob Ärztinnen und Ärzte ihre Patienten gut versorgen können, ist auch eine Frage der Qualität ihrer Weiterbildung. Deutsche Ärztetage diskutieren deshalb in der Regel leidenschaftlich und gründlich über Änderungen der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung (MWBO). Beim 121. Deutschen Ärztetag Anfang Mai in Erfurt soll jetzt eine Weiterbildungsreform ihren Abschluss finden, die 2012 in Nürnberg begann. Damals erteilte der Ärztetag den Weiterbildungsgremien der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) den Auftrag, eine komptenzbasierte MWBO zu entwickeln. In diesem Jahr sollen die 250 Delegierten die Gesamtnovelle beschließen. Zur Abstimmung steht die Präambel, die Ziel und Zweck der fachärztlichen Weiterbildung definiert, sowie der Paragrafenteil, der die rechtlichen Vorgaben der Weiterbildung beschreibt. Außerdem entscheiden die Delegierten über die allgemeinen Inhalte der fachärztlichen Weiterbildung, also die übergreifenden Kompetenzen, die jeder Arzt erwerben muss – wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung je nach Fachgebiet. Zu den allgemeinen Inhalten zählen zum Beispiel ethische, wissenschaftliche und rechtliche Grundlagen ärztlichen Handelns ebenso wie ärztliche Gesprächsführung und Arznei­mittel­therapie­sicherheit.

Anzeige

Diskussionen erwartet

Zu möglicherweise heftigen Diskussionen dürfte die Abstimmung über den sogenannten Kopfteil von Abschnitt C der MWBO führen, der die Zusatz-Weiterbildungen umfasst. Insgesamt stehen 68 Bezeichnungen zur Abstimmung, davon 21 neue. Die Delegierten müssen nun zum Beispiel entscheiden, ob die Ernährungsmedizin, die Klinische Aktu- und Notfallmedizin oder die Transplantationsmedizin Teil der ärztlichen Weiterbildung werden. Außerdem sollen die Voraussetzungen und Mindestzeiten für deren Erwerb festgelegt werden.

Nicht entscheiden wird der Ärztetag hingegen über die Inhalte der Zusatz-Weiterbildungen. Diese soll der BÄK-Vorstand auf der Grundlage dessen beschließen, was die Weiterbildungsgremien der BÄK in enger Abstimmung mit den Fachgesellschaften und Berufsverbänden sowie den Lan­des­ärz­te­kam­mern erarbeitet haben. Mit den Weiterbildungsinhalten der einzelnen Fachgebiete war der Ärztetag im vergangenen Jahr ebenso verfahren.

Damals war auch die Reform der Weiter­bildungs­ordnung von der Entwicklung eines elektronischen Logbuchs abgetrennt worden. Es soll als zentrale und bundesweit einheitliche Anwendung den Kompetenzerwerb der Weiterzubildenden kontinuierlich und auch für die Ärztekammern nachvollziehbar abbilden. In diesem Jahr will der BÄK-Vorstand sich vom Ärztetag grünes Licht geben lassen, die Entwicklung mithilfe eines externen Anbieters voranzutreiben, um dem Ärztetag 2019 ein betriebsfertiges Produkt vorlegen zu können. Doch das Thema ist nicht ganz ohne Brisanz. Denn die IT-Infrastruktur ist in den einzelnen Ärztekammern unterschiedlich weit entwickelt. Bei der Definition von Schnittstellen zur Migration der zentral gespeicherten Daten in die eigene EDV könnten dabei zusätzliche Kosten entstehen. Allerdings wäre es der BÄK zufolge möglich, durch einen Ausdruck der Endversion des Logbuchs Vorgänge übergangsweise wie bisher händisch zu bearbeiten.

Inhalte statt Zeiten

„Inhalte statt Zeiten“, so bringt Dr. med. Franz Bartmann die wesentliche Neuerung der Weiterbildungsreform auf den Punkt. „Die Kernfrage lautet nicht mehr, wie oft und in welcher Zeit wurden Inhalte erbracht, sondern wie und in welcher Form wurden Kenntnisse, Erfahrungen und Fertigkeiten erlernt“, sagt der Vorsitzende der Weiterbildungsgremien der BÄK. Die erworbenen Kompetenzen würden künftig in vier Kategorien bescheinigt: Inhalte, die der Weiterzubildende beschreiben könne; Inhalte, die er systematisch einordnen und erklären könne sowie Fertigkeiten, die er unter Supervision und solche, die er selbstverantwortlich durchführen könne. „Können soll ein Facharzt am Ende seiner Weiterbildung das, was man in dieser Zeit realistischerweise erfüllen und was man von jedem, der diese Gebietsbezeichnung trägt, erwarten kann“, betont Bartmann. Gemeint seien damit ausdrücklich nicht sämtliche Inhalte eines Gebietes, die man im Laufe eines Berufslebens erwerbe. Es sei ein Schwachpunkt der alten MWBO, dass man versucht habe, Fachgebiete in ihrer ganzen Komplexität abzubilden. Das sei unter anderem der Abrechenbarkeit der Leistungen geschuldet, räumt Bartmann ein.

„Jetzt soll die MWBO nur noch das abbilden, was ein Arzt zum Zeitpunkt seiner Facharztprüfung tatsächlich selbstständig erbringen kann. Und das ist nur eine Teilmenge des Gebiets“, sagt der Weiterbildungsexperte. Beispiel Radiologie: Dort habe sich als neues Verfahren die PET/CT etabliert, eine Kombination aus Positronenemissions- und Computertomografie. Das Verfahren sei aber längst noch nicht an jeder Weiterbildungsstätte verfügbar. „Man kann deshalb nicht verlangen, dass alle angehenden Radiologen es am Ende ihrer Weiterbildung beherrschen müssen. Aber kennen müssen sie es, weil es zum Erfahrungsschatz des Gebietes gehört“, sagt Bartmann.

Warum war überhaupt eine so umfassende Weiterbildungsreform notwendig? „Seit der letzten Novelle der MWBO im Jahr 2003 haben wir eine dramatische Veränderung in der Versorgungslandschaft erlebt“, erklärt Bartmann. Neben der klassischen Einzelpraxis prägten inzwischen gebietsübergreifende Berufsausübungsgemeinschaften die ambulante Versorgung, während in den Kliniken eine hochgradige Spezialisierung stattfinde. All dies müsse sich ebenso in der Weiter­bildungs­ordnung widerspiegeln wie der rasante medizinisch-technische Fortschritt. Ein weiteres Ziel der Weiterbildungsreform sei es zudem gewesen, mehr Flexibilität zu schaffen und beispielsweise auch eine berufsbegleitende Weiterbildung zu ermöglichen. Deshalb werde sich auch die Vermittlung von Weiterbildungsinhalten ändern. „Es wird sehr viel mehr Kursweiterbildungen und Simulationstrainings geben“, ist Bartmann überzeugt. Denn die Möglichkeit, von Beginn der Weiterbildung an bestimmte Fertigkeiten direkt am Patienten zu erlernen, sei unter anderem durch die Sozialgesetzgebung beschränkt. „Weiterbildung wird mehr als Weiterbildung erkennbar sein und nicht mehr primär Nebenprodukt der täglichen Arbeit als Arzt sein“, meint der Weiterbildungsexperte. Damit stiegen auch die didaktischen Anforderungen an die Weiterbilder.

Novelle einheitlich umsetzen

Stimmt der Ärztetag in Erfurt der MWBO-Novelle zu, kann der Reformprozess nach sechs Jahren abgeschlossen werden. Dass es so lange gedauert hat, sei auch auf die enge Abstimmung mit Fachgesellschaften, Berufsverbänden und Lan­des­ärz­te­kam­mern zurückzuführen, sagt Bartmann. Das Verfahren sollte sicherstellen, dass die Novelle in den Lan­des­ärz­te­kam­mern möglichst einheitlich umgesetzt wird.

Bartmann zufolge streben die Weiterbildungsgremien der BÄK an, die MWBO künftig regelmäßig – möglichst auf jedem Deutschen Ärztetag – an aktuelle Entwicklungen anzupassen. „Wir können es uns nicht erlauben, wie beim letzten Mal zehn Jahre oder mehr ins Land gehen zu lassen, bevor Fortschritte in der Medizin oder Neuerungen in der Versorgungsstruktur in der Weiter­bildungs­ordnung abgebildet werden“, meint Bartmann. Heike Korzilius

2003
Der 106. Deutsche Ärztetag in Köln beschließt nach jahrelangen Vorarbeiten eine grundlegende Novelle der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung.

2010
Der 113. Deutsche Ärztetag in Dresden fordert die Weiterbildungsgremien auf, eine modulare Weiterbildung zu erarbeiten.

2012
Der 115. Deutsche Ärztetag in Nürnberg erteilt den Weiterbildungsgremien den Auftrag, eine kompetenzbasierte MWBO zu entwickeln.

2017
Der 120. Deutsche Ärztetag in Freiburg entscheidet über Titel, Definition und Weiterbildungszeit der Fachgebiete.

2018
Der 121. Deutsche Ärztetag in Erfurt soll über die künftigen Zusatz-Weiterbildungen und die Voraussetzungen für deren Erwerb entscheiden.

2019
Der 122. Deutsche Ärztetag in Münster soll über das elektronische Logbuch abstimmen. Es wäre der Abschluss der Reform, die 2012 begann.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Themen:

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige