ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2018Intensivpflegemangel: Ein Desaster
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Ich habe 1985 als Bestabsolventin einer Medizinischen Fachschule (gleichzusetzen mit einem heutigen dualen Bachelorstudiengang) in der ehemaligen DDR die Berufserlaubnis zur examinierten Krankenschwester erworben. Als Bestabsolventin wurde mir die Möglichkeit eingeräumt, ab September 1985 Medizin zu studieren. Die politischen Veränderungen waren zu dieser Zeit nicht abzusehen; außerdem war die Arbeit als Krankenschwester verantwortungsvoll: mit den theoretischen Inhalten (Anatomie, Physiologie, Pathologie, Grundlagen aller klinischen Fächer … und in jedem Fach schriftliche/mündliche Prüfungen) kombiniert mit praktischer Ausbildung (einschließlich Lehrvisiten, in denen uns Patienten ihre Beschwerden schilderten und wir Diagnose, Therapie und Komplikationen diskutierten), waren wir befähigt, eigenverantwortlich zu arbeiten. Ich ... lehnte den Studienplatz ab. 1989 kamen die ... einschneidenden Veränderungen im Berufsbild der examinierten Krankenschwestern. ...

Mit dem Einigungsvertrag wurden die Fachschulabsolventen den „Facharbeitern Krankenpflege“ der Bundesrepublik gleichgestellt, die Facharbeiter für Krankenpflege aus der DDR wurden den Krankenpflegehelfern (1-jährige Ausbildung) der Bundesrepublik gleichgestellt und die Krankenpflegehelfer waren „ungelernt“.

Seitdem reduzierten sich die qualifizierten Tätigkeiten (pflegerechtlich: „Übernahme von delegierten ärztlichen Tätigkeiten“) der examinierten Krankenschwestern zusehends. ... Ich beobachtete den Verlust an Wertschätzung und, wenn man so will, an „Status“, den die gut ausgebildeten Krankenschwestern erlebten. Dies hatte zur Folge, dass viele meiner Kolleginnen und Kollegen ihren Beruf aufgegeben haben oder beispielsweise in die Schweiz, nach England, in die USA gegangen sind, um weiter der Ausbildung entsprechend arbeiten zu können. ... Seit dieser Zeit sind nun fast 30 Jahre ins Land gegangen, und bei kritischer Betrachtung der Absolventen der Krankenpflegeausbildung möchte ich mir nun auch nicht mehr vorstellen, dass deren Kompetenzen erweitert werden.

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Vielleicht gibt es vergleichbar mit den Veränderungen im Bereich der Erzieher eine unvoreingenommene Betrachtung der Ausbildungsinhalte und Versorgungsstrukturen in der DDR und eine mögliche Übertragung (Fachhochschulstudium, Neustrukturierung der Aufgabenfelder in der Patientenversorgung) auf die jetzigen Verhältnisse. Dabei ist es ... mit einer „Akademisierung“ der Pflege nicht getan. Pflegewirte und Absolventen von Pflegestudiengängen, die z. B. neue Pflegestandards entwickeln, gibt es meiner Meinung nach genug. Warum arbeitet jeder Chefarzt, jeder Oberarzt weiter in seinem Beruf und Pflegedienstleitungen entfernen sich zusehends von ihrem Grundberuf, bis sie als Mitglieder der Geschäftsleitungen nur noch in Effizienz und Zahlen denken und jeden Praxisbezug verlieren?

Es braucht wieder eine qualifizierte Ausbildung für Pflegekräfte, die auch in diesem Bereich arbeiten möchten, deren Arbeitsbereiche qualifizierte Tätigkeiten umfassten, die auch dementsprechend vergütet werden, gesellschaftlich anerkannt sind. ...

Als Richtwert für den Personalmangel beschreiben Sie ... die Anzahl der gesperrten Betten. Wenn jedoch ... die Geschäftsleitung eine Abmeldung beim Rettungsdienst unterbindet, sogar nach kürzester Zeit rückgängig macht, ist die Bettensperrung auf einer Intensivstation kein Maßstab für Personalmangel. Bei einer Intensivstation mit 15 Betten in der Zeit einer Grippewelle drei Pflegekräfte in einer Schicht zu beschäftigen, ist meiner Meinung nach für die Patienten gefährlich. Dies wird im Rahmen von Überlastungsanzeigen der Geschäftsleitung zur Kenntnis gegeben – ohne Konsequenz. In einigen Schichten kann man nur noch die Reanimationspflicht für seine Patienten abwenden. ... Die Privatisierung und erlösorientiertes Betreiben von Krankenhäusern ist ein Desaster! Neben der längst überfälligen Betrachtung von Langzeit-Outcome-Daten für Patienten nach intensivmedizinischen Behandlungen ist eine gesetzliche Regelung von Personalbesetzung (mit welcher Qualifikation) in der Pflege/Schicht dringend nötig. Dabei sollte beachtet werden, wie viele Patienten beatmet, hämofiltriert, dialysiert, keimbedingt isoliert werden. Politischer und gesellschaftlicher Wille ist gefragt! 

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