ArchivDÄ-TitelSupplement: PerspektivenDiabetologie 1/2018Diabetesrisiko: Mehr als zwei Jahrzehnte vorhersagen

Supplement: Perspektiven der Diabetologie

Diabetesrisiko: Mehr als zwei Jahrzehnte vorhersagen

Dtsch Arztebl 2018; 115(17): [28]; DOI: 10.3238/PersDia.2018.04.27.09

Eckert, Nadine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Bereits bis zu 25 Jahre vor dem Ausbruch eines Typ-2-Diabetes weisen winzige metabolische Anomalien auf das künftige Erkrankungsrisiko hin.

Erste Anzeichen einer drohenden Diabeteserkrankung sind schon sehr viel früher im Körper nachweisbar als bislang angenommen. Eine Arbeitsgruppe aus Schweden fand winzige Veränderungen verschiedener metabolischer Marker schon mehr als 20 Jahre vor der Diagnose eines Typ-2-Diabetes. Die gemessenen Auffälligkeiten waren dezent, bewegten sich alle noch im Referenzbereich, erwiesen sich aber als signifikant im Vergleich mit einer Kontrollgruppe, die später nicht an Diabetes erkrankte. Es ist nicht ganz neu, dass der Typ-2-Diabetes eine Erkrankung mit langjähriger Entwicklung ist. Am bekanntesten ist sicher die Whitehall Study, die zeigte, dass Typ-2-Diabetiker schon 13 Jahre vor der Diagnose der Erkrankung eine erhöhte Nüchternglukose aufweisen. Die Wissenschaftler um Håkan Malmström vom Karolinska-Institut in Stockholm haben die prädiabetische Beobachtungsperiode nun noch einmal deutlich erweitert.

Von 1985 bis 1996 wurden in einem Zentrallabor in Stockholm Blut- und Urinproben von Patienten aus allgemeinmedizinischen Praxen analysiert. Die Ergebnisse dieser Analysen wurden gespeichert, um sie künftigen Forschungsprojekten zur Verfügung zu stellen. Aus dieser Datenbank stammt die AMORIS- (Apolipoprotein-related-MOrtality-RISk-)Kohorte, die Malmström und seine Kollegen untersucht haben. Genau genommen umfasst die Studie 296 428 Personen, die bis Ende 2012 auf die Entstehung eines Typ-2-Diabetes hin nachbeobachtet wurden. Bei 28 244 Studienteilnehmern wurde in diesem Zeitraum ein Typ-2-Diabetes diagnostiziert. Insgesamt ergab sich ein mittleres 20-Jahres-Diabetesrisiko von 8,1 %.

Anzeige

Bei den Studienteilnehmern, die später einen Typ-2-Diabetes entwickelten, waren schon bei den ursprünglichen Laboruntersuchungen Nüchternglukose, Triglyzeride und Entzündungsmarker haarfein erhöht. Die Level an Apolipoprotein A1 (ApoA1) waren dagegen etwas niedriger als bei denjenigen, die später nicht an Typ-2-Diabetes erkrankten.

Nüchternglukose ist schon frühzeitig auffällig

Die Nüchternglukose war schon 25 Jahre vor der Diagnose bei den späteren Diabetespatienten höher als bei den Kontrollen. In den Folgejahren stieg sie sukzessive an und erreichte im Jahr vor der Diagnose einen Wert von im Mittel 106 mg/dl. Bei den Kontrollen lag sie im Mittel bei 90 mg/dl und zeigte einen weniger prägnanten Anstieg. Eine prädiabetische Nüchternglukose (100 mg/dl) war bei den Patienten im Schnitt 7 Jahre vor der Diagnose Diabetes zu beobachten. Auch die Fruktosaminwerte zeigten bereits lange vor der Diagnose Diabetes – genau genommen 15 Jahre zuvor – Unterschiede zwischen Patienten und Kontrollen. Je näher die Diabetesdiagnose rückte, desto größer wurde der Unterschied. Anders als bei den Patienten war bei den Kontrollen keine Zunahme von Fruktosaminen messbar.

Die Entzündungsmarker Haptoglobin und Harnsäure waren bei den Patienten 25 Jahre vor der Diagnose höher als bei den Kontrollen – und dieser Unterschied blieb im Zeitverlauf konstant. Bei den späteren Diabetespatienten waren im Vergleich zu den Kontrollen 25 Jahre vor der Diagnose außerdem ein höherer BMI, höhere Triglyzeride und eine höhere ApoB/A1-Rate zu beobachten. Diese Unterschiede nahmen im Laufe der Zeit nur leicht zu und pendelten sich schließlich auf einer Höhe ein. Das Gesamtcholesterin war bei den späteren Diabetespatienten etwas höher als bei den Kontrollen. Doch der Unterschied bei diesem Marker nahm ab, je näher die Diabetesdiagnose rückte.

Zusätzlich waren mehr als 20 Jahre vor der Diagnose des Typ-2-Diabetes bei den Patienten niedrigere ApoA1-Werte und niedrigere Triglyzerid-/ApoA1-Raten zu beobachten. Und diese Unterschiede zu den Kontrollen blieben auch beim Näherrücken des Diagnosezeitpunktes bestehen.

Risikoschätzungen für die nächsten 20 Jahre

Die lange Nachbeobachtungszeit erlaubte es den Wissenschaftlern, dass 20-Jahres-Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken, zu schätzen – auch abhängig von Geschlecht, Alter, BMI, Nüchternglukose und Triglyzeriden.

Sowohl bei Männern als auch bei Frauen ließ ein höherer BMI das geschätzte 20-Jahres-Risiko für Typ-2-Diabetes beträchtlich ansteigen. Triglyzeride ≥ 124 mg/dl verdoppelten das Risiko, und dies unabhängig von BMI und Nüchternglukose. Bei einem BMI < 25 kg/m2, Nüchterntriglyzeriden < 124 mg/dl und einer Nüchternglukose < 81 mg/dl betrug das geschätzte 20-Jahres-Risiko 2,2 % (95-%-KI 1,7–2,9) für Männer und 1,3 % (95-%-KI 1,0–1,8) für Frauen im Alter von 40–49 Jahren. Das entsprechende Risiko bei einem BMI ≥ 30 kg/m2, Nüchterntriglyzeriden ≥ 124 mg/dl und einer Nüchternglukose von 100–125 mg/dl betrug 63,5 % (95-%-KI 58,6–68,2) für Männer und 69,6 % (95-%-KI 61,8–76,5) für Frauen.

Basierend auf diesen Schätzungen hatten 15,8 % der Männer und 5,8 % der Frauen ein 20-Jahres-Risiko von 20 % oder höher.

Diese Schätzungen legten nahe, dass Erhöhungen der untersuchten Faktoren einen vergleichbaren Effekt auf das Diabetesrisiko von Männern und Frauen haben, resümieren die Wissenschaftler um Malmström. Sie könnten es ermöglichen, das Erkrankungsrisiko schon Jahrzehnte vor dem Ausbruch des Typ-2-Diabetes zu beurteilen.

DOI: 10.3238/PersDia.2018.04.27.09

Nadine Eckert

1.
Malmström H, Walldius G, Carlsson S, et al.: Elevations of metabolic risk factors 20 years or more before diagnosis of type 2 diabetes – experience from the AMORIS study. Diabetes Obes Metab 2018. doi: 10.1111/dom.13241 CrossRef
2.
Tabak AG, Jokela M, Akbaraly TN, et al.: Trajectories of glycaemia, insulin sensitivity, and insulin secretion before diagnosis of type 2 diabetes: an analysis from the Whitehall II study. Lancet 2009; 373 (9682): 2215–21 CrossRef
1.Malmström H, Walldius G, Carlsson S, et al.: Elevations of metabolic risk factors 20 years or more before diagnosis of type 2 diabetes – experience from the AMORIS study. Diabetes Obes Metab 2018. doi: 10.1111/dom.13241 CrossRef
2.Tabak AG, Jokela M, Akbaraly TN, et al.: Trajectories of glycaemia, insulin sensitivity, and insulin secretion before diagnosis of type 2 diabetes: an analysis from the Whitehall II study. Lancet 2009; 373 (9682): 2215–21 CrossRef

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema