ArchivDÄ-TitelSupplement: PerspektivenDiabetologie 1/2018Betablocker für Diabetespatienten: Neubewertung erforderlich

Supplement: Perspektiven der Diabetologie

Betablocker für Diabetespatienten: Neubewertung erforderlich

Dtsch Arztebl 2018; 115(17): [16]

Meyer, Rüdiger

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Betablocker, seit Jahrzehnten ein fester Bestandteil in der Behandlung von arterieller Hypertonie, koronarer Herzkrankheit, Herzinsuffizienz und Herzrhythmusstörungen, waren in einer Querschnittstudie bei Diabetikern mit einem erhöhten Sterberisiko assoziiert. Der Diabetologe Tsujimoto von der Universität Tokio hatte die Daten des US National Health and Nutrition Examination Survey 1999–2010 (eine Querschnittuntersuchung zum Gesundheitszustand der Bevölkerung) ausgewertet. Eine repräsentative Stichprobe wurde dabei medizinisch untersucht und ihre Medikation notiert.

Tsujimoto glich die Angaben mit den Sterberegistern ab. Dabei stellte sich heraus, dass Diabetiker, die mit Betablockern behandelt wurden, ein höheres Sterberisiko hatten als Diabetiker ohne diese Medikation. Die Hazard Ratio von 1,49 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall (95-%-KI) von 1,09–2,04 signifikant. Ein erhöhtes Risiko wurde auch für die kardioselektiven Beta-1-Blocker (Hazard Ratio 1,60; 95-%-KI 1,13–2,24) gefunden sowie für die einzelnen Wirkstoffe aus dieser Gruppe.

Querschnittstudien sind anfällig gegenüber Verzerrungen, ihre Beweiskraft wird viel geringer eingestuft als die von randomisierten Studien, in denen der Einsatz von Betablockern im ersten Jahr nach einem Herzinfarkt das Sterberisiko um 25 % gesenkt hatte, wie Messerli im Editorial schreibt. Dennoch sind die neuen Ergebnisse für den Schweizer Kardiologen ernüchternd. Er hält eine Neubewertung von Betablockern für erforderlich. Dafür gebe es zwei Gründe:

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Die moderne Reperfusionstherapie (PTCA und Stent) habe es in den 1990er-Jahren, als die Studien zum Nutzen der Betablocker durchgeführt wurden, noch nicht gegeben. Die Therapie begrenze die Ausdehnung des Infarktareals und verhindere Herzrhythmusstörungen, was den Nutzen der Betablocker einschränke, so Messerli. Zum anderen würden die Patienten heute neben einem Betablocker noch weitere Medikamente erhalten (ASS, neue Antikoagulanzien, Lipidsenker, RAAS-Hemmer), die den Nutzen der Betablocker weiter eingeschränkt hätten.

Der Zweifel an den Betablockern werde auch durch die Ergebnisse der ACCORD-Studie verstärkt, die für hypertone Diabetiker keinen Nutzen einer intensivierten Blutdrucksenkung auf unter 120 mmHg zeigen konnte (während die SPRINT-Studie diesen Nutzen für Nichtdiabetiker belegte).

Eine mögliche Erklärung für die Diskrepanz sieht der Editorialist in den Nebenwirkungen der Betablocker. Unter der Behandlung komme es häufiger zu einer Gewichtszunahme, die bei Diabetikern deutlich stärker ausfalle. Gewichtszunahme und die ungünstige Auswirkung von Betablockern könnten bei Patienten mit Typ-2-Diabetes den „kardioprotektiven“ Nutzen durch die Blockade der Stresshormone durchaus infrage stellen, meint Messerli. Zusammen mit Tsujimoto vertritt er die Ansicht, dass der Einsatz von Betablockern bei Menschen mit Diabetes dringend in neuen randomisierten klinischen Studien untersucht werden müsse. rme

Quelle: Tsujimoto T, et al.: Risk of All-Cause Mortality in Diabetic Patients Taking βBetablockers. Mayo Clinic Proceedings 2018; 93 (4): 409–18.

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