ArchivDÄ-TitelSupplement: PerspektivenDiabetologie 1/2018Diabetes und Pflege: Qualitätsoffensive gestartet

Supplement: Perspektiven der Diabetologie

Diabetes und Pflege: Qualitätsoffensive gestartet

Dtsch Arztebl 2018; 115(17): [22]; DOI: 10.3238/PersDia.2018.04.27.06

Zeyfang, Rom Andrej; Wernecke, Jürgen

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Um den Mangel an spezialisierten Pflegekräften zu beheben, hat die Fachgesellschaft das Thema „Pflege und Diabetesausbildung“ als 3. Säule ihrer Kernaufgaben benannt. Erstmals wird bundesweit ein entsprechendes Basisausbildungsprogramm angeboten.

Ein großer Teil älterer Menschen kann bis ins hohe Lebensalter selbstständig leben. Unter den Diabetespatienten finden sich wegen Multimorbidität (Folge- und Begleiterkrankungen) sowie durch frühzeitiges Auftreten von Einschränkungen und Behinderungen (geriatrischen Syndromen) immer häufiger Menschen, die auf professionelle Unterstützung angewiesen sind. Bei einer Diabetesprävalenz von etwa 30 % sind schätzungsweise knapp 630 000 Pflegebedürftige mit einem Diabetes häuslich zu versorgen; davon werden 420 000 durch Angehörige und etwa 210 000 durch einen ambulanten Pflegedienst betreut. Im Pflegeheim rechnen wir mit etwa 230 000 Bewohnern, die an einem Diabetes mellitus leiden.

Doch immer mehr Älteren steht eine sinkende Anzahl an Pflegekräften gegenüber. So geht der Bundesverband privater Pflegeanbieter aktuell von 250 000 fehlenden Vollzeitkräften aus. Dieser eklatante Mangel trifft auf ein krasses Ausbildungsdefizit des Pflegepersonals zu Diabetes mellitus. Über die Hälfte aller Altenpflegekräfte wissen nicht, wie sie im Fall einer schweren Hypoglykämie reagieren sollten.

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Es ist zu vermuten, dass auch die Pflegekräfte in Kliniken ohne Diabetes-Fachabteilung ein ähnliches Ausbildungsdefizit wie die Altenpflegekräfte aufweisen. Ein wesentlicher Teil der stationären Notaufnahmen wird durch Über- oder Unterdosierung von Diabetesmedikamenten bei älteren Menschen verursacht. Dabei spielen Fehler in der Selbsttherapie eine wichtige Rolle.

Da sich der wachsende Bedarf an Pflegekräften allenfalls mittelfristig durch wirksame Anreizsysteme decken lässt, bleibt als kurzfristige Möglichkeit nur eine schnelle, strukturierte, flächendeckende und hochwertige Verbesserung der Pflegeausbildung in Bezug auf Diabetes mellitus. Deshalb hat sich die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) neben der Patientenschulung und der Versorgung von Menschen mit diabetischem Fußsyndrom als „3. Säule“ ihrer Aufgaben das Thema Pflege und Diabetesausbildung gesetzt.

Auch im Vorgriff auf eine generalistische Pflegeausbildung wurde für examinierte Alten- und Klinikpflegekräfte – neben einem bereits existenten 180-stündigen Langzeitausbildungsprogramm Diabetes-Pflege – 2017 auch ein 16-stündiges Basisausbildungsprogramm Diabetes-Pflege von der DDG in Auftrag gegeben, das bundesweit flächendeckend eingesetzt werden soll.

Ausbildungsinhalte

Ausbildungsinhalte sind neben den klassischen Diabetesthemen die Besonderheiten von älteren Diabetes-patienten. Dabei fokussiert das Ausbildungsprogramm auf die Erfassung und Therapie der geriatrischen Syndrome und die Kenntnis ihrer Wechselwirkung mit einem Diabetes mellitus.

Neben dem bei Diabetes erhöhten Risiko für eine demenzielle Entwicklung ist das geriatrische Syndrom der Gebrechlichkeit (engl. „frailty“) in den Fokus der Forschung geraten: Menschen mit Frailty weisen eine deutlich erhöhte Sterblichkeit gegenüber Menschen ohne Frailty auf; in einer Studie war die Mortalität von Patienten mit Frailty nach einem kardiochirurgischen Eingriff noch während des stationären Aufenthalts um das Dreifache erhöht – und nach 12 Monaten immer noch um das Doppelte.

Gebrechlichkeit

Menschen mit Diabetes zeigen wiederum ein deutlich erhöhtes Risiko, an Frailty zu erkranken: Die pathophysiologischen Zusammenhänge zwischen Frailty, Sarkopenie (Muskelarmut), Insulinresistenz und Mangelernährung werden immer deutlicher. Entsprechend ist die verminderte Muskelkraft bei Diabetespatienten deutlich ausgeprägter. Effektivster Therapieansatz für dieses Syndrom scheint die Bewegungstherapie zu sein, die ja gleichzeitig auch Basistherapie bei Typ-2-Diabetes ist.

Auch in der Pflege ist das frühzeitige Erkennen geriatrischer Syndrome wichtig, um die Patienten vor weiteren Folgeschäden wie Sturz und Frakturen zu bewahren und sie rechtzeitig einer effektiven Therapie zuführen zu können. Die zugrunde liegenden funktionellen, somatischen und psychosozialen Einschränkungen können durch ein geriatrisches Assessment erfasst werden.

Funktionsuntersuchungen

Unter geriatrischem Assessment versteht man eine Batterie von Funktionsuntersuchungen, mit denen die Ressourcen/Defizite von älteren Patienten quantifiziert werden können. Nicht alle der mehreren Hundert Testverfahren sind dabei von Relevanz für Menschen mit Diabetes. Wichtig sind jedoch Assessmentuntersuchungen zu Kognition, Affekt, Mobilität und Sturzgefahr, Gebrechlichkeit, Ernährungszustand sowie Performancetestungen der eigenständigen Blutzuckermessung oder Insulininjektion.

Assessmentuntersuchungen sind dabei kein Selbstzweck, sondern dienen der Verbesserung der Diagnostik sowie der Therapieplanung und der Sicherheit des Patienten bei der Diabetestherapie. Um den beschriebenen Ausbildungsaufwand und die dadurch zusätzliche Qualität auch in Kliniken ohne Diabetesfachabteilungen nach außen hin deutlich zu machen, gibt es bereits das Zertifikat „Klinik für Diabetespatienten geeignet (DDG)“.

Noch gibt es nur wenig DDG-diabeteszertifizierte ambulante Pflegedienste und noch keine stationären Pflegeeinrichtungen, die ihre Pflegekräfte besonders ausbilden, um ältere Menschen mit Diabetes besser als bisher zu versorgen. In Anbetracht der Besonderheiten und entsprechend der komplexen Versorgung wäre es wünschenswert, dass sich mehr und flächendeckend Pflegeeinrichtungen bezüglich ihrer Diabeteskompetenz auszeichnen können.

All diese Anstrengungen und Zertifikate haben allerdings nur eine Langzeitwirkung, wenn auch die Kostenträger diese Qualitätssteigerungen anerkennen, diese einfordern oder in anderer adäquater Weise honorieren. Die Notwendigkeiten und Möglichkeiten einer besseren Diabetesausbildung auch für die vielen pflegenden Angehörigen sind dabei noch gar nicht erfasst, geschweige denn in strukturierter Weise angegangen. Um auch hier einen Wandel zu vollziehen und die bestehenden Ansätze zeitnah und bundesweit umsetzen zu können, ist auch die breite Anschubunterstützung und Förderung durch die Gesundheitspolitik vonnöten.

Fazit

  • Bei derzeit schon etwa 900 000 pflegebedürftigen Menschen mit Diabetes mellitus muss in den nächsten Jahren von einer weiteren, deutlichen Steigerung ausgegangen werden.
  • Aktuell fehlen laut BPA schon circa 250 000 Vollzeitkräfte in der Pflege; auch hier ist mit einer kräftigen Bedarfssteigerung zu rechnen.
  • Es besteht ein erhebliches Ausbildungsdefizit in der Pflege.
  • Bundesweit noch nicht umgesetzt sind neuere Inhalte der Pflegeausbildung wie differenzierte Stoffwechselziele, geriatrische Syndrome und Assessmentverfahren, um die Ressourcen und Defizite des älteren Menschen mit Diabetes zu objektivieren.
  • Da sich die Zahl der pflegebedürftigen Menschen mit Diabetes mellitus, wenn überhaupt, nur langfristig mindern lässt, die Zahl der Pflegekräfte allenfalls mittelfristig zu beeinflussen ist, muss kurzfristig in eine bessere Pflegeausbildung zum Thema Diabetes mellitus investiert werden.
  • Die DDG hat deswegen das Thema Pflege und Diabetesausbildung als 3. Säule ihrer Kernaufgaben benannt.
  • Zu der schon bestehenden Langzeitausbildung Diabetes-Pflege wird aktuell erstmals bundesweit ein Basisausbildungsprogramm Diabetes-Pflege angeboten.
  • Der Erfolg dieser Qualitätsoffensive hängt stark von der Unterstützung und Einforderung durch Kostenträger und Gesundheitspolitik ab.

DOI: 10.3238/PersDia.2018.04.27.06

Priv.-Doz. Dr. med. Dr. Univ. Rom Andrej Zeyfang

AG Geriatrie und Pflege der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG),
AG Diabetes der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG),
medius KLINIK OSTFILDERN-RUIT, Klinik für Innere Medizin,
Altersmedizin und Palliativmedizin

Dr. med. Jürgen Wernecke

AG Geriatrie und Pflege der DDG, Chefarzt Medizinisch-Geriatrische Klinik und Klinik für Diabetologie am AGAPLESION Diakonieklinikum Hamburg

Interessenkonflikt: Dr. Wernecke erhielt Vortragshonorare von den Firmen Novo Nordisk, Lilly, Novartis, Sanofi, Aventis, Chiesi und MSD. PD Dr. Zeyfang erhielt Vortragshonorare sowie Kongressgebührenertattungen von der Firma Berlin-Chemie.

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