ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2018NS-Eponyme: Diskussion ist zu begrüßen
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Wenn wir über NS-Eponyme diskutieren, wäre es hilfreich, sich noch einmal konkrete Beispiele vor Augen zu führen, worüber wir sprechen:

  • Hans Eppinger hat im Konzentrationslager Dachau mit Wilhelm Beiglböck die sogenannte „Meerwasserversuche“ durchgeführt, bei denen Sinti und Roma erst dursten mussten und dann gezwungen wurden, große Mengen Salzwasser zu trinken. Überlebende dieser Versuche wurden getötet, um die Experimente zu verschleiern.
  • Der bereits vom Autor erwähnte Julius Hallervorden ist bei der Ermordung zahlreicher Kinder, mit deren Gehirnen er später experimentierte, persönlich anwesend gewesen.
  • Hans Reiter war als Präsident des Reichsgesundheitsamtes und anderer Gremien eine zentrale Figur der nationalsozialistisch pervertierten Medizin mit „Rassenhygiene“, Zwangssterilisationen und „Euthanasie“.

Das Argument, man müsste dann ja auch andere Eponyme tilgen, weil Robert Koch und andere auch Versuche unternommen hätten, die heutigen ethischen Standards nicht entsprächen, klingt für mich nach einer klassischen Relativierung der medizinischen Verbrechen im Nationalsozialismus. Die in diesem Zusammenhang geäußerte Ablehnung, „sich moralisch über einstige Ärzte zu erheben“ ist meines Erachtens zudem missverständlich. Sich moralisch über diejenigen verbrecherischen Ärzte im Nationalsozialismus zu erheben, die nachweislich nicht nur Mitläufer und Profiteure, sondern Täter mit Handlungshoheit waren, ist doch nicht gleichbedeutend mit einer gefährlich naiven Haltung, wir seien heute vor ähnlichen Gräueln gefeit! Vielmehr schuf die moralische Erhebung über diese Taten die modernen ethischen Kodizes, die für unseren Berufsstand gelten.

Die Diskussion über NS-Eponyme ist sehr zu begrüßen. Aber sie kann nur dann der Erinnerung dienen, wenn sie so konkret und differenziert wie möglich geführt wird.

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Dr. med. Oliver Berthold, 13359 Berlin

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