ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2018EU-Kommission: Kampf gegen Impfskepsis

POLITIK

EU-Kommission: Kampf gegen Impfskepsis

Dtsch Arztebl 2018; 115(18): A-857 / B-728 / C-728

Korzilius, Heike

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Die Europäische Kommission will der Impfskepsis der Europäer entgegenwirken und die Impfbereitschaft fördern. Dazu will sie dem Rat der Mitgliedstaaten in Kürze Empfehlungen vorlegen.

Impfmüdigkeit in Europa: 45 Prozent der Franzosen und zehn Prozent der Deutschen stehen Impfungen skeptisch gegenüber. Foto: picture alliance
Impfmüdigkeit in Europa: 45 Prozent der Franzosen und zehn Prozent der Deutschen stehen Impfungen skeptisch gegenüber. Foto: picture alliance

Mehr als 14 800 Menschen erkrankten zwischen März 2017 und Februar 2018 in der Europäischen Union (EU) an Masern. 85 Prozent der Erkrankten, deren Impfstatus bekannt war, waren nicht geimpft. 60 Menschen starben. Das sind aktuelle Zahlen des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten, die die Europäische Kommission zum Handeln veranlassen. Um der Impfskepsis vieler Europäer entgegenzuwirken und die Impfquoten in den Mitgliedstaaten zu erhöhen, hat die Kommission am 26. April in Brüssel und Berlin eine Reihe von Empfehlungen vorgelegt. So schlägt sie unter anderem vor, bis 2019 ein europäisches Informationsportal zum Thema Impfen einzurichten, das die wissenschaftlichen Erkenntnisse über Nutzen und Sicherheit von Impfstoffen aufbereitet. Damit könne man auch Fehlinformationen von Impfgegnern entgegentreten und die Impfbereitschaft der Bevölkerung fördern, sagte Michael Sulzner, Experte für Impfschutz bei der Generaldirektion Gesundheit der EU-Kommission, in Berlin.

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Gesundheitsberufe schulen

Sulzner zufolge sollen insbesondere die Angehörigen der Gesundheitsberufe geschult werden, damit sie die Bevölkerung fachkundig über Impfungen beraten können, „denn sie haben das Vertrauen ihrer Patientinnen und Patienten“, so der EU-Beamte. Die Kommission schlage deshalb vor, dass sich die europäischen Verbände der Gesundheitsberufe in einer Impfkoalition zusammenschließen.

Über ein europäisches Informationsaustauschsystem will die EU-Kommission Impfdaten sammeln und auswerten. Auf dieser Basis könnten dann unter Federführung der Mitgliedstaaten Leitlinien für einen einheitlichen Impfkalender entwickelt werden, der Angaben über Impfdosen und das Lebensalter der zu impfenden Personen enthalten soll. In diesem Zusammenhang regt die Brüsseler Behörde auch einen einheitlichen Impfpass für alle EU-Bürger an. Außerdem empfiehlt die Kommission, ein europäisches Register über Impfstoffbestände und -bedarf zu schaffen. Damit soll dem Risiko von Versorgungsengpässen entgegengewirkt werden.

Die Kommission wolle ihre Empfehlungen noch im ersten Halbjahr den Mitgliedstaaten zur Beratung vorlegen, erklärte Sulzner. Zur Finanzierung der vorgeschlagenen Maßnahmen stehen Mittel aus dem Europäischen Sozialfonds und dem Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung bereit.

Flankierend wird mit 3,5 Millionen Euro aus dem europäischen Gesundheitsprogramm ab Herbst 2018 für drei Jahre eine gemeinsame Aktion für Impfungen gefördert. 20 Staaten, darunter Deutschland, beteiligten sich, erklärte Sulzner. Ziel sei es auch hier, die Impfbereitschaft zu fördern. Außerdem soll die technische Infrastruktur dafür geschaffen werden, dass die Impfkommissionen der Mitgliedstaaten ihre Empfehlungen besser aufeinander abstimmen können.

Fehlendes Risikobewusstsein

„In der Bevölkerung ist das Bewusstsein für die Risiken von Infektionskrankheiten verloren gegangen“, sagte Sulzner. Dazu kämen Missverständnisse über den Nutzen von Impfungen, auch bei medizinischem Personal. „Zudem wird der Nutzen von Impfungen, der über den individuellen hinausgeht, nicht verstanden. Zurzeit exportiert die EU Masern“, warnte der EU-Beamte.

„Impfungen sind eine der wirksamsten und kostengünstigsten Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit“, betonte EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis bei der Vorstellung der Empfehlungen in Brüssel. Infektionskrankheiten machten nicht an Ländergrenzen halt. Wenn die Menschen in einem Land nicht ausreichend immunisiert seien, bedeute dies eine Gefahr für die gesamte EU. Ein gemeinsames europäisches Vorgehen sei deshalb sinnvoll, so Andriukaitis. Heike Korzilius

5 Fragen an EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis im Internet:
www.aerzteblatt.de/n94701
oder über QR-Code.

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