ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2018Pädophilie: Kassen zahlen für Prävention

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Pädophilie: Kassen zahlen für Prävention

Dtsch Arztebl 2018; 115(18): A-858 / B-729 / C-729

Gießelmann, Kathrin

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Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen seit Anfang 2018 die Kosten für die Therapie im Netzwerk „Kein Täter werden“. Das Präventionsprojekt bietet pädophilen Menschen anonym Hilfe. Ein neues Onlineangebot ermöglicht zudem seit letzter Woche niedrigschwelligen Zugang.

„Liebe kennt kein Tabu. Diese schon. Sprich über das, was dich anspricht!“ Mit diesem Slogan will ein neuer Werbespot jene ermutigen, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen, therapeutische Hilfe aufzusuchen. Foto: YouTube Screenshot

Der Gesetzgeber hat den Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen für die Dauer von fünf Jahren damit beauftragt, Modellvorhaben zur anonymen Behandlung pädophiler Menschen zu finanzieren. Die Kassen zahlen mit 2 000 Euro pro Patienten und pro Quartal die Therapie im Rahmen des Dunkelfeldprojekts „Kein Täter werden“ und die im Berliner Präventionsprojekt „Du träumst von ihnen“, das sich speziell an Jugendliche richtet. Damit ist das anonyme Therapieangebot als Gesundheitsleistung anerkannt. Vor allem für Betroffene sei dies ein wichtiges Signal, sagte Prof. Dr. med. Tilmann Krüger, stellvertretender Sprecher des Präventionsnetzwerks und Sexualmediziner an der Medizinischen Hochschule Hannover: „Unsere Untersuchungen zeigen, dass pädophile Menschen oftmals ernst zu nehmende psychische Begleiterkrankungen haben.“

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Ziel des Präventionsprojektes ist es, Menschen, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen, therapeutische Unterstützung im Umgang mit ihrer sexuellen Präferenz zu bieten. Damit sollen Sexualstraftaten an Kindern sowie die Nutzung von Kinderpornografie verhindert werden. Konservativen Schätzungen zufolge fühlen sich in Deutschland etwa 250 000 Männer sexuell zu Kindern hingezogen. Ein eher kleiner Teil davon, mehr als 7 000 Menschen, hatte sich schon im September 2016 an das Netzwerk gewandt. Inzwischen ist die Zahl auf 9 515 gestiegen. 2 894 Personen stellten sich an einem der zwölf Standorte zur Diagnostik und Beratung vor, 1 554 von ihnen konnte ein Therapieangebot gemacht werden. 925 Teilnehmer haben seitdem die Therapie begonnen und 360 erfolgreich abgeschlossen. 345 befinden sich aktuell in einzel- und gruppentherapeutischer Behandlung, rund 90 nehmen am Angebot der Nachsorge teil.

Niedrigschwelliger Zugang

Um noch mehr Menschen zu erreichen, bietet das neue Onlineselbsthilfeprogramm „Troubled Desire“ einen niedrigschwelligen Zugang für all jene, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen. Das Netzwerk präsentierte letzte Woche zudem neue Daten einer Berliner Nachuntersuchung von 56 Teilnehmern des Präventionsprojekts. Diese zeigten, dass nahezu alle Teilnehmer (98 Prozent) eine nachhaltige Verhaltenskontrolle aufbauen konnten. Ein Teilnehmer war trotz Therapie rückfällig geworden. „Es ist uns gelungen, sexuellen Kindesmissbrauch zu verhindern. Bestätigt wird damit die erste Evaluation des Projektes. Danach sei das Behandlungsprogramm geeignet, Risikofaktoren für sexuellen Kindesmissbrauch zu verringern, um bei den Betroffenen eine Verhaltenskontrolle aufzubauen“, berichtete Prof. Dr. med. Klaus M. Beier, Sprecher des Netzwerks „Kein Täter werden“ und Leiter des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité – Universitätsmedizin Berlin .

Neu ist auch ein im Januar gegründeter wissenschaftlicher Beirat des Präventionsnetzwerks. Dessen Sprecherin Monika Egli-Alge betonte den Mangel an entsprechend ausgebildeten Therapeuten. Die Stigmatisierung der Betroffenen sei unter Therapeuten fast so hoch wie in der Allgemeinbevölkerung, sagte die Geschäftsführerin des Forensischen Instituts Ostschweiz, einer Fachstelle für Pädophile.

Mit zwei neuen Werbespots wendet sich das Netzwerk jetzt insbesondere an Pädophile zwischen 18 und 35 Jahren. Mit dem Slogan „Sprich über das, was dich anspricht!“ greift der Werbespot das Bedürfnis pädophiler Menschen nach Bindung und Akzeptanz auf und ermutigt dazu, therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Werbespots werden deutschlandweit in 28 Kinos gezeigt. Bisher haben ausschließlich private TV-Sender einer Ausstrahlung zugesagt, sagte der Pressesprecher des Netzwerks, Jens Wagner. Kathrin Gießelmann

https://troubled-desire.com

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