ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2018Postmenopause: Normalgewichtige Frauen könnten adipös sein

MEDIZINREPORT

Postmenopause: Normalgewichtige Frauen könnten adipös sein

Dtsch Arztebl 2018; 115(18): A-867 / B-737 / C-743

Eckert, Nadine

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Eine aktuelle Studie unterstreicht die Grenzen des BMI zur Definition von Fettleibigkeit.

Der Body-mass-index (BMI) ist ein weit verbreiteter Indikator für den Adipositasstatus in der klinischen Praxis und in der Bevölkerungsgesundheitsforschung. Es bestehen jedoch Bedenken hinsichtlich der Validität des BMI als Maß für Fettleibigkeit bei postmenopausalen Frauen. Eine neue Studie aus den USA (1) zeigt, dass der BMI-Grenzwert von 25 kg/m2, ab dem Menschen als übergewichtig gelten, für Frauen nach der Menopause möglicherweise nicht niedrig genug angesetzt ist.

Mit den derzeit gültigen BMI-Grenzwerten gelingt es demnach nicht, diejenigen postmenopausalen Frauen zu erfassen, die ihrem Körperfettanteil zufolge adipös sind, geschweige denn diejenigen, die danach übergewichtig sind. Um postmenopausale Frauen, die für adipositasbedingte Erkrankungen gefährdet sind, besser identifizieren zu können, müsste der Grenzwert für Adipositas drastisch gesenkt werden – möglicherweise bis auf 24,9 kg/m2, der bisherigen Obergrenze des normalen BMI-Bereiches in der Allgemeinbevölkerung, schreiben die Studienautoren von der University at Buffalo, The State University of New York.

Sie untersuchten für ihre Studie die Körperzusammensetzung von 1 329 postmenopausalen Frauen im Alter von 53–85 Jahren per Ganzkörper-Dual-Röntgen-Absorptiometrie. Adipositas war definiert als ein BMI ≥ 30 kg/m2 oder eine Körperfettanteil > 35 %, 38 % oder 40 %. Die Mediziner testeten 3 verschiedene Grenzwerte für den Körperfettanteil, da keine Einigkeit herrsche, welcher Körperfettanteil zur Definition von Adipositas verwendet werden sollte, wie sie in ihrem Artikel in „Menopause“ berichten.

Die Dual-Röntgen-Absorptiometrie-Messungen zeigten, dass die meisten Frauen, deren Körperfettanteil über 35 % lag – die also adipös waren und ein höheres Risiko für adipositasbedingte Gesundheitsprobleme hatten – einen BMI unter 30 kg/m2 aufwiesen. Nur 32,4 % der Frauen mit 35 % Körperfett, 44,6 % der Frauen mit 38 % Körperfett und 55,2 % der Frauen mit 40 % Körperfett hatten einen BMI über 35 kg/m2. Die Autoren schlussfolgern, dass ein BMI-Schnittpunkt von 30 kg/m2 kein geeigneter Indikator für den Körperfettstatus bei postmenopausalen Frauen zu sein scheint. Nadine Eckert

3 Fragen an . . .

Prof. Dr. oec. troph. Dr. med. Anja Bosy-Westphal, Leiterin des Institutes für Humanernährung und Lebensmittelkunde, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Wie beurteilen Sie den Vorschlag der Autoren, den BMI-Grenzwert für postmenopausale Frauen auf 24,9 kg/m2 zu senken?

Die Körperzusammensetzung, also eine niedrige Knochenmasse und hohe Fettmasse, sowie die Zunahme des viszeralen Risikofettgewebes in der Menopause lassen sich durch eine Senkung der BMI-Grenzwerte nicht diagnostizieren. Der BMI ist als größenadjustierter Gewichtsindex lediglich auf der Populationsebene ein Maß für die Körperfettmasse. Im Einzelfall bleibt der BMI ungenau.

Bei gleichem BMI haben postmenopausale im Gegensatz zu jungen Frauen eine höhere Körperfettmasse, mehr viszerales Fettgewebe und eine geringere Knochendichte. Die Veränderungen der Körperzusammensetzung im Zuge der Menopause und generell mit steigendem Alter treten auch unabhängig von Veränderungen des Körpergewichts auf und werden durch den BMI daher nicht erfasst. Daran ändert auch ein niedrigerer Grenzwert nichts.

Ist der BMI bei alternden Männern ein zuverlässigeres Maß?

Bei beiden Geschlechtern wird die Körperzusammensetzung durch endokrine Faktoren beeinflusst. Bei Frauen führen ein Mangel an Östrogenen und ein Überschuss an Androgenen zu vermehrtem viszeralen Fett und bei Männern ein Mangel an Androgenen und ein Überschuss an Östrogenen. Letzterer wird sowohl physiologisch durch das Alter als auch durch Adipositas begünstigt. Die Abnahme des Testosteronspiegels beim Mann führt darüber hinaus auch zu einer beschleunigten Abnahme der Muskelmasse im Alter. Diese altersabhängigen Veränderungen der Körperzusammensetzung (d. h. Anstieg des Körperfettes und Abnahme der Muskelmasse) werden auch beim Mann nicht durch den BMI erfasst, da sie unabhängig von Gewichtsveränderungen sind.

Welche Parameter empfehlen Sie, um ein erhöhtes Risiko für adipositasbedingte Erkrankungen zu beurteilen?

Der Körperfettanteil ist für das kardiometabolische Risiko, also für Herzinfarkt, Schlaganfall und Diabetes Typ 2, nicht so entscheidend; es gibt bislang auch keinen allgemein akzeptierten Grenzwert für den Körperfettanteil, zumal dieser im Laufe des Lebens physiologischerweise ansteigt. Der Taillenumfang ist ein Indikator für die Körperfettverteilung und spiegelt eine erhöhte abdominale Fettmasse wider. Er sollte zusammen mit dem Triglyzeridspiegel interpretiert werden. Sind beide Werte erhöht, so ist dies ein Indikator für ein erhöhtes viszerales Risikofettgewebe, welches auch mit einem erhöhten Leberfettgehalt korreliert.

1.
Banack HR, Wactawski-Wende J, Hovey KM, et al.: Is BMI a valid measure of obesity in postmenopausal women? Menopause 2018 Mar; 25 (3): 307–13 MEDLINE
1.Banack HR, Wactawski-Wende J, Hovey KM, et al.: Is BMI a valid measure of obesity in postmenopausal women? Menopause 2018 Mar; 25 (3): 307–13 MEDLINE

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