ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2018Merkel-Zellkarzinom: Avelumab ist ein neuer Standard

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Merkel-Zellkarzinom: Avelumab ist ein neuer Standard

Dtsch Arztebl 2018; 115(18): A-875

Siegmund-Schultze, Nicola

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Das Merkel-Zellkarzinom, ein neuroendokriner Tumor der Haut, hat vor allem im fortgeschrittenen Stadium eine schlechte Prognose. Nun ist ein Checkpointinhibitor für diese Indikation zugelassen.

Rötliche oder violett-bläuliche Erhebungen der Haut mit weicher Konsistenz, spitz zulaufend und sich rasch vergrößernd: So manifestieren sich im Allgemeinen Merkel-Zellkarzinome. Es sind seltene, neuroendokrine Tumoren der Haut. Circa 2 500 Menschen erkranken jährlich in Europa. Die Inzidenz liegt bei 0,4/100 000 Menschen im Jahr, aber sie nimmt stetig zu, so der Dermatologe und Onkologe Prof. Dr. med. Dirk Schadendorf vom Universitätsklinikum Essen.

Der Tumor ist selten, aber die Inzidenz nimmt stetig zu

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UV-Licht und das Merkel-Zell-Polyomavirus (MCPy V) haben große Bedeutung bei der Onkogenese. Das Virus kann sich bei immunsupprimierten Menschen besser replizieren. Circa 80 % der Merkel-Zellkarzinome sind mit diesem Virus assoziiert. Bei Menschen mit chronisch geschwächtem Immunsystem beträgt die Inzidenz für den Tumor 12/100 000.

„Die therapeutischen Optionen beim Merkel-Zellkarzinom sind unbefriedigend“, erläuterte Schadendorf bei einer Veranstaltung der Unternehmen Pfizer/Merck in Corsier-sur-Vevey, Schweiz. Die Exzision des Primärtumors, Radio- und Chemotherapie seien die üblichen Behandlungsformen, aber die Rate an Rezidiven sei hoch. „Vor allem bei systemischen Behandlungen besteht dringender Bedarf für neue, effektive Substanzen“, sagt Schadendorf. Zytostatika würden zwar angewendet, da der Tumor chemosensibel sei. „Aber mehr als die Hälfte haben nach 2–3 Monaten einen Progress“, so Schadendorf. „Ein positives Nutzen-Risiko-Verhältnis von Zytostatika oder eine Verbessserung des Überlebens ist nicht durch prospektive Studien belegt, es gibt für Zytostatika keine Standards.“

Im vergangenen Jahr ist der monoklonale IgG1-Antikörper Avelumab von der Europäischen Kommission zugelassen worden, als erste Substanz zur systemischen Behandlung des metastasierten Merkel-Zellkarzinoms (MCC). Patienten müssen zuvor mindestens eine Chemotherapie erhalten haben. Avelumab, ein humaner IgG1-Antikörper, bindet an PD-L1. Das Protein ist Bestandteil eines Netzwerks immunsupprimierender Signalwege und wird sowohl auf MCC-Zellen als auch auf solchen in der Nachbarschaft des Tumors exprimiert. Über solche hemmenden Proteine schützen sich viele Malignome vor der immunologischen Kontrolle.

Avelumab und andere Checkpointinhibitoren stellen die Reaktivität des Immunsystems wieder her. „Wir haben das Merkel-Zellkarzinom als Modelltumor für die klinische Entwicklung von Avelumab gewählt, weil die Entstehung des Tumors mit Immunsuppression assoziiert ist und Patienten mit Immunzell-infiltraten im MCC oder der Umgebung eine deutlich bessere Prognose haben als Patienten ohne Infiltrate“, erläuterte Dr. Kevin Chin, Vizepräsident Global Clinical Development, Immunooncology, bei Merck.

Basis der Zulassung von Avelumab war die Phase-2-Studie JAVELIN Merkel 200, multizentrisch, einarmig und offen. 88 Patienten mit metastasierendem MCC (Stadium IV), deren Krankheit nach mindestens einer Chemotherapie fortgeschritten war, nahmen teil. Sie erhielten Avelumab 10 mg/kg alle 2 Wochen bis zur Progression oder inakzeptablen Toxizität. Primärer Endpunkt war die Rate des Ansprechens nach RECIST-Kriterien.

28 Teilnehmer (31,8 %) sprachen nach 6 Monaten an, darunter 8 komplett (9,1 %) und 20 partiell (22,7 %). Nach 12 Monaten lag das komplette Ansprechen bei 11,4 % und das partielle bei 21,6 %, bei 36,4 % gab es einen Progress. Bei 71 % der Responder hielt das Ansprechen mindestens 12 Monate an. Das mediane Gesamtüberleben betrug 12,9 Monate. 40 % der Teilnehmer lebten noch nach 18 Monaten, 29 % der Gesamtgruppe progressionsfrei.

Sowohl virus- als auch lichtinduzierte Tumoren sprächen auf Checkpointinhibitoren an, erläuterte Schadendorf. Auch Pembrolizumab habe sich als effektiv erwiesen. Es zeichne sich ab, dass die Substanz auch in der Erstlinie sinnvoll einzusetzen sei, entsprechende Studiendaten würden noch in diesem Jahr erwartet.

Die Checkpointinhibition ist die beste Option in späten Stadien

Avelumab sei im Allgemeinen gut verträglich. Es gab keine therapieassoziierten Nebenwirkungen von Grad 4 oder 5. „Die Checkpointinhibition ist die beste Option bei fortgeschrittenem Merkzelzellkarzinom“, sagte Schadendorf. Avelumab sei ein neuer Standard.

Avelumab wird derzeit bei 15 Tumorentitäten klinisch erprobt. Seit 2014 arbeiten Merck und Pfizer in einer Allianz auf dem Gebiet der Immunonkologie zusammen. Die Produktionsstätte für Avelumab und andere Biopharmazeutika liegt in Corsier-sur-Vevey.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

Quelle: „Exploring the Immuno-Oncology Landscape with the Pfizer-Merck Alliance“. Corsier-sur-Vevey, Januar 2018. Veranstalter: Pfizer, Merck

1.
Kaufman HL, Russel J, Hami O, et al.: Lancet Oncol 2016; 17: 1374–85 CrossRef
1.Kaufman HL, Russel J, Hami O, et al.: Lancet Oncol 2016; 17: 1374–85 CrossRef

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