ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2018Liebe in der Psychotherapie: Heilsame Nähe mit klaren Grenzen

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Liebe in der Psychotherapie: Heilsame Nähe mit klaren Grenzen

Dtsch Arztebl 2018; 115(18): A-884

Moser, Tilmann

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Wenn zwei Liebhaber und ausgewiesene Kenner der klassischen Psychoanalyse, Ilka Quindeau und Wolfgang Schmidbauer, über einige Stunden mit einem kundigen Moderator über den Gegenstand Liebe und Begehren in der Psychotherapie diskutieren, dann weiß man hinterher mehr. Professionelle Intimität, emotionale Bedürftigkeit des Therapeuten, Verliebtheitsgefühle, Herausforderungen in der Therapie begegnen, Liebesverhältnisse beenden sind einige der in dem Buch besprochenen Themen. Die beiden Gesprächspartner schätzen und achten sich in ihrer Kompetenz, stimmen einander zu oder widersprechen sich in kultiviertem Ton und sind sich einig: „Die Liebe ist auch von zentraler Bedeutung in der Psychotherapie. Es ist die haltende, strukturgebende Liebe, die eine Veränderung erst möglich macht.“ Und dies muss deutlich abgegrenzt werden von Erotik, Schlüpfrigkeit, emotionalem und sexuellem Missbrauch, wie sie immer wieder vorkommen und an die Ethikkommissionen der Verbände gemeldet werden sollten und in extremen Fällen zum Ausschluss führen müssen.

Selbst Sigmund Freud sprach schon von „Heilung durch Liebe“ und empfahl gegen die zum Teil gravierenden Übergriffe seiner Schüler eine Lehranalyse, später sogar wiederkehrende Tranchen von neuer Überprüfung der jeweils eigenen Gefühls- und Konfliktkultur. Denn die Nähe und Intimität zwischen den beiden Partnern des „Arbeitsbündnisses“ ist groß, herausfordernd und nicht immer leicht und segensreich zu bewältigen. Denn die Analytiker „sind auch nur Menschen“, bringen ihre Bedürfnisse und Konflikte mit, sind ansteckbar und emotional empfindlich, aber dies ist gerade das segensreiche Werkzeug ihrer Gefühle und ihres Verständnisses, wenn sie geschult und durchgearbeitet sind. Die Grenzen können sogar fließend sein, deshalb braucht es gegen Verstrickung und für Klärung oft supervisorische Hilfe oder die vertraute Kleingruppe von Intervision, um der Gefahr der Vereinzelung und der Scham bei Fehlern und Unsicherheit zu entgehen, auch mit dem Wunsch, die herausfordernde Beziehung „unter Kontrolle“ zu halten.

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Die Frankfurter Lehranalytikerin Ilka Quindeau ist die korrektere und in ihrer Freud-Verehrung eindeutigere Disputantin, während man dem weit bekannten Münchener Paartherapeuten und Analytiker Wolfgang Schmidbauer seine Altersgelassenheit und seine vielen Ausflüge in verwandte Therapieformen dankt. Grundlage bleibt für beide „Sicherheit und Geborgenheit“, wie sie die „liebende Mutter ... dem Kind verspricht“. Aber für beide gilt, „seine eigene Macht kritisch zu reflektieren“. Gelassen verwenden beide den Ausdruck „Verführung“ durch den Therapeuten, nämlich zur respektvollen Partnerschaft der Arbeit an der heilsamen und disziplinierten Nähe, die dennoch klare Grenzen kennen muss. Erotische Eskapaden auf der Couch sind des Teufels und führen in aller Regel in spätere emotionale Katastrophen, die oft sogar vor Gericht landen. Aber auch gegenüber der „heilsamen Berührung“, (Titel des grundlegenden Buches des Lehranalytikers Günter Heisterkamp) sind sie skeptisch, weil „dadurch der analytische Raum eher gefährdet ist.“ Tilmann Moser

Uwe Britten, Ilka Quindeau, Wolfgang Schmidbauer: Der Wunsch nach Nähe – Liebe und Begehren in der Psychotherapie. Verlag Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2017, 168 Seiten, kartoniert, 17 Euro

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